„Den Dämonen Nahrung geben“ von Tsültrim Allione

Mai 15, 2016

All das, was uns hindert, frei zu sein, kann als Dämon bezeichnet werden: Ängste, Krankheiten, Sorgen, Süchte, negative Gefühle oder innere Konflikte.

„Durch Fütterung unserer Dämonen sorgen wir nicht nur dafür, dass sie keinen  Schaden mehr anrichten“, erklärt Tsültrim Allione, „sondern geben dadurch, dass wir sie ansprechen, statt vor ihnen davonzulaufen, auch den Schattenseiten unserer selbst Nahrung, sodass die Energie, die zuvor durch unseren Widerstand gegen sie gebunden wurde, sich in eine positive, schützende Kraft verwandelt.“

Tsültrim Allione ist eine bemerkenswerte Autorin. Sie war eine der ersten Amerikanerinnen, die als tibetische Nonne ordiniert wurde, lebte im Himalaya und studierte bei tibetischen Meistern. Nach einigen Jahren kehrte sie in den Westen zurück und lebte ein weltliches Leben. Sie heiratete und wurde vierfache Mutter. Doch der plötzliche Kindstod ihrer kleinen Tochter Chiara stürzte sie in eine tiefe Depression, und sie reiste, einem Traum folgend, nach Nepal, um in den Überlieferungen von Tibets weisen Frauen Trost zu suchen, über die sie später auch ein Buch schrieb (Tibets weise Frauen: Zeugnisse weiblichen Erwachens).

Während ihrer Forschungen stieß Tsültrim Allione auf die Biografie von Machig Labdrön. Diese große tibetische Yogini verbreitete im 11. Jahrhundert die Lehren des so genannten Chöd, einer mit vielen Ritualen verbundenen Praxis, die auf das Abschneiden der Ego-Anhaftung abzielt.

Ein wesentlicher Bestandteil davon ist die Praxis des Dämonen-Fütterns. Anstatt sie zu bekämpfen, wird den Dämonen bei dieser Praxis die Energie entzogen, indem man sich ihnen zuwendet und herausfindet, was sie brauchen. Um ihnen genau das zu geben, löst man in der Meditation den eigenen Körper auf und verwandelt ihn in Dämonen-Nahrung. Ist der Dämon erstmal satt, zeigt er sich plötzlich als Verbündeter, der einen beschützt und unterstützt.

Dämonen zu personifizieren ist auch der westlichen Psychologie nicht fremd. Diese „energetischen Wesen“ entsprechen in etwa dem, was C. G. Jung als Schatten bezeichnet hat. Die Praxis des Chöd geht jedoch noch einen wesentlichen Schritt weiter, als diese Wesen nur zu personifizieren. Ihnen wird Mitgefühl und Verständnis entgegengebracht, sie werden genährt und schließlich in helfende Wesen transformiert.

Tibetische Meditationen und Praktiken sind oft mit Ritualen verbunden, die uns westlichen Menschen sehr exotisch oder gar befremdlich erscheinen. Da werden Glocken geläutet, Hörner geblasen, Mantren gesungen, es wird getrommelt, etc. Tsültrim Allione hat die Praxis des Chöd aus diesem Kontext herausgelöst, in fünf einfache Schritte unterteilt und für jedefrau zugänglich gemacht.

Ich selbst habe diese Methode zum Beispiel einmal auf den Dämon des unaufhörlichen Denkens angewendet. Er zeigte sich als hellblaues Monster mit aufgerissenem Maul, riesigen Zähnen, großen Ohren und Füßen. Als ich den Dämon fragte, was er von mir brauche, sagte er, er brauche Ruhe. Ich verwandelte mich in roten Nektar und nährte den Dämon damit. Dann schlief er ein und verwandelte sich in ein Mädchen mit langen blonden Haaren und einem weißen Kleid. Das Mädchen  legte seine sanften und angenehm kühlen Hände auf meinen Kopf. Ich lehnte meine Stirn an seine Brust und spürte, wie all der Gedankenmüll aus meinem Gehirn über ihren Körper in die Erde abfloss. Danach fühlte es sich an, als hätte ich eine völlig neue Energiequelle erschlossen. Unendlich viel Negativität war von mir abgefallen, ich fühlte mich fröhlich, leicht und wie der größte Glückspilz auf Erden.

Ein anderes Mal habe ich mich mit der Frauenarmut in meiner Familie auseinandergesetzt, die sich über viele Generationen erstreckt und mich daran gehindert hat, gut zu verdienen. Der Armuts-Dämon zeigte sich in Gestalt einer buckligen Alten mit schwarzem Umhang, über deren Kopf ein Beil schwebte. Sie schämte sich so sehr für ihre Hässlichkeit und Armseligkeit, dass sie ihr Gesicht stets unter ihrer schwarzen Kapuze verborgen hielt.

Es dauerte lange, bis ich die richtige Nahrung für sie gefunden hatte. Schließlich nährte ich ihren ausgehungerten Körper mit goldenem, warmem Licht. Daraufhin verwandelte sie sich in eine riesige Sonnenblume, die mit ihrem starken Stamm und ihrer wunderschönen Blüte an meiner Seite wuchs. Sie erinnerte mich an meine eigene Größe und Stärke, und an meinen inneren Reichtum, der unweigerlich auch zu Reichtum im Außen führen würde, sofern ich mir das erlaubte, anstatt mich ihm aus Loyalität mit meinen Ahninnen zu verschließen.

Die Sonnenblume forderte mich auf, ihre Samen einzupflanzen, und so entstand ein riesiges goldenes Sonnenblumenfeld, das auch andere Menschen nährte. Ich verstand, dass ich es meinen Ahninnen schuldig war, das Familienerbe der Armut zu durchbrechen und ihnen zu Ehren ein Leben in Fülle zu führen.

Natürlich lösen sich derart komplexe Themen nicht mit einmal Dämonen-Füttern auf. Aber die Methode kann viel Licht in eine Sache bringen und fördert ein tieferes Verständnis unserer Blockaden. Vor allem durch die Visualisierung, die Identifizierung und die Transformation des eigenen Körpers in Nektar für den Dämon wirkt sie sehr eindringlich und nachhaltig.

Aber auch wenn du diese Praxis nicht wirklich durchführen möchtest, kann ich dir Tsültrim Alliones Buch von Herzen empfehlen. Es gibt einen Einblick in die faszinierende Welt des tibetischen Buddhismus, und erklärt anhand konkreter Beispiele jene psychoenergetischen Zusammenhänge, die bei vielen Menschen Energielosigkeit und Mangel an Klarheit, Fokus und Lebenssinn bewirken.

Vor allem aber erklärt Tsültrim Allione sehr verständlich, was ein Dämon wirklich ist, sofern wir uns ihm zuwenden und uns mit ihm verbünden: ein Wesen, das uns den Weg weist und uns beschützt. Das Wort Dämon stammt übrigens aus dem Griechischen: Daimon bedeutet übersetzt „göttliche Macht“ oder „Bestimmung“.

Tsültrim Allione:
Den Dämonen Nahrung geben: Buddhistische Techniken zur Konfliktlösung

 

 

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