Leidest du unter Idiotenmitgefühl-Erschöpfungssyndrom?

Jul 8, 2017

Wunderst du dich manchmal, warum du oft so erschöpft bist – körperlich und emotional? Warum du aufrichtig versuchst, Mitgefühl und Verständnis für andere zu haben, aber am Ende empfindest du häufig Groll und fühlst dich ausgelaugt?

Dann leidest du vielleicht unter Idiot Compassion Fatigue Syndrom!

Zwei Phänomene haben mich in letzter Zeit beschäftigt: idiot compassion (Idiotenmitgefühl) und compassion fatigue (Mitgefühls-Erschöpfung).

Mein Leben hat mir jede Menge Gelegenheiten geschenkt, diese Phänomene zu erforschen,  und vor allem den Zusammenhang zwischen ihnen zu verstehen.

Aber lass sie uns zunächst getrennt voneinander betrachten.

Idiotenmitgefühl ist superegoistisch

Den Ausdruck idiot compassion hat Chögyam Trungpa, ein Meister des tibetischen Buddhismus, geprägt. Seine bekannte Schülerin Pema Chödron erklärt idiot compassion so:

„It refers to something we all do a lot of and call it compassion. […] It’s the general tendency to give people what they want because you can’t bear to see them suffering.“

Es ist idiotisch, Menschen das zu geben, was sie wollen, statt das, was sie wirklich brauchen, nur weil du es nicht aushältst, sie leiden zu sehen. Denn dadurch schaffst du nur noch mehr Leiden.

Es ist, so Pema Chödron, als würdest du einem Freund nicht die notwendige Medizin geben, weil sie so bitter schmeckt, und ihm stattdessen mehr Gift verabreichen, oder ihm zumindest das Gift nicht wegnehmen. Das, so die buddhistische Lehrerin, hat mit Mitgefühl genau gar nichts zu tun. Es ist reine Selbstsucht – deine Gefühle sind dir wichtiger als das, was dein Freund wirklich braucht.

Nett zu sein ist oft das Gegenteil von liebevoll und mitfühlend. Mit unserer Nettigkeit wollen wir uns nur selbst schützen. Es geht uns nicht darum, was jemand anderer braucht, sondern darum, wie wir uns fühlen wollen.

Klar, es kann herausfordernd sein, einen Menschen, der dir nahe steht, mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren, oder ihm sogar die Hilfe und das Verständnis, die er von dir gewohnt ist, zu entziehen. Aber oft ist es genau das, was dieser Mensch im Moment benötigt – viel mehr als deine Nettigkeit und dein immerwährendes Verständnis! 

To love without knowing how to love, wounds the person we love.”
~ Thich Nhat Hanh 

Im Gegensatz zu Idiotenmitgefühl ist wahres Mitgefühl mit Weisheit, Unterscheidungsvermögen und Achtsamkeit gepaart. Nur so können wir aus toxischen Situationen und Beziehungsmustern aussteigen, gesunde Grenzen ziehen und geben, was wirklich gebraucht wird, statt ungesunde Situationen länger aufrechtzuerhalten.

“Real compassion includes wisdom and so it makes judgments of care and concern; it says some things are good, and some things are bad, and I will choose to act only on those things that are informed by wisdom and care.“
~ Ken Wilber

Ein paar Beispiele aus meinem Leben

Seit ich ihn kenne leidet mein bester Freund unter schweren Schlafstörungen. Jedes Mal wenn wir uns treffen, jammert er über sein Leiden, meistens ist er übermüdet und unkonzentriert, manchmal auch ungeduldig oder aufbrausend.  „Oje, du Armer, du bist sicher total erschöpft. Kann ich dir irgendetwas abnehmen?“ Das war meine übliche Reaktion – obwohl mir seit jeher klar war, dass die Schlafstörungen meinem Freund etwas sagen wollen, dass Veränderungen in seinem Leben dringend anstehen, dass er selbst es in der Hand hat, durch einen gesünderen Lebensstil, mehr Entspannung und Bewegung seinen Schlaf positiv zu beeinflussen.
Irgendwann habe ich ihm dann aber doch gesagt, was ich beobachte. Und dass ich nicht mehr bereit bin, mir sein Gejammer anzuhören, solange er nicht ernsthafte Schritte unternimmt, um seine Probleme zu lösen. Er war nicht gerade begeistert davon, dass ich ihm mein – vermeintliches – Mitgefühl entzog. Aber was ich ihm gesagt habe, hat ihn wachgerüttelt und ihn zum Nachdenken gebracht.

Eine meiner Freundinnen hatte die Angewohnheit, unsere Treffen kurzfristig abzusagen oder zu verschieben. Lange Zeit habe ich das hingenommen – voller Verständnis. Ich habe Lücken in meinem nicht gerade leeren Terminkalender gesucht oder selbst andere Termine verschoben, um meine Freundin treffen zu können. Dadurch habe ich jedoch für mich selbst Stress verursacht und deshalb oft innerlich Groll gegen sie gehegt. Und da ich nicht den Mumm hatte, diesen zur Sprache zu bringen, waren unsere Treffen nicht mehr so fröhlich, leicht und inspirierend wie früher. Irgendwann habe ich meiner Freundin gesagt, dass mich ihr Verhalten nervt und ich nicht mehr bereit bin, ihretwegen ständig Termine zu verschieben. Dass mir Zuverlässigkeit wichtig ist und ich sie auch von meinen FreundInnen erwarte. Daraufhin hat sie sich von mir distanziert, und ich weiß noch nicht, wie es mit unserer Freundschaft weitergehen wird. Aber zumindest fühlt es sich nun ehrlich und klar an, mein Groll ist verflogen und ich denke immer wieder mit viel Zuneigung und Dankbarkeit an sie.

Eine meiner Kolleginnen wirkte ständig gestresst und überfordert. Sie hat mir leid getan, also habe ich ihr immer wieder Arbeit abgenommen und versucht, den Druck von ihren Schultern zu nehmen, indem ich Verantwortung für Dinge übernommen habe, die zu ihr gehörten. Es ist mir nicht gelungen, sie stattdessen dabei zu unterstützen, bessere Strategien im Umgang mit Stress zu finden, oder ihr einfach die Verantwortung zurückzugeben. Ich wollte eine Auseinandersetzung vermeiden – dass ich für mein Harmoniebedürfnis zahlen würde, lag auf der Hand. Denn statt im Sinne der Gesamtsituation sinnvoll zu handeln, war nun auch ich gestresst und überfordert, und habe außerdem meiner Kollegin die Chance genommen, ihre Muster unter die Lupe zu nehmen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Zum Beispiel ist da meine Umfalleritis Herrn Sohn gegenüber, weil er doch gerade in der Pubertät ist und solchen Schulstress hat. Da kann man wohl nicht von ihm verlangen, den Geschirrspüler auszuräumen, oder? In Wirklichkeit will ich natürlich nur dem vorprogrammierten Streit ausweichen. Da ist außerdem meine Tendenz, jede Kompliziertheit von KooperationspartnerInnen und KundInnen hinzunehmen und lieber hunderte Mails hin und herzuschicken, als freundlich, aber unmissverständlich Grenzen zu setzen. Alles klare Fälle von Idiotenmitgefühl!

Echtes Mitgefühl

  • nimmt die Gesamtsituation ins Auge und fragt seine Freundin, die Weisheit um Rat
  • ist nicht immer nett, sondern kann „hart“ sein – oder zumindest schmerzhaft ehrlich
  • nimmt Konflikte und unangenehme Gefühle in Kauf, um aus ungesunden Situationen und Beziehungsmustern auszusteigen
  • ermöglicht, das zu geben, was jemand wirklich braucht, und nicht das, was er / sie will
  • gibt die Verantwortung an diejenigen zurück, denen sie gehört
  • ist losgelöst von persönlichen Verstrickungen und der Idee, ein guter / netter / beliebter Mensch sein zu wollen

Echtes Mitgefühl ist also viel schwieriger zu verwirklichen als Idiotenmitgefühl. Auf Dauer aber ist es für alle Beteiligten wesentlich gesünder – es lohnt sich also, den Unterschied herauszufinden!

(Neben dem Idiotenmitgefühl gibt es übrigens auch die Phänomene der Idiotengeduld und der Idiotengroßzügigkeit. Klar, was ich meine?)

Und nun zum zweiten Phänomen – compassion fatigue.

Der Preis der Fürsorge

Compassion fatigue, die Mitgefühls-Erschöpfung, wurde zunächst im Zusammenhang mit helfenden Berufen erforscht. Sie wird als „cost of caring“, also als „Preis der Fürsorge“ beschrieben. Menschen mit helfenden Berufen – wie zum Beispiel KrankenpflegerInnen, TraumatologInnen, SanitäterInnen oder SozialarbeiterInnen in Kinderschutzeinrichtungen – sind besonders gefährdet. Viele von ihnen leiden unter einer schwerwiegenden und nachhaltigen emotionalen und physischen Erschöpfung. Sie können nicht mehr richtig regenerieren und ihre Energiereserven auffüllen. Oft steckt eine ungesunde Identifikation mit Menschen, die leiden oder denen Schlimmes widerfahren ist, dahinter. Also wiederum falsch verstandenes Mitgefühl.

Aber nicht nur professionelle HelferInnen laufen Gefahr, vom Mitgefühlerschöpfungssyndrom ereilt zu werden. Mir scheint, dass wir Frauen generell besonders gerne in diese Falle tappen – die Mütter unter euch wissen wahrscheinlich, wovon ich spreche.

Wir wundern uns, warum wir immer soooo müde sind. Wir fragen uns, warum wir am Abend bis auf die Knochen erschöpft ins Bett fallen und die Tränen hinunterschlucken müssen – obwohl doch eigentlich alles gut ist und wir ein „sinnvolles“ Leben führen und „liebevolle“ Beziehungen pflegen.

Dabei übersehen wir allerdings, dass wir hier etwas falsch verstanden haben – dass „sinnvoll“ nämlich nichts mit Selbstaufopferung zu tun hat und „liebevoll“ nichts mit nett.

So weit, so erhellend.

Noch erhellender wird es allerdings, wenn wir Idiotenmitgefühl und Mitgefühlserschöpfung nicht nur verstehen, sondern auch die Zusammenhänge zwischen ihnen erkennen. Denn was erhalten wir dann?

Idiot compassion fatigue syndrom – das Idiotenmitgefühl-Erschöpfungssyndrom.

Wenn du immer nur nett bist, bist du irgendwann einfach nur noch erschöpft.
~ Manfred Winterheller

Und was hilft dagegen?

Die Lösung ist wie immer keine Wunderpille. Wie so oft gibt es keine Abkürzung – wir müssen den Weg vom Verstehen übers Üben bis hin zum Verwirklichen gehen. Und damit wir nicht von diesem Weg abkommen, nimmt uns die Achtsamkeit an die Hand. Mit ihr als Begleiterin lernen wir zuerst, immer frühzeitiger wahrzunehmen, wann die Muster von Idiotenmitgefühl und Mitgefühlserschöpfung in unserem Leben greifen, und wir erkennen, welche Verstrickungen und toxischen Beziehungen uns Energie rauben. Dann hilft uns die Achtsamkeit, Strategien zu entwickeln, zu erproben und immer wieder anzupassen, um aus unseren ungesunden Mustern auszusteigen und neue Verhaltensweisen zu entwickeln.

Das kann natürlich dauern – ich selbst drehe bereits die soundsovielte Ehrenrunde in diesem Thema 🙂 Das Aussteigen aus unseren alten Mustern und Gewohnheiten hat auch seinen Preis. Es wird nicht allen, die uns nahestehen, gefallen, dass wir unser Verhalten ändern, ihnen Verantwortung zurückgeben oder klare Worte finden, statt immer nett und verständnisvoll zu sein.

Aber es lohnt sich – ich schwör’s! Du darfst dich auf mehr Klarheit und Kraft, vor allem aber auf viel, viel mehr Lebensenergie freuen. Und das sind doch schöne Aussichten, oder?

Quellen und Buchtipps:

www.tendacademy.ca/what-is-compassion-fatigue/

Pema Chödron: Den Sprung wagen: Wie wir uns von destruktiven Gewohnheiten und Ängsten befreien

Pema Chödron: Geh an die Orte die du fürchtest

Chgögyam Trungpa: Verrückte Weisheit – Leben ohne Hoffnung und Furcht

Big wild love, Laya

Titelbild: Tanja Heffner

Foto Fußmatte: Shutterstock

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