Herrlich verwirrt

Mrz 4, 2014

Unter mir die Erde, über mir der Himmel, und dazwischen nichts als Verwirrung. Was gestern noch klar war, ist heute verschwommen. Tausend Fragen. Keine Antworten. Wie herrlich!

Ich kenne mindestens hundert Strategie, um Klarheit und Struktur in meine Gedanken zu bringen. Zum Beispiel meinen Schreibtisch aufzuräumen oder mein Kellerabteil. Meine Morning Pages zu schreiben oder eine feinsäuberliche Liste für die To do’s des Tages zu erstellen. Einen Blick auf meine Visionstafel zu werfen oder 21 langsame Atemzüge zu zählen. Die Adler-Übung zu machen oder mich auf mein Meditationskissen zu setzen und nicht wieder aufzustehen, bis das Chaos im Kopf sich in der Stille des Herzens aufgelöst hat. Alles erprobte und bewährte Methoden, die mit 99prozentiger Wahrscheinlichkeit funktionieren. ABER:

Ich habe keine Lust.

Heute werde ich nicht effizient sein, nicht produktiv, nicht meditativ, nicht klar und nicht ausgerichtet. Heute lasse ich meine Strategien zuhause. Heute genieße ich meine Verwirrung.

Und es geschieht … Magie.

Ich lasse das Fahrrad stehen und gehe zu Fuß zur Arbeit. Auf dem Gehsteig kommt mir ein altes Ehepaar entgegen. Die weißhaarige Frau stützt ihren Mann, der schon schlecht auf den Beinen ist. Sie lächelt mir zu. Ihr Gesicht ist voller Falten und voller Liebe.

Im Drogeriemarkt fragen zwei kleine Mädchen, eines mit Sommersprossen, das andere mit Brille, nach Hexenfingernägeln – morgen ist Halloween. Ich sehe, wie ein Hauch von Lebendigkeit das müde Gesicht und die stumpfen Augen der Verkäuferin erhellt.

Das Leben kommt so nah an mich heran, dass jeder Augenblick ein leichtes Erschauern in meinen Körperzellen auslöst. 

Im Büro trinke ich meinen zweiten Kaffee, obwohl ich eigentlich keinen Kaffee mehr trinke. Ich arbeite an mehreren Texten und Projekten gleichzeitig, obwohl ich das eigentlich niemals tue. Ich schreibe und beantworte zwischendurch Emails, obwohl ich mir das eigentlich längst abgewöhnt habe. Ich hinterlasse lose Enden und Chaos auf meiner Harddisk,  auf meinem Schreibtisch und in meinen Notizbüchern. Ich erkläre EIGENTLICH zum word of the day, obwohl ich es eigentlich längst aus meinem Wortschatz verbannt habe.

Dieser Tag hat gute Chancen, einer der schönsten meines Lebens zu werden.

In Wellen schwappen wilde Mischungen aus  „Müsste“, „Sollte“, „Wollte“ an die Dünen meines Bewusstsein. Müsste ich nicht Winterstiefel für meinen Sohn kaufen, wollte ich nicht ein Rezept für veganen Allerheiligenstriezel heraussuchen, sollte ich nicht den Flug für unsere winterliche Reise umbuchen? Müsste ich nicht meiner Webdesignerin Inputs schicken, wollte ich nicht an meinem Roman arbeiten, sollte ich nicht Workshop-Unterlagen erstellen?

Aber – will ich überhaupt einen Roman schreiben? Braucht mein Sohn überhaupt Winterstiefel? Habe ich überhaupt Lust auf Allerheiligenstriezel?

Ich stehe inmitten eines Waldes aus Fragezeichen und habe keine Lust auf Antworten.

EINFACH HERRLICH, DIESE VERWIRRUNG. 

Am Morgen geht die Sonne auf. Am Abend geht sie unter. Dazwischen passiert irgendetwas. Der Sonne ist egal, was. Kann ich es ihr gleich tun – zumindest für ein paar Stunden?

Ich kann nicht von dieser Erde fallen. ICH KANN NICHT VON DIESER ERDE FALLEN. Ich kann nicht von dieser Erde fallen.

Die Welt wird keine andere, nur weil ich Ziele, Strukturen und Konzepte im Kopf habe. Sie verändern nur meine Wahrnehmung der Welt. Vermutlich ist Verwirrung der ehrlichste aller Zustände. Vermutlich bin ich im Zustand der Verwirrung der Wahrheit am nächsten.

Und vermutlich werde ich morgen wieder strukturiert, zielorientiert und effizient sein. Schade eigentlich.

Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.
~ Ödön von Horvàth

Verwirrung ist der Beginn von Erkenntnis.
~ Khalil Gibran

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!