Geh mir weg mit deiner Lösung!

Mrz 1, 2016

Du hast Probleme. Große vielleicht sogar. Oder viele. Das Leben voller Baustellen. Schön.

Ich verrate dir ein Geheimnis: Jeder Mensch hat das. Nur: Die einen reden über Probleme – und die anderen lösen sie. 

Als mein Sohn noch klein war, haben wir einmal auf einem Indiander-Camp gelebt. Mit Zelt und offenem Feuer, mit Ritualen und Redekreisen. Ja, genau. Jeder Clan hielt einmal täglich einen Redekreis ab. Wer den Redestab in der Hand hielt, hatte das Wort und bekam volle Aufmerksamkeit. Niemand kommentierte, niemand redete dazwischen. Im Laufe der Woche flossen in unserem Clan unglaublich viele Tränen und es wurde unglaublich viel gelacht. Es ist so heilsam, gehört zu werden.

Meine Freundin V. hat die wildeste rote Lockenmähne dieser Welt. Im Hauptberuf ist sie PR-Expertin, im Nebenberuf Kräuterhexe. Von ihr habe ich eine neue Redekreis-Regel kennengelernt: Du darfst dreimal vom gleichen Problem erzählen. Wenn du beim vierten Mal nicht zumindest einen kleinen Schritt in Richtung Lösung gegangen bist, drehen sich alle Männer und Frauen im Kreis wortlos um und wenden dir den Rücken zu.

Seit mein Sohn in die Schule geht, habe ich ein Problem. Kein Schulproblem, nein. Ein Ferienproblem. Da ich selbstständig bin und mir die Zeit frei einteilen kann, glaube ich, während  der Ferien zuhause arbeiten zu müssen. Jedes Mal führt das innerhalb kürzester Zeit zu einer Krise. Die ständigen Unterbrechungen und das Nebeneinander von Arbeit, Haushalt und Muttersein zehren an meinen Nerven. Ich beginne herunzuzicken. Werde reizbar. Ungemütlich. Unausstehlich.

In den letzten Ferien, als ich gerade meinem Geliebten mein Leid klagen wollte, hielt ich plötzlich inne. Ich stellte mir vor, in einem Redekreis zu sitzen. Und ich sah, wie alle schweigend aufstanden und mir den Rücken zukehrten. Gänsehaut.

„Geh mir weg mit deiner Lösung! Sie wär‘ der Tod für mein Problem“, singt die wunderbare Annett Louisan in diesem Lied.

Wir haben Probleme. Und wollen sie loswerden. Zumindest glauben wir das. Aber sehr, sehr oft ist das Gegenteil der Fall. Wir LIEBEN unsere Probleme. Wir BRAUCHEN sie. Und wir lieben es, über sie zu reden.

In Wirklichkeit willst du dein Problem gar nicht lösen. Es hat nämlich viele Vorteile für dich:

  • Du hast immer etwas, worüber du sprechen kannst. Und oft auch jemanden, der dir zuhört.
  • Dein Problem mag unangenehm sein, aber immerhin ist es dir vertraut. Würdest du es lösen, würde sich vieles verändern. Veränderung bedeutet Unsicherheit. Und die ist auf den ersten Blick oft noch unangenehmer.
  • Solange du über deine Probleme jammerst, bist du ein Opfer. Das bedeutet, dass du nichts tun kannst und daher auch nichts tun MUSST. Statt die Ärmel hochzukrempeln und die Sache anzugehen, lehnst du dich zurück und starrst auf dein Problem wie ein Karnickel auf die Schlange. Das mag bequem sein – aber sich aktiv eine prächtige Zukunft zu erschaffen sieht anders aus.

Mein Ferienproblem zum Beispiel hatte folgende Vorteile für mich:

  • Ich hatte eine gute Ausrede dafür, mit meiner Arbeit nicht voranzukommen.
  • Ich musste mich nicht wie eine verantwortungslose Mutter fühlen, der die Arbeit wichtiger ist als ihr Kind. Indem ich mein Problem behielt, vermied ich, mich mit meiner Mutterrolle auseinanderzusetzen, mich von dem Bild zu lösen, das ich von mir als fürsorgliche und stets verfügbare Mutter hatte – ein Bild, das ich von meiner eigenen Mutter eingeprägt bekommen hatte, die ihren Beruf aufgegeben und bei mir und meinem Bruder zuhause geblieben war. Statt mich auf den – eventuell schmerzhaften – Prozess einzulassen, meine Identifikation mit der perfekten Mutter aufzulösen, schmorte ich lieber Jahr für Jahr im altbekannten Ferien-Leid.
  • Mein Geliebter  hatte mir angeboten, die Hälfte der Woche zuhause zu arbeiten, aber ich hatte abgelehnt – klarer Fall von „Geh mir weg mit deiner Lösung!“ 🙂 Ich wollte lieber weiterhin das Opfer sein, als seine Unterstützung anzunehmen – und mich hilfsbedürftig zu fühlen.

Hand aufs Herz:

  • Über welches Problem redest du schon seit Jahren, ohne einen Schritt in Richtung Lösung gegangen zu sein? Bei welchem deiner Probleme würden die Menschen im Redekreis aufstehen und dir den Rücken zukehren? Stell dir diese Situation ganz bildlich vor. Wie fühlt es sich an?
  • Welche Vorteile hat dieses Problem für dich?
  • Welchen Nutzen hast du davon, und was würde es dich kosten, es zu lösen – oder einfach loszulassen?

Und jetzt heb die Hand zum Schwur:

Ich werde so lange nicht mehr über dieses Problem sprechen, bis ich einen beherzten Schritt in Richtung Lösung gegangen bin.

Wie fühlst du dich jetzt? Stark? Entschlossen?

Vielleicht hast du immer noch Zweifel, ob du dein Problem lösen kannst. No worries: Zweifel gehören dazu.

Denk daran:

Jedes Problem trägt seine Lösung in sich. Es GIBT die Lösung längst. Sie wartet nur darauf, von dir gefunden zu werden. 

Darauf kannst du vertrauen.

Die Lösung für mein Ferienproblem sah übrigens so aus:

  • Mein Geliebter, der sich viel besser gegen Störungen abgrenzen kann als ich,  arbeitete zwei Tage die Woche zuhause.
  • An den restlichen Tagen arbeitete ich vormittags auswärts, mittags kam ich nachhause und kochte für mich und meinen Sohn. Wenn sich am Nachmittag noch Arbeit ausging, gut. Wenn nicht: auch gut. Da ich am Vormittag super produktiv gearbeitet hatte, konnte ich damit leben.
  • Mein Sohn fuhr zwei Wochen auf Feriencamp. Er war zwar nicht besonders glücklich darüber, aber ich wusste, dass es ihm gut tat, Zeit mit anderen Kindern und im Freien zu verbringen.

Wie schaut die Lösung für dein Lieblings-Problem aus? Inspiriere mich und andere mit deinem Kommentar!

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!