Alles nur im Kopf?

Apr 15, 2017

Ich hatte einmal eine Yogalehrerin, die nicht nur superschlank und superflexibel, sondern auch super überzeugt davon war, dass das ihr eigener Verdienst sei. Dass sie einfach mit glücklichen Genen ausgestattet war, zog sie nicht in Betracht. Wir SchülerInnen verfolgten ungläubig ihre Verrenkungen und Verbrezelungen, und oft versuchten wir erst gar nicht, es ihr gleichzutun. Unsere offenen Münder und verzagten Blicke quittierte sie mit dem in der Spiri-Szene so beliebten Ausdruck „Alles nur im Kopf!“

Zu meinem Frust darüber, dass mein Körper nicht so biegsam, kräftig und leistungsfähig war, wie ich es gerne gewollt hätte, gesellte sich das unangenehme Gefühl, dass auch mit meinem Kopf etwas nicht stimmte. Offensichtlich war ich nicht nur zu ungelenkig, sondern auch zu doof, um mittels Geisteskraft meine körperlichen Grenzen zu überwinden.

Es wäre nett gewesen, wenn besagte Yogalehrerin uns SchülerInnen dort abgeholt hätte, wo wir gerade standen. Es wäre nett gewesen, wenn sie anerkannt hätte, dass jeder Mensch mit anderen körperlichen Voraussetzungen auf die Welt kommt. Irgendwann ging ich nicht mehr in ihre Stunden. Kurz darauf hatte sie übrigens einen dreifachen Bandscheibenvorfall. Alles nur im Kopf?

Neulich postete eine von mir sehr geschätzte Bloggerin auf facebook: „Es gibt nur eine Grenze: die im Kopf.“

„Sag das mal meinen Hüftgelenken, wenn sie Spagat machen sollen“, kommentierte ich halb im Spaß. Daraufhin antwortete sie sinngemäß, meine Hüftgelenke sollten doch bitte so lieb sein, ihre Steifigkeit von manch uralten Gedanken zu entkoppeln und sich frei, dehnbar und ganz weit und sanft zu machen.

Zuerst musste ich lachen.

Und dann habe ich bemerkt, wie meine Hüftgelenke sich – uuuaaarrrghhh – gleich noch viel mehr verkrampften.

Und wie sehr mir dieses Mind-over-matter und Alles-nur-im-Kopf-Blabla inzwischen auf die Nerven geht.

Es geht mir auf die Nerven, weil es der unendlichen Komplexität unseres Geist-Körper-Organismus einfach nicht gerecht wird. Weil es schaurig dualistisch ist: hier der Kopf und dort der Rest. Und weil es mir das Gefühl gibt, dass mit mir etwas nicht stimmt, wenn es in meinem Leben Grenzen gibt.

Dabei bedeutet einen Körper zu haben an sich schon Begrenzung, und das anzuerkennen bedeutet, Achtung vor dem Leben zu haben.

Wäre die Erfahrung der Begrenztheit nicht genau das, was wir brauchen, wären wir dann überhaupt hier?

Wir sind beides, begrenzte und unbegrenzte Wesen. Endlichkeit und Unendlichkeit vereinen sich auf geheimnisvolle Weise in unserem Menschsein. Wenn wir nur die Unbegrenztheit haben wollen und uns gegen die Begrenztheit wehren, wehren wir uns gegen unsere menschliche Natur.

Ja, auch ich habe schon in das Alles-nur-im-Kopf-Horn gestoßen. Habe über den Zoo der dummen Tiere geschrieben und darüber, dass die Gitterstäbe nur in unserem Kopf bestehen. Habe behauptet, dass wir mit dem richtigen Mindset alle Begrenzungen sprengen können.

Das alles hat ja auch seine Richtigkeit – aber es ist nur ein kleiner Teil eines viel, viel größeren Bildes.

Zum Beispiel wusste ich schon lange, dass mein Herz sich aufgrund eines vorgeburtlichen Traumas verschlossen hatte und dass meine Schmerzen in der Brustwirbelsäule von einer mit dem Herzbeutel verwachsenen und aufgrund dieses Traumas völlig erstarrten Faszie herrührten. Ein wenig nahm ich es meinem Herzen sogar übel, dass es sich trotz all der Affirmationen und des guten Zuredens nicht öffnen wollte. Aber es hatte einfach sein eigenes Tempo, seinen eigenen Heilungsweg. Irgendwann in einer Yogastunde war es dann so weit. Es machte – ich schwöre! – einen richtigen Plop, die Faszie entspannte sich, der Herzbeutel wurde weich. Danach habe ich drei Tage lang geheult, dann begann sich das Heulen immer öfter mit hysterischem Lachen abzuwechseln, und irgendwann fühlte ich mich plötzlich heil, ganz und frei.

Diese Grenze war nicht in meinem Kopf gewesen, sondern in meinem Körper – und es war unendlich wichtig, dass es diese Grenze gab, denn mein System wäre nicht einen Tag früher in der Lage gewesen, die Energie aufzunehmen und zu integrieren, die durch diesen Plop freigesetzt wurde.

Anderes Beispiel. Ich habe so viele Ideen, dass siebzehn Leben nicht ausreichen würden, um sie alle zu verwirklichen. Regelmäßig setze ich mich aber über diese Grenze hinweg und versuche, das Pensum einer ganzen Woche in einen einzigen Tag zu packen. Mein Kopf behauptet, mit fünf Stunden Schlaf müsste man doch locker auskommen, und hartnäckig stelle ich den Wecker auf vier Uhr dreißig, obwohl ich es einfach nicht schaffe, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Eine Zeit lang geht das meist gut, dann brauche ich eine deftige Migräne-Attacke, die mich für drei Tage lahmlegt, damit mein Nervensystem wieder zur Ruhe kommen und mein Organismus den versäumten Schlaf nachholen kann. Mein superschlauer Körper setzt mir eindeutige Grenzen, und dafür bin ich ihm dankbar (zumindest dann, wenn die Migräne-Attacke wieder vorbei ist. Mittendrin fällt es mir manchmal schwer, dankbar zu sein 😉 ).

Ich glaube, dass manche Grenzen sehr gesund sind. Und wenn unser Kopf in seiner maßlosen Selbstüberschätzung das nicht anerkennen will, dann muss unser Körper ihn eines besseren belehren.

Ich glaube, dass manche Grenzen uns etwas sagen möchten. Und zwar nicht unbedingt, dass wir sie überschreiten sollten, sondern eher, dass wir ihnen liebevoll begegnen und unsere Freiheit innerhalb dieser Grenzen finden können.

Ich glaube, dass uns manche Grenzen schützen wollen. Und wir tun gut daran, genau zu erforschen, mit welcher Art von Grenze wir es zu tun haben – ob sie uns aufruft, sie zu sprengen und über uns hinauszuwachsen, oder ob es darum geht, uns im Spiegel dieser Grenze selbst zu erkennen und sie als zu uns gehörig und deshalb einfach als Zeichen unser Einzigartigkeit zu verstehen.

In meinem Fall könnte das bedeuten, mich von der Idee zu lösen, dass meine Hüftgelenke unbedingt Spagat machen müssen. Nicht weil ich mich nicht aus meiner Komfortzone herausbewegen möchte oder zu bequem zum Üben wäre. Sondern einfach, weil ich meine körperlichen Voraussetzungen anerkennen und dem momentanen Zustand meiner Hüftgelenke aufrichtig begegnen möchte, statt sie dazu zu überreden, etwas zu tun, wozu sie nicht bereit sind.

Der Körper bringt in seiner eigenen Weisheit und mit seinem eigenen unfehlbaren Timing Manifestationen von unaufgelöstem Karma hervor, und zwar in Form von körperlichen Empfindungen, durch die Freisetzung von Energie, durch eine Verletzung, eine Krankheit, einen Traum, das machtvolle Aufwallen von Gefühlen, von aufgeladenen Gedanken oder Erinnerungen. […]

Wenn ein bestimmter Aspekt unseres unaufgelösten Karmas auf diese Weise in unser Bewusstsein tritt, so sagt man, eine bestimmte karmische Anlage sei ,herangereift‘. Sie ist in diesem Sinne herangereift, dass sie jetzt zusammen mit einer unvermeidlichen Einladung, manchmal mit der unausweichlichen Aufforderung an uns herantritt, sie anzunehmen, sie voll und ganz zu erfahren und sie damit aufzulösen.

Nach Auffassung des Buddhismus tauchen solche Geschenke aus der Dunkelheit des Körpers auf, in dem all unser unaufgelöstes Karma gespeichert ist. 
~ Reginald Ray (*)

Dass alles nur im Kopf ist, ist eine Idee unseres Kopfes. Und schon der gute alte Einstein merkte an, dass wir Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen können, durch die sie entstanden sind. 

 

Wenn uns der alte Klugscheißer da oben zwischen unseren Ohren also weismachen möchte, dass er sogar für all unsere Grenzen verantwortlich ist, dann ist es Zeit, ihn an seinen Platz zu verweisen und ihn einzuladen, sich vor der Weisheit des Körpers zu verneigen.

 

Ja, es gibt tibetische Mönche, die durch Konzentrations- und Atemübungen ihre Körpertemperatur so weit erhöhen können, dass der Schnee des Himalaya, in dem sie nackt sitzen, zu schmelzen beginnt. Ja, es gibt KörperkünstlerInnen, die sich um 180 Grad verschrauben und ihren Körper in Positionen bringen können, bei denen einem schon vom Hinschauen schwindlig wird. Ja, es gibt Meister, die Kraft ihrer Gedanken mehr in Bewegung bringen als andere mit ihren Händen und Füßen.

 

Aber ist nicht das wahre Wunder, dass wir überhaupt einen Körper haben, zwei Arme und zwei Beine? Dass unser Atem uns unaufhörlich im Inneren liebkost und uns Sekunde für Sekunde in einem unendlich liebevollen Rhythmus pulsieren lässt? Ist nicht das wahre Wunder, dass es überhaupt Berge gibt, auch ohne dass wir sie versetzen, und Schnee, auch ohne dass wir ihn zum Schmelzen bringen können?

 

Dass es und gibt und die Berge, das ist das wahre Wunder

Ist es nicht Wunder genug, dass es uns gibt und die Berge, auch ohne dass wir sie versetzen?

 

Es gibt solche und solche Grenzen.

 

Die einen sind im Kopf. Sie dürfen, sollen, können wir auflösen, nach und nach.

Und da sind die anderen Grenzen. Auch sie lösen sich vielleicht irgendwann auf – oder auch nicht. Egal. Es geht ohnehin um etwas ganz anderes.

Grenzen gehören zum Leben. Wenn wir das nicht wahrhaben wollen, verweigern wir uns diesem unermesslichen, geheimnisvollen, so einfachen und so komplexen, so wunderbaren und so verwundbaren Mysterium.

 

Ach, und liebe Grüße von meinen Hüftgelenken, sie sind gerade herrlich entspannt ;-).

 

(*) Das Zitat stammt aus Die Intelligenz des Körpers. Buddhistisch inspirierte Körperarbeit als Schlüssel zur Heilung und Selbstverwirklichung. Ein Buch, das ich dir allerwärmstens empfehlen kann!
Beitragsbild: Shutterstock

Big wild love, Laya

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