Bunte Punkte leiten mich

Okt 15, 2017

Und wieder gehe ich an bunten Punkten entlang, wie so oft in den letzten Jahren. In den verschiedensten Spitälern und Reha-Zentren haben sie mich geleitet. Heute haben sie mich zur Palliativ-Station geführt.

Die bunten Punkte auf grauen Linoleum-Böden, die langen Wege durch in kaltes Neonlicht getauchte Krankenhausflure, haben mich vieles gelehrt in diesen Jahren. Sie sind mir zum Anker geworden, zur Erinnerung. Jedes Mal, wenn ich an ihnen entlang gehe, erzählen sie mir, wie kostbar das Leben ist, welch ein Geschenk jeder Tag. Jedes Mal rufen sie mich auf, präsent zu werden und mich von meinen Erwartungen zu lösen. Jedes Mal machen sie mir bewusst, dass das, was gestern noch sinnvoll war, heute schon wieder obsolet sein kann. Dass ich mich auf manche Situationen einfach nicht vorbereiten kann, dass das einzige, was mir hilft,  das „Richtige“ zu sagen oder zu tun, ist, dem jeweiligen Augenblick achtsam zu begegnen.

Oft, sehr oft, war in diesen Jahren das „Richtige“ ohnehin: nichts tun. Schweigen, da sein, zuhören. Mit allen Sinnen jenem Menschen lauschen, an dessen Krankenbett ich sitze – vor allem aber mit dem Herzen.

Schweige und höre.

Neige deines Herzens Ohr.

~ Benedikt von Nursia

Ich komme seltener auf die Matte und aufs Kissen als sonst, viel seltener. Ich laufe vom Arzt zur Apotheke und wieder zurück, telefoniere mit Krankenkassen, Versicherungen und Palliativ-Schwestern, organisiere Pflegedienste, unterstütze im Haushalt, versuche, aus meterlangen Beipackzetteln schlau zu werden und die richtigen Pillen aus den vielen verschiedenen Packungen zu fischen, die sich auf dem Tisch türmen.

Oft sitze ich am Krankenbett und schweige. Es wird nicht viel gesprochen in diesen Tagen. Worte sind anstrengend und überflüssig. Wir wissen auch so.

Ich jongliere, um das Nötigste zu bewältigen in meinem Beruf, um meinen Sohn und meinen Liebsten nicht zu vernachlässigen, kämpfe gegen die Flut an Mails in meinem Posteingang, beobachte die To-Do-Liste dabei, wie sie immer länger wird, und erlebe die bunten Blätter und die schnell über den Himmel ziehenden Wolken nur durch Fensterscheiben. Selten spüre ich Wind und Sonnenstrahlen auf der Haut in diesen Tagen.

Ich bin einverstanden mit all dem. Jeden Morgen stehe ich auf und mache weiter.

Dabei gibt es Tage, an denen würde ich lieber liegen bleiben und in mein Kissen weinen.

Weinen über die Vergänglichkeit. Weinen, weil ich noch nie so viel Liebe in mir gespürt habe, so viel Frieden und so viel Dankbarkeit – eine Dankbarkeit, die mir jeden Moment dieses Lebens als so kostbar erscheinen lässt wie einen Berg von Juwelen.

Es gibt auch Momente, in denen ich wütend bin. 

Ich bin wütend auf ein System, in dem Menschen am Ende ihres Lebens unangenehme Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen, für das bisschen Pflegegeld, das allein schon von den Rezeptgebühren aufgefressen werden. Bin wütend auf eine Gesellschaft, in der es fast immer wir Frauen sind, die sich um Kinder und pflegebedürftige Menschen kümmern, wir Frauen, die, wenn wir selbst alt sind, mit sehr wenig auskommen werden müssen, weil uns die Versicherungsjahre fehlen oder weil wir viel zu wenig verdient haben. Ich bin auch wütend auf diejenigen, die sich abwenden, wenn ich von Trauer, Tod und Abschied spreche, oder die schnell über etwas anderes reden oder mir ihre Überzeugungen überstülpen, statt einfach mal nur zuzuhören.

Und es gibt Momente, in denen sich eine überraschende, spontane Heiterkeit Bahn bricht, die all die Schwere und all den Schmerz in ein helles Licht taucht, ein Licht, in dem bunte Schmetterlinge zu tanzen scheinen.

Die Sonne scheint, der Wind weht die Blätter von den Bäumen. Pralles Leben und Abschied tanzen miteinander im milden Schein des Herbstes.

Ich lerne viel in diesen Tagen. Über die unantastbare Würde des Menschen. Über das Mysterium der Lebenskraft. Und über das, was bleibt, wenn alles vergeht.

Was die Erde mir geliehen,
Fordert sie schon jetzt zurück.
Naht sich, mir vom Leib zu ziehen
Sanft entwindend Stück für Stück.
Um so mehr, als ich gelitten,
Um so schöner ward die Welt.
Seltsam, dass, was ich erstritten,
Sachte aus der Hand mir fällt.
Um so leichter, als ich werde,
Um so schwerer trag‘ ich mich.
Kannst du mich, du feuchte Erde,
Nicht entbehren? Frag ich dich.
„Nein ich kann dich nicht entbehren,
Muss aus dir einen andern bauen,
Muss aus dir einen andern nähren,
Der soll sich auch die Welt anschauen.
Doch getröste dich in Ruh
Auch der andere, der bist du.“
~ Peter Rosegger

Big wild love, Laya

Foto: © Shutterstock

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