Der Weg aus der Traurigkeit

Jun 17, 2017

Die Sonne strahlt vom hellsten Himmel, den man sich vorstellen kann.

Ich bin trotzdem traurig.

Ich bin umgeben von wunderbaren Menschen, mit denen ich aufrichtige und liebevolle Beziehungen pflege.

Ich bin trotzdem traurig.

Ich liebe meine Arbeit, folge meiner Berufung, finde Sinn und Erfüllung in meinem Tun.

Ich bin trotzdem traurig.

Und es ist unendlich schwierig für mich, meine Traurigkeit einfach zuzulassen.

„Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen“, schimpft die Gefühlspolizistin in mir. „Du hast überhaupt keinen Grund, traurig zu sein!“

„Sei nicht immer so emotional“, raunt mein rigider männlicher Anteil. „Du immer mit deinen Stimmungsschwankungen! “

„Wahrscheinlich bekommst du einfach deine Tage“, säuselt die Mitfühlende. „Oder ein Wetterwechsel steht bevor. Du wirst sehen, es geht vorbei.“

„Wie wär’s mit ein bisschen Dankbarbkeit?“, fordert die Motivationstrainerin mich auf. „Denk einfach an drei Dinge, für die du dankbar bist – das vertreibt deine Trauer im Nu. Garantiert!“

Ruuuuuuhe da oben!“, ruft etwas in mir, und am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten und laut schreien, damit ich all diese superschlauen Stimmen in meinem Kopf nicht mehr hören muss.

Kann ich nicht einfach mal nur traurig sein? Ohne Grund und abgrundtief?

„Ich habe herausgefunden, dass unsere lebenslange Angst vor der Trauer uns an einem ausgedörrten, isolierten Ort festhält, und dass trauern das einzige ist, was unsere Trauer zu heilen vermag“, schreibt die von mir leidenschaftlich verehrte Anne Lamott in Traveling Mercies: Some Thoughts on Faith. „Ich bin ziemlich sicher, dass wir nur dann geheilt werden können, wenn wir das Meer der Traurigkeit in einer nackten und unmittelbaren Weise erfahren.“ (*)

Im Meer der Traurigkeit zu schwimmen ist heilsam.

Wenn wir mutig genug sind, im Meer der Traurigkeit zu schwimmen und uns unseren Gefühlen hinzugeben, können wir Heilung erfahren.

Interessanterweise müssen wir gar nicht jedes Mal stunden-, tage- oder wochenlang durch ein Tal der Tränen gehen, um unserer Traurigkeit genug Raum zu geben. Oft reichen ein paar Minuten. Ein bisschen schluchzen. Ein paar Tränen. Ein paar Zeilen im Tagebuch. Und schon fühlt sich alles wieder ganz anders an, ein Duft von Frieden und Heilung umhüllt uns und weitet unser Herz.

Immer wieder habe ich über meinen Sohn gestaunt, als er noch klein war. Es kam nicht oft vor, dass er traurig war, aber wenn, dann waren seine Tränen herzzerreißend. Ich habe nie versucht, ihn aufzuheitern oder von seiner Traurigkeit abzulenken. Intuitiv wusste ich, dass es ausreichte, da zu sein und seine Traurigkeit zu bezeugen. Innerhalb kürzester Zeit wandelte sich dann seine Stimmung um 180 Grad und er war wieder quietschvergnügt, fröhlich und zu allen Schandtaten bereit.

Kinder beherrschen es perfekt - sie lassen ihre Traurigkeit zu, um dann wieder lachen zu können.

Kinder beherrschen es perfekt – sie lassen ihre Traurigkeit zu, sie lassen ihre Tränen fließen, um dann wieder unbeschwert lachen zu können.

Manchmal, wenn ich traurig bin und weinend in den Armen meines Liebsten liege, versucht dieser mich zu trösten. Dann erzählt er mir, dass alles wieder gut wird, oder dass ich ein wunderbarer Mensch bin. Es hat ein wenig gedauert, bis ich ihm verständlich machen konnte, dass seine Worte gar nicht notwendig sin, dass sie meinen Trauerprozess sogar stören. Inzwischen weiß er: Sein Da-Sein ist das einzige, was ich in solchen Momenten brauche.

„Wie es in einem türkischen Sprichwort heißt: ,Wer seinen Kummer verbirgt, vermag kein Heilmittel dafür zu finden.‘ Unterdrückter Kummer setzt sich fest, Kummer und Leid ändern sich und lösen sich besser auf, wenn wir unsere Tränen fließen lassen“, schreibt Sue Patton Thoele in Anleitungen zur inneren Harmonie.

Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich glaube, dass das Zulassen der Traurigkeit schon das entscheidende Heilmittel gegen den Kummer ist – zumindest eine wesentliche Zutat dafür.

Denn mit Gefühlen ist es so eine Sache. Manche sind uns willkommen, andere sind uns unangenehm. Wir wollen sie nicht haben, bewerten sie als „negativ“ oder empfinden sie als Schwäche.

Oder wir pathologisieren sie sogar. Gemäß dem Handbuch der psychischen Krankheiten der American Psychiatric Association (APA) gilt die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, wenn sie länger als zwei Wochen anhält, als behandlungswürdige psychische Erkrankung. Häääää?

Ich meine: Traurigkeit gehört ebenso zum menschlichen Empfindungsspektrum wie Freude oder Glück, so wie die Nacht zum Tag, so wie der Regen zum Sonnenschein. Wenn wir uns von unserer Traurigkeit abschneiden, sie unterdrücken oder mit Glücksaffirmationen übertönen, schneiden wir uns von einem wesentlichen Teil unserer Lebendigkeit ab. Und verlieren dadurch unsere Ganzheit.

Gefühle sind wie Wellen. Sie kommen und gehen, sie haben keinen Bestand und oft nicht einmal einen bestimmten Grund. Wenn wir einfach weit werden, wenn wir diesen Gefühlswellen Raum geben und sie durch uns hindurchschwappen lassen, dann lösen sie sich irgendwo im weiten Meer unseres Gewahrseins auf.

Wenn wir sie hingegen wegschieben, wenn wir es als „Schwäche“ empfinden, so oder so zu fühlen, dann verkrampft sich etwas in uns und die Wellen stecken fest. Wir verweigern uns der Realität. Wir wollen etwas, das nunmal da ist, nicht haben, und verfestigen damit seine Existenz, die sich ansonsten fließend und natürlich wandeln, transformieren oder auflösen könnte.

Leben = Lachen + Weinen + alles dazwischen.

Ich will das ganze Package.

Du auch?

Big wild love, Laya

Titelbild: Becca Matimba

Foto Frau im Wasser: averie woodard

Foto Kind: © shutterstock

(*) Übersetzung von mir

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!