Raus aus der Anti-Ego-Falle! 5 gute Gründe für ein gesundes Ego

Mrz 31, 2017

Es gab Zeiten, da ließ ich mir von Stechmücken lieber literweise Blut aussaugen, als sie zu erschlagen.

Es gab Zeiten, da hörte ich wildfremden Menschen, die mir ihre ganze Lebens- und Leidensgeschichte auf einmal erzählen wollten, stundenlang zu.

Es gab Zeiten, da war ich der Überzeugung, eine „offene Beziehung“ zu akzeptieren sei ein Ausdruck bedingungsloser Liebe.

Damals dachte ich, ich sei schon ziemlich weit gekommen auf meinem spirituellen Weg – selbstlos, wie ich war.

Heute weiß ich: In Wirklichkeit saß ich in der Anti-Ego-Falle – und zwar knietief.

Es war einmal eine Schlange, die jeden, der ihr zu nahe kam, attackierte und biss. Sie wohnte in der Nähe eines kleinen indischen Dorfes, und schon auf die Entfernung erschreckte sie die Menschen mit ihrem unheimlichen Zischen.

Eines Tages kam ein Sadhu des Weges. Die Dorfbewohner baten den heiligen Mann um Hilfe, also begab er sich zu der Schlange und sprach ein ernstes Wörtchen mit ihr. „Hör mal“, sagte der Sadhu, „so geht das nicht. Friss deine Mäuse und das Getier aus dem Wald, aber hör auf, diese armen Bauern zu quälen.“

Die Schlange war beeindruckt von so viel Weisheit und willigte ein.

Ein Jahr später schaute der Sadhu wieder in dem Dorf vorbei – und was mussten seine entsetzten Augen sehen? Das arme Tier lag am Wegesrand, ein Auge baumelte aus der Höhle, aus dem Maul trat Blut, und insgesamt war es in einem erbärmlichen Zustand.

„Was ist dir nur zugestoßen?“, fragte der Sadhu.

„Ach Meister“, jammerte die Schlange. „Die Leute aus dem Dorf kamen zu mir und schlugen mit Stöcken auf mich ein, die Kinder bewarfen mich mit Steinen. Ich aber habe mich folgsam an deine Worte gehalten und mich nicht gewehrt.“

„Du Närrin!“, rief da der Sadhu. „Ich habe nicht gemeint, dass du nicht mehr zischen sollst!“

 

Zischen erlaubt! Raus aus der Anti-Ego-Falle

Zischen erlaubt! Wer sich nicht zur Wehr setzt, sitzt in der Anti-Ego-Falle.

 

 

Mit dieser Geschichte hat der hinduistische Mystiker Paramahansa Ramakrishna seinen Schülern das „Ich“ erklärt. Und sie drückt wunderbar aus, dass es durchaus Sinn macht, ein gesundes Ego zu haben. Genaugenommen ist das sogar unentbehrlich!

Wichtig ist nur, zu wissen, dass man das Ego hat und nicht ist. Dass man lernt, es zu erkennen und je nach Situation angemessen einzusetzen, ohne sich mit ihm zu identifizieren.

Leider ist das verdammt schwierig – vor allem deshalb, weil das Ego ziemlich trickreich sein und verschiedenste Gestalten annehmen kann.

Eine davon ist scheinbare Egolosigkeit. Sie kann der größte Ego-Trip überhaupt sein.

Zum Beispiel kann ein „guter Mensch“ sein zu wollen kann Ausdruck eines überhöhten Egos sein. Ein guter Mensch wird man nämlich nicht, indem man ein guter Mensch werden will. Ein guter Mensch – oder besser: ein ganzer Mensch wird man, indem man seine Schatten seeeeehr genau anschaut, sie anerkennt und integriert. Ein ganzer Mensch wird man, indem man jeden tiefschwarzen Winkel des eigenen Selbst erkundet und alles, was da in der Dunkelheit lauert, ins Licht des Bewusstseins hebt. Also auch das Ego und seine vielen Gestalten. Denn alles, was uns bewusst ist, kann uns nicht mehr unbewusst beherrschen.

Einerseits gibt es da jene offensichtlichen Formen von überhöhtem Ego, die wir schon hundert Meter gegen den Wind riechen: Rücksichtslosigkeit, nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein, Arroganz, Überheblichkeit, übersteigertes Selbstbewusstsein, Prahlen, Protzen, bessern sein wollen als andere, …

Aber auch das genaue Gegenteil – Selbstlosigkeit, Aufopferung, Bescheidenheit oder Rücksichtnahme – kann Ausdruck eines aufgeplusterten Egos sein – und genau hierin liegt die Falle. Ein paar Beispiele.

„Ich bin immer für andere da.“ Totale Selbstüberschätzung. Wer kann das schon wirklich leisten, ohne sich selbst zu vernachlässigen? Wenn du immer für andere da bist, ist bald niemand mehr da – tief drin in dir nur Leere. Anti-Ego-Falle! 

„Mir reicht das kleinste Stück vom Kuchen.“ Kontrollzwang, sich und anderen beweisen wollen, dass man nicht maßlos oder unbescheiden ist, falsches Selbstbild aufrechterhalten. Anti-Ego-Falle! 

„Ich brauche keinen Platz an der Sonne, im Schatten ist es doch auch ganz schön!“ Fröstel. Besonders beliebt in spirituellen Kreisen: Hach, meine innere Sonne scheint so hell, mein Licht strahlt, was brauche ich da äußere Umstände, um mich wohl zu fühlen? Anti-Ego-Falle! 

„Danke, aber ich schaff das auch alleine.“ Keine Hilfe annehmen können, nicht zugeben wollen, dass man überfordert ist, sich nicht auskennt oder einem alles zu viel wird. Nicht einsehen wollen, dass wir alle einander brauchen, um hier auf Erden halbwegs über die Runden zu kommen. Anti-Ego-Falle! 

„Ach, das war doch nichts Besonderes, das kann doch jeder!“ oder „Nein, nein, das Kleid ist schon ganz alt und außerdem hab ich es im Ausverkauf um 15 Euro bekommen!“ oder „Meinst du wirklich? Ich weiß nicht. Ich selbst finde meine Haare ganz furchtbar.“ Keine Komplimente und kein Lob annehmen können, sich selbst, seine Fähigkeiten, Verdienste und Leistungen klein reden. Das eigene Licht unter den Scheffel stellen, bloß nicht auffallen, als etwas Besonderes dastehen oder Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Anti-Ego-Falle! 

Gerade wir Frauen sind besonders anfällig dafür. Unser weibliches Ego, so die Autorin, Reisende und Lehrerin für meditatives Schreiben Anna Platsch, hänge sich „nicht so sehr an die ,klassischen‘ Ego-Aspekte wie Macht, Egoismus und Hochmut […], sondern eher an die des klassisch konditionierten Weibes, also gleichsam die Umkehrung – Ohnmacht, Hilflosigkeit und Minderwertigkeitsgefühle.“

„Alles was du wissen und in dir selbst beobachten musst ist Folgendes: Wann immer du dich überlegen oder unterlegen fühlst, ist dein Ego am Werk.“
~ Eckhart Tolle

Angst vor der eigenen Größe haben. Klein bleiben wollen, um andere nicht zu überstrahlen. Alles für andere tun, aber nichts für sich selbst. Falsche Bescheidenheit, nichts abgeben können und sich um alles selbst kümmern. Alles perfekt machen wollen. All das sind subtile Ego-Mechanismen.

Wir müssen das Ego sehr, sehr genau erforschen und kennenlernen, um es zu zähmen und sinnvoll zu benutzen, statt uns mit ihm zu identifizieren.

Kein Ego mehr haben zu wollen ist kein Zeichen spiritueller Verwirklichung, sondern ein subtiler Ausdruck genau jener falschen Identität, die wir eigentlich loslassen möchten.

Aber das Ich muss reifen, nicht überwunden werden. So kann es sich irgendwann, nach und nach, selbst überreifen – und zum Selbst reifen. 

Zuerst brauchen wir ein starkes, gesundes Ego. Dann können wir es transzendieren. 

Abkürzungen gibt es nicht, zumindest kenne ich keine. Wir können keinen der Schritte überspringen. Das Ego zerstören zu wollen bewirkt das Gegenteil. Es zu bekämpfen macht es extra stark. Es überwinden zu wollen gibt ihm extra viel Macht.

Die Intuitions-Trainerin Monika Laschkolnig vergleicht das Ego mit einem Hund. Wir können ihn an die Leine nehmen und uns im Bedarfsfall von ihm beschützen lassen. Unsere Macht an dieses Hündchen abzugeben und uns von ihm durch die Welt zerren zu lassen, anstatt sein Herrchen oder Frauchen zu sein, ist hingegen fatal. Den Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen zu erkennen erfordert viel, viel Selbsterforschung und Reife.

5 gute Gründe, ein gesundes Ego zu haben:

1. Du kennst deine Bedürfnisse und sorgst dafür, dass sie erfüllt werden

Das bedeutet einerseits, dass du Verantwortung für dich und dein Leben übernimmst, und andererseits, dass du weißt: Du bist es wert, dass es dir gut geht. Nur dann hast du auch den Menschen in deiner Umgebung etwas zu geben.

Sorge selbst für deine Bedürfnisse!

Mit einem gesunden Ego nimmst deine Bedürfnisse ernst und sorgst selbst dafür, dass sie erfüllt werden.

2. Du kannst Fehler und Irrtümer zugeben

Weil du weißt, dass dein Wert nicht davon abhängt, wie perfekt du bist, fällt es dir leicht, Fehler einzugestehen und dich dafür zu entschuldigen, ohne dich in Schuldgefühle zu verstricken. Und das ist wichtig – denn Schuldgefühle sind Gift für jede Beziehung, und außerdem ein absoluter Energieräuber. (Schuld ist übrigens der Dämon des zweiten Chakras).

3. Du kommunizierst klar und deutlich

Du bringst eindeutig und selbstbewusst zum Ausdruck, was du willst und was nicht. So wirst du ein verlässlicher und angenehmer Zeitgenosse für andere Menschen – zumindest für solche, die Aufrichtigkeit und Klarheit zu schätzen wissen.

4. Du lässt dir nicht von anderen ans Bein pinkeln und ziehst bewusste, klare Grenzen

Viele Menschen, die in der Anti-Ego-Falle sitzen, lassen sich viel zu viel gefallen. Sie schaffen es nicht, Grenzen zu setzen, oft aus Angst, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen oder diese zu verprellen. Dabei kann genau das die Lösung sein! Oft ist das auch genau die Erfahrung, die diese Menschen brauchen, um ihre Lektionen zu lernen. Zäune aufzustellen ist nicht unspirituell. Jeden durch deinen Garten trampeln zu lassen ist kein Zeichen für Erleuchtung. Da schon lieber eine Ego-Hündchen am Gartentor positionieren und laut bellen lassen, wenn sich ein Unbekannter nähert.

5. Du bringst deine Gaben ein

Weil du weißt, dass du ein genauso wertvoller Teil der Gesellschaft bist wie jede/r andere und dir deiner Talente und Stärken bewusst bist, bringst du diese auch ein. Du versteckst dich nicht hinter falscher Bescheidenheit und stellst dein Licht nicht unter den Scheffel, sondern zeigst, was du zu geben hast.

Ein Ego zu haben und sinnvoll zu benutzen, ist gesund – dazu muss man es allerdings sehr gut kennen und darf sich nicht mehr damit identifizieren. Es ist einfach ein Werkzeug, um gut durchs Leben gehen zu können. Und sobald man das weiß, ist das Ego gar kein Ego mehr. Denn:

„In dem Moment, in dem du dir deines Egos bewusst wirst, ist es genaugenommen gar kein Ego mehr, sondern nur noch ein altes konditioniertes Gedankenmuster. Ego impliziert Unbewusstheit. Bewusstheit und Ego können nicht gleichzeitig existieren.“
~ Eckhart Tolle

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