Into me you see

Jan 15, 2015

Sie stammt von Marshall B. Rosenberg, dem Meister der Giraffenohren (*). Die wohl schönste Definition von Intimität: INTIMACY = INTO ME YOU SEE. Die intimste aller Beziehungen führst du mit dir selbst. Bist du bereit, wirklich tief, tief, tiiiiieeeeeef zu blicken?

Einatmen. Die Arme heben. Ausatmen. Die Arme wieder sinken lassen. Einatmen. Ausatmen. Atem und Bewegung verschmelzen miteinander, sind eins. Einatmen. Die Arme schweben nach oben. Ausatmen. Die Handflächen berühren sich vor der Brust.

Es war kein kompliziertes Asana, keine raffinierte Atemtechnik und kein komplexer Flow. Nein, es war diese simple, vom australischen Yogalehrer Mark Whitwell vorgeschlagene Vereinigung von Atem und Bewegung, die mir einige der beglückendsten Momente der Intimität geschenkt hat, die ich je mit mir selbst erlebt habe.

INTO ME I SEE.

Es sind nicht die Augen, die sehen. Es ist nicht der strenge Blick, der fragt: Wo stehe ich? Wie weit bin ich gekommen? Was habe ich erreicht, und was fehlt noch zum Glück? Es ist nicht der Blick des Mitleids (Oooooch. Welches Kindheitstrauma hat dich bloß so kaputt gemacht? Hat deine Mutter dich zu früh abgestillt oder war dein erster Zungenkuss eine peinliche Katastrophe?), und auch nicht der Blick der Analyse oder der Selbstbestätigung.

INTO ME I SEE.

Ich sehe, was ist, und nicht, was ich gerne sehen würde.
Ich sehe einen Menschen mit zutiefst menschlichen Ängsten, Sorgen, Hoffnungen und Zweifeln.
Ich sehe ein Wesen, das nicht gerettet, erlöst, optimiert oder erleuchtet werden muss.
Ich sehe Schönheit in all dieser Unvollkommenheit.
Ich atme. Mein Herz schlägt. Da gibt es Knochen, Muskeln, Sehnen, Haut, Hirn und Haare.

Fehlt da etwa noch irgendetwas? Gibt es noch irgendetwas zu suchen, zu finden, zu verstehen, zu ergänzen?

Nein. Alles da, was ich zum Mensch-Sein brauche. 

Doch Halt! Da war doch noch etwas … ich brauche … ANDERE MENSCHEN!

Wie durch ein Wunder vertieft und transformiert die Innigkeit mit mir selbst auch die Beziehungen zu allem, was mich umgibt – zu den Steinen auf meinem Fensterbrett, zu der Nahrung, die ich zubereite, zu den Vögeln, die im Vorgarten nach Futter suchen. Vor allem aber zu den Menschen, die mir nahe stehen. Da ich keine Angst mehr davor habe, tief in mich hinein zu blicken, kann ich auch anderen diesen Blick gewähren, ohne von ihnen Wohlwollen, Lob oder Bestätigung zu erhoffen.

„Wir glauben zwar, wir würden von einem Verlangen nach Intimtität getrieben, doch in Wahrheit sind wir meistens hinter etwas anderem her: Wir möchten, dass ein anderer Mensch uns das Gefühl gibt, liebenswert und wertvoll zu sein. Diese Wunschvorstellung (einer wechselseitigen Bestätigung und Preisgabe) nennen wir dann ,Intimtiät‘ und haben dazu passende populärwissenschaftliche Erklärungsmodelle parat – während wir uns echte Intimität vom Leibe halten […] Sobald wir aber begreifen, dass wahre Intimtität sich nicht immer wohlig anfühlt und uns oft verunsichert, wird uns auch klar, warum wir vor ihr zurückscheuen.“
~ David Schnarch, „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“

Es stimmt. Wahre Intimität bestätigt nicht, ermuntert nicht, baut nicht auf und motiviert nicht. Sie nimmt einfach wahr. Und das ist das Liebevollste, das wir uns selbst und anderen angedeihen lassen können. 

INTO ME YOU SEE. 

Intimität ist ein Zustand, heißt es auf Wikipedia, und Liebkosung ist die dazugehörige Handlung. Mag sein, dass in (körperlichen) Liebesbeziehungen eine solche Handlung notwendig ist, um Intimtität auszudrücken. In der Innigkeit mit mir selbst jedoch braucht es keine Handlung. Das „Into me I see“ ist die zärtlichste und vollkommenste Liebkosung, die es gibt. Sie lässt mich sein, wie ich bin. Vollkommen unvollkommen.

(*) Marshall B. Rosenberg ist der Vater der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Die „Giraffensprache“ ist ein Synonym dafür. Giraffen haben von allen Landlebewesen das größte Herz und behalten zudem aufgrund ihres langen Halses den Überblick. Die „Wolfssprache“ steht für das in unserem Kulturkreis weit verbreitete Denken in Wertungskategorien. In Konfliktsituationen neigen wir dazu, zu Wölfen zu mutieren. In Wirklichkeit sind Wölfe aber einfach Giraffen mit Sprachfehlern.  Ich danke dem Mediator und Techniker mit Giraffenohren Gerhard Habring dafür, dass er mich mit den Prinzipien der GFK bekannt gemacht hat. 

Foto: Daniel Schneider

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

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Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!