Big Magic: 7 Tipps für ein kreatives Leben

Nov 26, 2016

Es ist drei Uhr morgens. Plötzlich bin ich hellwach. In meinem Inneren tanzen die Worte, die Ideen sprudeln nur so. Mein Körper vibriert wie elektrisiert, mein Gehirn summt, als wäre es an eine Hochspannungsleitung angeschlossen. Wenn ich nicht sofort aufstehe und alles aufschreibe, muss ich platzen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Am Vortag habe ich lange Yoga gemacht, ich war tanzen, hab mir Zeit für achtsames Kochen genommen, habe Seite um Seite in mein Journal geschrieben und am Abend eine Karte für eine liebe Freundin in der Ferne gestaltet. Mein Geist war frei, mein Herz weit und mein Körper durchlässig.

So funktioniert’s.

Schmetterling Zentangle
Zitat Hesse

Ein paar Tage später. „Bloggen“ steht auf meiner To-Do-Liste. Tagelang war ich absorbiert von Jahresabschlüssen, Statistiken und Planungen fürs nächste Jahr, den schlechten Noten meines Sohnes auf Mathe- und Geometrie-Schularbeit, dringenden Terminen, Erledigungen und Redaktionsschlüssen.

„Bloggen“ steht da. Und kein einziges Wort will über meine Finger in die Tastatur fließen.

So funktioniert’s NICHT.

Nicht umsonst ruft Julia Cameron uns in ihrem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ dazu auf, regelmäßig „Künstlertreffs“ mit uns selbst abzuhalten:

„Ein Künstlertreff ist ein wöchentliches Zeitfenster von vielleicht zwei Stunden, das Sie sich freihalten, um Ihr kreatives Bewusstsein und Ihren inneren Künstler zu nähren. In seiner ursprünglichsten Form ist der Künstlertreff ein Ausflug, eine Verabredung zum Spielen, die Sie im Voraus planen und gegen alle Übergriffe verteidigen. Sie nehmen niemanden auf diesen Künstlertreff mit außer Ihren inneren Künstler beziehungsweise Ihr kreatives inneres Kind… Wenn Sie das dumm finden oder der Meinung sind, dass Sie nie so viel Zeit erübrigen können, dann erkennen Sie diese Reaktion als Widerstand an. Sie können es sich nicht leisten, für Künstlertreffs keine Zeit übrig zu haben. Ihr Künstler muss ausgeführt und verwöhnt werden …“
~ Julia Cameron

Kreativität braucht Raum. Kreativität braucht Zeit. Kreativität braucht Offenheit für den Fluss des Lebens.

Wenn wir der Muse keine Landebahn bauen, fliegt sie an uns vorbei.

Wenn wir alles planen und kontrollieren wollen, kann die Kreativität mit ihrer eigenen Zeitlogik und ihrem eigenen Flow sich nicht entfalten.

Wenn wir ständig gedanklich in zukünftigen Ergebnissen, Zielen und Resultaten gefangen sind, statt im gegenwärtigen Moment zu sein, sind wir nicht offen für den Hauch der Inspiration.

Wenn unser Leben so laut und geschäftig ist, dass wir keine Zeit zum Lauschen haben, hören wir nicht, wenn die Ideen bei uns anklopfen.

„Die meisten Menschen haben zwei Leben: das, das sie führen, und das ungelebte, das all ihr Potenzial beinhaltet. Zwischen diesen beiden Leben stehen die inneren Widerstände.“
~ Steven Pressfield

In ihrem wunderbaren Buch Big Magic: Creative Living Beyond Fear beschreibt Elizabeth Gilbert, die Autorin von Eat, Pray, Love, Ideen als Wesen, die darauf warten, dass ein williger Mensch sie aufgreift und verwirklicht. Als Beispiel schildert sie, dass sie einen Roman begonnen und dann wieder aufgegeben hat. Einige Zeit später erzählte ihr eine befreundete Autorin von ihrem neuen Romanprojekt – und Gilbert staunte nicht schlecht, als sie hörte, dass ihre Freundin praktisch haargenau jene Geschichte zu Papier brachte, die sie selbst Jahre zuvor fallengelassen hatte.

Mir ging es übrigens schon öfter genauso – nicht nur mit Buch-Ideen, sondern auch mit meinem Yogastudio. Ein paar Monate lang suchte ich intensiv nach den richtigen Räumen. Bei zwei Objekten war ich nahe daran, einen Mietvertrag zu unterschreiben, tat es dann aber doch nicht. Kaum ein paar Wochen später entstanden genau in diesen Räumen Yogastudios. Die Ideen hatten bei mir angeklopft, aber ich hatte Nein gesagt. Also haben sie sich jemand anderen gesucht, der sie verwirklichen würde …

„Ideen enthalten ihren eigenen Entwicklungspfad, der enthüllt werden möchte, so wie ein Samenkorn den Bauplan für die Pflanze enthält … Ideen haben ein Eigenleben, und wir sind Geburtshelfer – wir verhelfen ihnen und gleichzeitig uns selbst zur Geburt. Dann werden wir ihre Eltern – wir kümmern uns um sie und schauen ihnen zu, wie sie zu dem werden, was sie werden sollen. Wenn wir eine enge Beziehung zu ihnen zulassen, lehren sie uns und zeigen uns den Weg.“ 
~ Nick Williams

„Für die meisten Menschen ist die Vorstellung, dass der Schöpfer uns zur Kreativität ermutigt, ein radikaler Gedanke. Wir glauben lieber oder befürchten, dass das Ausleben unserer Kreativität etwas Egoistisches ist und Gott missfällt …

Im Zentrum der Kreativität steht die Erfahrung mystischer Vereinigung; im Zentrum mystischer Vereinigung steht die Erfahrung von Kreativität … Sie streben ein kreatives Bündnis von Künstler zu Künstler mit dem Großen Schöpfer an. Wenn Sie diese Vorstellung für sich annehmen, dann erweitern Sie Ihre kreativen Möglichkeiten ins Unermessliche.“
~ Julia Cameron

Kreativität findet ihren Ausdruck nicht nur in großen und berühmten Kunstwerken. Deine Kreativität kann sich auch darin zeigen, wie du den Tisch deckst, deine Suppe würzt, deine Emails schreibst oder dich kleidest.

Nichts ist so befriedigend, wie Inspirationen, Ideen und Impulse aufzugreifen und etwas Einzigartiges daraus zu schaffen.

Nichts ist so erfüllend, wie aufzugehen in der grenzenlosen, schöpferischen Bewegung der Entfaltung, in der sich das Universum von Augenblick zu Augenblick befindet.

Nichts macht uns so lebendig, wie uns dem kreativen Flow hinzugeben.

„Only an artist can allow herself to act for nothing, for no reason other than the beauty of the act, of the moment. A drawing has no use in the final scheme of things, and that’s what is touching: this absolute needlessness, a time spent only in the service of beauty as a tiny offering to the great beauty of reality, to its limitless and unequaled wealth. The act of creation is the celebration of the moment, of living, and of everything which goes beyond the need to possess and rule.“
~ Nathalie Delay

Hast du Lust auf ein kreatives Leben? Spürst du, dass in dir ein Künstler, eine Künstlerin lebt, ein kleines, kreatives Kind, das spielerisch und ohne Angst vor dem Scheitern experimentieren und seine Lebendigkeit ausdrücken möchte? 

Hier sind ein paar Tipps, wie du Inspiration und Kreativität in dein Leben einladen kannst!

1. Lass dich inspirieren!

Was inspiriert dich? Sind es gute Bücher und alte Bibliotheken, der Besuch im Museum, der Spaziergang über den Flohmarkt, die Natur, Kinofilme, Reisen in fremde Länder oder anregende Gespräche mit FreundInnen? Finde heraus, was den Künstler, die Künstlerin in dir hervorlockt. Finde heraus, was dein inneres kreatives Kind zum Spielen einlädt. Und dann gib dem Raum in deinem Leben. Und mehr davon. Und noch mehr!

„Wenn wir Ja zur Inspiration sagen, verbinden wir uns mit einer Kraft, die größer ist als wir. Sie verwandelt uns und fördert unsere Entwicklung.“
~ Nick Williams

2. Finde deinen einzigartigen Ausdruck!

Wie möchte die Kreativität sich durch dich ausdrücken? Was hast du als Kind gerne gemacht? Gemalt, getanzt, gesungen, Theater gespielt, dich verkleidet, Witze erzählt? Experimentiere mit verschiedenen Formen, sei spielerisch und neugierig! Vielleicht gibt es ungeahnte Talente in dir, die lange verschüttet waren und jetzt zum Vorschein kommen möchten?

3. Beweg dich!

Manchmal haben wir das Bild des Künstlers im Kopf, der zurückgezogen in seinem armseligen Kämmerchen hockt, raucht und trinkt und seine Gesundheit der Kunst opfert.

Natürlich gab es im Lauf der Geschichte KünstlerInnen, die sich selbst ruiniert haben auf ihrem kreativen Pfad.

Aber im Grunde brauchen wir einen gesunden, lebendigen und beweglichen Körper, um unsere Energiekanäle zu öffnen und empfänglich zu sein für die Inspiration.

Bewegung hilft uns, in Fluss zu kommen und aus unseren Gedankenspiralen auszusteigen. Wir bringen die Energie in Bewegung und schaffen Raum für neue Ideen.

Wann hast du das letzte Mal getanzt? Wann warst du das letzte Mal schwimmen oder eislaufen?

Wann hast du das letzte Mal in der kosmischen Suppe umgerührt?

4. Verbinde dich mit anderen!

Auch wenn kreative Menschen immer wieder die Einsamkeit suchen – und sie auch brauchen! – benötigen wir ebenso den inspirierenden Austausch mit anderen, damit unsere Kreativität sich entfalten kann.

Welche Menschen beleben dich und lassen deine Ideen sprudeln? Mit wem hättest du Lust, gemeinsame Projekte zu starten? Wer könnte dein Buddy sein auf dem kreativen Pfad?

„Als Beschützer unseres Künstlers müssen wir lernen, ihn mit gesunden und förderlichen Spielkameraden zuammenzubringen … Der schlechteste Umgang für den genesenden Künstler sind Menschen, deren Kreativität unterdrückt ist. Dass wir unsere kreative Reise angetreten haben, stellt für sie eine Bedrohung dar.“
~ Julia Cameron

Ein wunderbares Beispiel von kreativem Austausch aus meiner jüngsten Vergangenheit:

Da gibt es diese starke Vision von mir: Australien. Der Dschungel, das Meer, die englische Sprache, die Weite, … Immer wieder – obwohl ich den fünften Kontinent noch nie bereist habe – taucht diese tiefe Sehnsucht in mir auf.

Nun bin ich ein Mensch der Worte und nicht der Bilder, ganz im Gegensatz zu meiner Freundin Andrea, die mich schon öfter mit ihren bunten, originellen Bildern inspiriert und begeistert hat. Also habe ich sie gebeten, ein Bild von meiner Vision für mich zu malen. Die Vorgaben waren: Blau-grüne Wunderwelt, ein weißer Papagei, ein weißer Gartenzaun, Schlangen und Krokodile, und der Satz „Sie küssen sich über den Gartenzaun hinweg und es ist gut.“

Ein paar Monate später kam sie mit dem Bild zu mir. Das Kunstwerk ist über lange Zeit hinweg entstanden, war sogar mit in Kroatien am Meer. Und jetzt hängt es in meiner kleinen Oase, um mich Tag für Tag zu inspirieren und mich mit meiner Vision zu verbinden:

5. Stärke deine Kreativ-Chakras!

Vor allem das zweite und das fünfte Chakra stehen in enger Verbindung mit unserer Kreativität.  Bildhauer, Tänzerinnen oder Maler sind häufig Sakral-Chakra-Typen –  ihre Kreativität ist sinnlich und mit der materiellen Ebene verbunden. „Luftigere“ Ausdrucksformen wie Poesie und Musik stehen eher in Verbindung mit dem Kehlkopfchakra. Um in einen kreativen Fluss zu kommen, sollten alle Chakren in Harmonie sein.

Ist das Wurzelchakra blockiert und sind wir von Existenzängsten geplagt, kann sich Kreativität nicht entfalten. Menschen mit einem Ungleichgewicht im Solarplexuschakra fehlt die Durchsetzungskraft, um ihre kreativen Ideen zu verwirklichen. Ist das Herzchakra nicht offen, kann kein inspirierender Austausch mit anderen stattfinden, und uns fehlt der Mut, unseren Herzensweg zu gehen. Ein blockiertes Stirnchakra verhindert das visionäre Sehen, das kreativen Menschen zu eigen ist, und nur mit einem offenen Kronenchakra können wir uns mit dem Kosmos verbinden und zum Kanal für die Schöpfung werden.  Jede Art von Chakra-Arbeit, sei es durch Asanas, Meditationen oder Singen und Tönen hilft daher unserer Kreativität, in Fluss zu kommen!

6. Vergiss Perfektion!

„Je höher wir die kreative Messlatte legen, desto größere Geschütze fahren die inneren Widerstände auf.“
~ Nick Williams

Nichts blockiert uns so sehr wie die Vorstellung von Perfektion. Und doch ist der menschliche Geist so programmiert, dass wir den Fehlern viel mehr Bedeutung beimessen als dem Gelungenen.

Wer ein kreatives Leben führen möchte, muss sein Gehirn umprogrammieren. Nur wenn wir bereit sind, zu experimentieren, zu erforschen,  zu erproben,  zu scheitern und immer wieder von vorne zu beginnen, werden wir vom schöpferischen Fluss des Lebens getragen.

7. Vergiss das Ergebnis, vergiss den Erfolg!

Oft möchten wir schon angekommen sein, bevor wir überhaupt angefangen haben. Noch bevor wir den ersten Schritt gesetzt haben, möchten wir schon wissen, wohin die Reise uns führen wird.

Das funktioniert vielleicht auf einer organisierten Busreise, aber sicher nicht auf der Reise der Kreativität.  Auf diesem Pfad müssen wir die Unsicherheit in Kauf nehmen. Wir können nicht wissen, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt, welche Hindernisse und Umwege uns erwarten, und ob wir nicht irgendwann einmal die Richtung völlig ändern müssen. Aber genau das macht diesen Weg so spannend!

Kreativität ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Wer mutig genug dafür ist, wird reich belohnt!

Buchtipps und andere Inspirationen:

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität

Elizabeth Gilbert: Big Magic: Creative Living Beyond Fear
(gibt’s auch auf Deutsch: Big Magic: Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen)

Absolut empfehlenswert ist auch der dazugehörige Podcast „Magic Lessons“!

Nick Williams: Durch Inspiration wird alles leicht. Ein direkter Weg zu Ideenreichtum und Kreativität

Breath made visible – ein wunderbarer Film über Anna Halprin und Tanz als kreative und heilsame Ausdrucksform

Getting closer to truth with art – ein Text von Nathalie Dealy über Kunst als Weg, die Schönheit des Lebens zu sehen und auszudrücken (auf Englisch)

Yoga und Kreativität – erwecke den Künstler in dir! Ein Gastartikel von mir im yoga aktuell Blog

Video: Lesung Dr. Frank Berzbach – “Die Kunst ein kreatives Leben zu führen”:

 

Big wild love, Laya

Beitragsbild: © olly – Fotolia

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!