Gelegenheit macht Liebe!

Mrz 4, 2015

Meine Interviewpartnerin hat ihr Handy in der Toilette versenkt und ist nicht erreichbar. Ich habe keine Ahnung, in welchem Hotel sie abgestiegen ist. Wofür ist das die Gelegenheit? Mein Geliebter erzählt mir, dass in seiner Firma Mitarbeiter entlassen werden und es auch ihn treffen könnte. Wofür ist das die Gelegenheit? 

Mein Freund A. ist ein meisterhafter Gelegenheitsliebhaber. Doch das war nicht immer so. Vor langer Zeit, als ich ihn zum ersten Mal besuchte, zeigte er mir einen Riss in der Mauer seines Hauses. Dieser Riss vergällte ihm tagtäglich die Freude am selbsterrichteten Heim. Damals habe ich mich gefragt, warum er diesen Makel nicht als Zeichen für die Vergänglichkeit aller Dinge sehen konnte, oder aber als Gelegenheit, sich zu fragen, worauf der Riss ihn hinweisen könnte, frei nach Leonard Cohen: There is a crack in everything. That’s how the light gets in.

Jahre später. Mein Freund hat sein Haus verkauft. Seine Ehe ist zerbrochen, er hat eine schwere Krankheit, eine schwere Krise und viele verzweifelte, einsame Nächte hinter sich. Er hat die Freude am Gitarrespielen, am Malen und am Kochen (wieder)entdeckt. Er hat eine neue Liebe gefunden, vor allem aber die Liebe zu sich selbst. Und: Er ist zu meinem Lehrer geworden. Denn er hat das Buch „When things fall apart“ der buddhistischen Nonne Pema Chödron nicht nur gelesen, sondern er setzt ihre Weisheit konsequent in seinem Leben um. Ein Satz und eine Frage sind es vor allem, an denen er sein Denken und Handeln ausrichtet:

1. Alles, was ist, ist richtig, sonst wäre es nicht.

2. Wozu ist das die Gelegenheit? 

Dass das Smartphone meiner Interviewpartnerin im WC landete führte dazu, dass ich, meiner Intuition folgend, durch die Straßen der fremden Stadt lief und nach kurzer Zeit vor dem richtigen Hotel stand.

Dass der Arbeitsplatz meines Geliebten – und damit unsere finanzielle Sicherheit – von den Sparmaßnahmen seiner Firma bedroht sein könnten, führte dazu, dass ich nach dem ersten Schock mein Vertrauen wiederfand. Sollte es damit wirklich ernst werden, wäre das DIE Gelegenheit für ihn, eine Auszeit zu nehmen, seine Vision zu finden, etwas ganz Neues auszuprobieren, den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Und es wäre eine Gelegenheit, unseren Zusammenhalt und das Vertrauen ineinander zu stärken.

Jeder Tag steckt voller Gelegenheiten für Liebhabereien! Zum Beispiel:

  • Der Bus fährt dir vor der Nase davon. Gelegenheit, um nervös von einem Bein auf das andere zu treten und die Minuten zu zählen? Nein! DIE Gelegenheit, um darüber nachzudenken, dass „hetzen“ von „Hass“ kommt und du gerade vom Leben dazu aufgefordert wirst, Selbstliebe statt Selbsthass zu kultivieren. Oder um wieder mal ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, vielleicht einen Weg, den du noch nie gegangen bist.
  • Deine Freundin sagt eure Verabredung kurzfristig ab. Gelegenheit, um stattdessen zu bügeln oder die Steuererklärung zu machen? Nein! DIE Gelegenheit für ein spontanes Rendezvous mit dir selbst. Vielleicht mit Kerzenschein und einem guten Buch, vielleicht mit einem duftenden Vollbad, vielleicht mit alten Fotos und Schwelgen in Erinnerungen.
  • Die Spülmaschine geht kaputt. Gelegenheit, um „Das auch noch!“ zu rufen, auf die dumme Technik zu schimpfen oder sich vor den Reparaturkosten zu fürchten? Nein! DIE Gelegenheit, um dankbar für die vielen Male zu sein, die dir das Gerät die Arbeit abgenommen hat. Um dir der Tatsache bewusst zu werden, dass alles, was du besitzt, Pflege und Wartung braucht und eine endliche Lebensdauer hat. Gelegenheit, um meditativ mit der Hand zu spülen, die Wärme des Wassers, die glatte Oberfläche der Teller, die Farben und Formen der Tassen wahrzunehmen, so als würdest du das alles zum ersten Mal sehen und berühren.
  • Im Supermarkt stehst du an der Kassa, an der alles am längsten dauert, obwohl die Schlange davor am kürzesten war. Die Kassierin muss die Papierrolle auswechseln, ein Kunde hat vergessen, seine Bananen abzuwiegen, eine ältere Frau braucht ewig, um die Münzen aus ihrer Geldbörse hervor zu kramen. Gelegenheit für Ärger, Ungeduld und steigenden Stresslevel? Nein! DIE Gelegenheit für eine Atemübung zwischendurch! Dafür, das innere Lächeln zu praktizieren – oder sogar das äußere. Oder um innerlich die Menschen um dich herum zu segnen, besonders die, die dir durch ihre Langsamkeit oder ihr Ungeschick diesen Moment des Innehaltens geschenkt haben. Gelegenheit, um dir bewusst zu machen, dass die Zeit der anderen genauso kostbar ist wie deine eigene.
  • Deine Internetverbindung funktioniert plötzlich nicht mehr. Gelegenheit, um ins nächste Internet Cafè zu laufen und dort weiterzusurfen? Nein! DIE Gelegenheit, um offline zu gehen! Dir bewusst zu machen, dass du immer mit allen und allem verbunden bist, über eine viel geheimnisvollere (und viel zuverlässigere) Weise als über den Cyberspace. Gelegenheit, um darüber nachzudenken, dass es auch ein Leben vor dem WWW gab. Vielleicht auch, um wieder mal einen ECHTEN Brief an einen besonderen Menschen zu schreiben – mit der HAND. Weißt du noch, wie das geht?

Zugegeben – ans Eingemachte geht es bei diesen Beispielen nicht. Aber:

Diese und ähnliche Situationen sind wunderbare Übungsfelder, um eine meisterhafte Gelegenheitsliebhaberin zu werden. Um dann, wenn es wirklich an die Substanz geht, geübt und gewappnet zu sein. Dann nämlich, wenn es sich nicht um die kleinen Ärgnernisse des Alltags, sondern um die schweren Brocken handelt –  Krankheit, Job- oder Wohnungsverlust, Traumen, Trennungen, Schicksalsschläge. 

Es könnte zynisch oder sogar lieblos wirken, wenn du dich selbst oder jemand anderen in einer solchen Situation mit der Frage konfrontierst, wozu das die Gelegenheit sein könnte. Wut, Ärger, Angst, Panik und Schmerz wollen zugelassen und ausgelebt werden. Der Widerstand will gespürt werden. Aber dann … wieder wollen, was ist. Und die Frage zulassen:

Welche einmalige Chance bietet mir das Leben gerade?

Eine Krankheit könnte zum Beispiel die Gelegenheit sein, deine Hilflosigkeit anzunehmen und andere um Unterstützung zu bitten (was dann wiederum diesen anderen die Gelegenheit bietet, Gutes zu tun und sich als nützlich und gebraucht zu erleben). Arbeitslosigkeit könnte eine Gelegenheit sein, endlich dem Herzen zu folgen und die eigene Berufung zu leben – oder herauszufinden, was denn diese Berufung überhaupt ist. Eine Trennung könnte die Gelegenheit sein, eine liebevolle Beziehung zu dir selbst aufzubauen, neue Möglichkeiten auszuprobieren, Freundschaften zu vertiefen oder neue Menschen kennenzulernen.

Egal, was es ist – ein kleines Ärgernis, eine unvorhergesehene Wendung oder etwas, das dir den Boden unter den Füßen wegzureißen droht – es ist, weil es sein soll. Weil du aufwachen, erkennen, heilen, wachsen sollst.  

Die Dinge, die geschehen, geschehen sowieso. Entspann dich – es liegt nicht in deiner Hand. Allein in deiner Hand liegt hingegen die Art und Weise, wie du mit ihnen umgehst. Du hast die Wahl.

 

 Indem wir versuchen zu leugnen, dass alles sich ständig ändert, verlieren wir den Sinn für den heiligen Charakter des Lebens. Wir neigen dazu zu vergessen, dass wir ein Teil der natürlichen Ordnung der Dinge sind.

Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben.
~ Pema Chödrön

Foto: Ariwasabi – Fotolia.com 

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!