Das Leben ist wie Tetris

Jun 23, 2017

Es ist einer jener befreienden Momente, in denen sich die unschuldige Weisheit meines Kindes so grenzgenial mit meiner Lebenserfahrung deckt, dass ich nicht anders kann als in unbändiges Lachen auszubrechen.

„Das Leben ist wie Tetris“, sagt Herr Sohn. „Je höher dein Level, desto schneller fliegen dir die Steine um die Ohren.“

Wenige Tage zuvor sitze ich mit einer Yoga-Kollegin zusammen. Wir sind beide erschöpft – emotional, körperlich und seelisch. Warum nur?, fragen wir uns. Wo wir doch beide schon so lange den Weg des Erwachens, der Bewusstwerdung gehen!

Tägliche Meditation, Yoga, Körperarbeit? Eine Selbstverständlichkeit.

Ausbildungen, Seminare, Retreats, Workshops, Therapien? Viele.

Spirituelle Bücher gelesen? Hunderte.

MeisterInnen getroffen, Traditionen kennengelernt, Methoden praktiziert und erprobt? Unzählige.

Moment für Moment in goldenes Licht getaucht, jeden Tag glücklich und gelassen, pures Beziehungsglück, berufliche Erfüllung? Da schon eher Tetris-Steine, die uns manchmal so heftig um die Ohren fliegen, dass uns Hören und Sehen vergeht.

Klar, no mud, no lotus – das wissen wir längst und vertrauen auch darauf. Nur dadurch, dass die Wurzeln der Lotusblüte tief im Schlamm stecken, kann sie zu ihrer vollen Pracht heranwachsen und erblühen.

Aber manchmal ist es einfach sooo anstrengend. Und der Schlamm ist sooo … schlammig 😊

Es soll Menschen geben – zumindest liest man in diversen Blogs und Büchern darüber – die ein bisschen meditieren, Achtsamkeit praktizieren und Yoga machen, und schon sind sie all ihre Probleme los. Dann beginnen sie zu coachen und Seminare zu halten und anderen den Weg zu immerwährendem Glück zu weisen.

Klingt sarkastisch? Tut mir leid. Vielleicht ist es bei diesen Menschen ja wirklich so, vielleicht sind sie einfach an einem anderen Punkt gestartet als ich mit meinem Schlamm-Karma. Ich kann es nicht beurteilen, und vielleicht bin ich einfach nur neidisch.

Ich weiß nur, dass mein Weg ein anderer ist. Dass es nicht einfacher wird, sondern immer tiefer und anspruchsvoller. Zum Glück macht es auch immer mehr Sinn – ja, das auch.

Die Ketten merkst du erst, wenn du daran rüttelst.

Die Ketten spürst du erst, wenn du daran rüttelst

Du verlässt das eine Gefängnis, nur um zu erkennen, dass noch viele weitere warten, aus denen es auszubrechen gilt.  Mehr und mehr wird dir klar, dass nach jeder Schicht, die du abgetragen hast, die nächste wartet. Es ist, als würdest du mehrere Mäntel übereinander tragen. Du legst den obersten ab und spürst, dass du dich von einer schweren Last befreit hast. Endlich dringt Licht herein, endlich fühlst du die Luft auf deiner Haut, endlich fühlt sich alles leichter an.

Doch dann wird dir bewusst, dass das, was du für deine nackte Haut gehalten hast, nur der nächste Mantel ist, den es abzustreifen gilt. Das, was dir wie reines Licht erschien, ist noch immer gefiltert und verzerrt durch deine Prägungen und Muster, und weit entfernt von jenem Strahlen, das du wirklich wirklich wirklich bist.

Und dann fängt alles von vorne an. Du haderst und zweifelst, trägst innere Kämpfe aus, willst den Zustand der Euphorie und Leichtigkeit zurück, hast doch gerade noch gedacht, alles verstanden zu haben – und schon ist da wieder nichts als Verwirrung.

Immer, immer, immer tiefer.

Tetris eben. Die Mechanismen des Ego werden trickreicher, subtiler und immer schwerer zu durchschauen. Immer tiefer und tiefer musst du bohren, immer genauer musst du untersuchen, immer beherzter musst du deine Schutzmasken ablegen, immer mutiger musst du das, woran du dich festgehalten hast, loslassen. Immer bereitwilliger musst du dich vom Leben auseinandernehmen lassen, damit es dich wieder neu zusammensetzen kann. Immer demütiger musst du dir eingestehen, dass du wieder am Anfang stehst. Immer hingebungsvoller musst du dich ins Nichts fallen lassen, um zu erkennen: Das Nichts ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Lass los, und du merkst, dass du nicht fällst, sondern schwebst.

Vielleicht klingt das alles nicht besonders sexy – aber es ist genau das, was ich will, auch wenn ich diesen Weg manchmal verfluche.

Und haben wir überhaupt eine Wahl?

Wenn wir einmal für einen Moment die Augen geöffnet haben, wenn wir begonnen haben zu wachsen und uns zu entfalten, können wir nicht mehr zurück.

Jeder Stillstand ist ein Schrumpfen. Jedes Festhalten an bereits Erreichtem und Verstandenem ist ein Rückschritt.

Der Transformationsmotor ist angesprungen, und nichts kann ihn mehr stoppen – denn was ihn antreibt ist pure Evolutions-Energie. Und die kennt keinen Halt. 

Die gute Nachricht.

Obwohl es immer schwieriger wird, wird es immer leichter. Denn nun kennst du die Zyklen des Erwachens bereits. Du weißt, dass nach jeder dunklen Nacht der Seele ein neuer Morgen dräut – ein Morgen, der herrlicher, heller und vollkommener ist als alles, was du bisher erlebt hast.

Und tatsächlich lernst du die dunkle Nacht zu lieben, weil du weißt, dass nur sie dich in das unendlich liebevolle und wärmende Licht des nächsten Tages führen kann. Irgendwann kommt der Punkt in deinem Leben, an dem du rufst:

Hallo Schwierigkeiten, hier bin ich! Kommt nur her, ich hab Lust, mich an euch zu reiben und von euch geschliffen werden! Denn meine größte Sehnsucht ist es, jener strahlende Diamant zu werden, den ich schon lange als mein wahres Wesen erkannt habe –  auch wenn ich mich manchmal wie ein hässliches Stück Kohle fühle!

Es ist einfacher, in einer Höhle zu sitzen und abzuheben als mit unserem Leben fertig zu werden. Wenn es schwierig wird, habt ihr die Chance, etwas zu lernen und zu verstehen.

~ Thubten Yeshe

Also. Wenn dir das nächste Mal die Schwierigkeiten um die Ohren fliegen, denk an Tetris. Du weißt, dass du auf ein neues Level zusteuerst. Du weißt, dass jedes „Problem“ eine Chance zur Transformation ist, dass es seine eigene Lösung in sich trägt, und dass diese Lösung dich auf eine neue Stufe heben wird.

Und wenn dir wirklich einmal alles über den Kopf wächst? Wenn irgendwo ein GAME OVER blinkt? Dann leg dich hin. Ruh dich aus. Schlaf eine Nacht drüber. Und beginn am nächsten Morgen ein neues Spiel.

 

Big wild love, Laya

Foto Vögel: © shutterstock

 

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