Die Kunst der achtsamen Berührung

Nov 11, 2017

Manchmal gelingt es. Dann sind meine Berührungen liebevoll und achtsam, dann wohnt ihnen etwas Zärtliches inne, etwas Staunendes, etwas – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – Begreifendes. Egal, ob ich einen anderen Menschen berühre, eine Baumrinde, einen Stein, den Boden oder einen „unbelebten“ Gegenstand: Ein solcher achtsamer Kontakt trägt Ehrfurcht und Liebe in sich.

Dann wieder geschieht es, dass meine Berührungen grob sind. Unbewusst, schlampig, unachtsam. Manchmal bin ich dann auch tollpatschig, laut und ungeschickt. Im Nachhinein  – sofern mir meine Unachtsamkeit überhaupt bewusst wird – kommen mir diese Berührungen fast gewaltvoll vor.

Dann erinnere mich an einen alten Seefahrer, den ich in Kroatien kennengelernt habe. Er hatte einen liebevoll bepflanzten Garten, in dem viele Steine lagen, die er von überall her mitgebracht hatte. Zärtlich streichelte er über ihre Oberfläche. „Jeder Stein hat sein eigenes Herz“, erklärte er mir.

Das wiederum berührte mein Herz. Ich nahm mir vor, in Zukunft noch mehr darauf zu achten, alle Lebewesen und Dinge achtsam und liebevoll zu berühren.

„Meine Zen-Meister lehrten mich durch ihr Beispiel, wie man mit allen Dingen so umgeht, als wären sie lebendig“, so die Kinderärztin und Zen-Lehrerin Jan Chozen Bays. „Der Zen-Meister Maezumi Roshi öffnete Briefumschläge, selbst die von Werbepost, mit einem Brieföffner, um einen glatten Schnitt zu machen, und nahm den Inhalt dann mit großer Aufmerksamkeit heraus. Es störte ihn, wenn Menschen ihr Sitzkissen mit den Füßen über den Boden schoben oder ihre Teller hart auf den Tisch stellten. ,Ich fühle das in meinem Körper‘, sagte er einmal.“

 

HÄNDE SIND WERKZEUGE DES HERZENS. 

Ich erinnere mich auch daran, dass der Tantra-Meister Daniel Odier einmal in einem Seminar zu uns SchülerInnen sagte, dass jede unachtsame Berührung, die ein Mensch erfährt, Spuren im Körper hinterlasse – er sprach sogar von „traumatischen Erinnerungen.“

Umgekehrt bin ich überzeugt davon, dass liebevolle Berührungen heilsam sind. Dazu muss Mann/Frau kein*e Therapeut*in sein! Jeder und jede von uns trägt die Fähigkeit zur Achtsamkeit in sich, und wenn wir uns darin üben und diese Fähigkeit kultivieren, kann unser Alltag durchwoben sein von heilsamen, zärtlichen Berührungen.

 

Die Kunst der achtsamen Berührung – 5 Inspirationen:

1. Poesie im Alltag finden

Vor einiger Zeit erzählte ich meiner Lehrerin Nathalie Delay  von meiner Sehnsucht nach einem poetischen Leben, und davon, dass ich das Gefühl habe, ich hätte viel zu viel zu tun, als dass ich meinem Leben diese Qualität einhauchen könnte. Sie empfahl mir, meine alltäglichen Berührungen in einer zärtlich-poetischen Qualität auszuführen:  die Berührung der Computer-Tastatur, wenn ich zu arbeiten beginne, oder der Kühle und Glätte des Kunststoffgriffes, wenn ich einen Einkaufswagen schiebe, oder die Berührung des Lenkrads, wenn ich mit dem Auto fahre.

Natürlich wird es uns zunächst nicht möglich sein, JEDE Berührung so achtsam auszuführen. Daher macht es Sinn, Ankerpunkte bei Tätigkeiten zu setzen, die man Tag für Tag verrichtet. Wenn wir mit EINER täglich wiederkehrenden Berührung beginnen, erschaffen wir eine machtvolle positive Gewohnheit, die Kreise ziehen wird. Nach und nach wird sich die Qualität der Achtsamkeit auch auf andere Berührungen übertragen!

2. Little Reminders

Kürzlich musste ich schmunzeln, als meine Kollegin Renate mir erzählte, dass sie sich mit Kastanien in der Jackentasche glücklich hyggelt. Bei mir ist es genauso – in fast jeder Jackentasche trage ich einen Stein oder eine Kastanie. Wenn ich diese Gegenstände berühre, sanft über die glatte oder raue, kühle oder warme Oberfläche streiche, dienen sie mir als Erinnerungen. Sie laden mich ein, das Tempo rauszunehmen, den Augenblick bewusst zu erleben, und achtsame Berührungen zur täglichen Praxis zu machen.

Jan Chozen Bays empfiehlt in ihrem Buch Achtsam durch den Tag – 53 federleichte Übungen zur Schulung der Achtsamkeit, als Gedächtnisstütze etwas Ungewöhnliches an einem Finger der dominanten Hand anzubringen, zum Beispiel ein Heftpflaster, einen Tropfen Nagellack oder eine Markierung mit einem farbigen Filzstift. Jedes Mal, wenn man die Markierung bemerkt, lässt man die Hände liebevoll werden.

3. Fingerspiele

Manchmal lade ich meine Schüler*innen dazu ein, sanft mit den Daumen über die Kuppen der anderen Finger zu streichen, wenn sie aus Savasana „erwachen“. In diesem Moment gelingt es oft besonders leicht, aufmerksam und achtsam zu sein.

Du kannst diese kleine Geste aber auch an den Beginn deiner Meditations- oder Yogapraxis setzen. Oder nach dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen praktizieren. Oder bevor du zu essen beginnst.

In den Fingern enden und beginnen tausende von Nerven- und Energiebahnen – diese Tatsache machen wir uns auch beim Halten von Mudras zunutze.  Die Fingerspitzen sind besonders empfindsam und „berührbar“. Nutze diese Feinfühligkeit, um achtsame Berührungen zu üben!

4. Mach’s wie Buddha

Es gibt eine wunderbare Geschichte vom Buddha aus der Zeit, in der er selbst noch ein Suchender war. Er wanderte mit einem Gefährten durch ein Dorf, und die beiden unterhielten sich lebhaft. Da setzte sich eine Fliege auf Buddhas Hals. Der Buddha verscheuchte sie mit der Hand und sie flog davon. Doch da hielt er plötzlich inne. Er hob die Hand noch einmal, wie um die Fliege zu verscheuchen – obwohl sie längst das Weite gesucht hatte.

„Was machst du da?“, fragte der Gefährte erstaunt.

„Ich verjage die Fliege jetzt so, wie ich es vorher hätte tun sollen“, antwortete der Buddha. „Während sich meine Hand hebt, bin ich mir völlig bewusst, dass sie erhoben wird und dass sie sich auf meinen Hals zubewegt. Vorher war ich ins Gespräch vertieft, und meine Handlung war mechanisch. Ich beging eine Sünde gegen meinen Körper.“
{Gefunden habe ich diese Geschichte im Yoga Buch von Osho. }

Seit ich zum ersten Mal von dieser Begebenheit gelesen habe, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, Bewegungen, die ich unachtsam ausgeführt habe, noch einmal auszuführen, wenn ich mir dessen bewusst geworden bin, zum Beispiel wenn ich meine Zucchinis mechanisch in den Einkaufswagen geworfen oder die Autotür grob zugeknallt habe.  So lernen mein Körper und mein Geist. Beim nächsten, beim übernächsten oder beim überübernächsten Mal klappt es dann vielleicht schon von Anfang an.

Mach's wie Buddha!

Mach’s wie Buddha! Auch er musste üben, um ein Meister der Achtsamkeit zu werden.

5. Achtsam muss nicht langsam sein – und auch nicht immer sanft

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wir uns in Zeitlupe bewegen müssten, wenn wir achtsam sein wollen. Es stimmt natürlich, dass Achtsamkeit zur Entschleunigung beiträgt, und dass wir umgekehrt achtsamer werden, wenn wir bewusst entschleunigen. Aber auch energische, schnelle, kraftvolle Bewegungen und Berührungen können bewusst und achtsam sein.

Vielleicht möchtest du ein wenig damit experimentieren. Wie kannst du liebevoll und gleichzeitig energisch den Putzlappen schwingen? Wie kannst du schnell vorwärts schreiten, und dennoch die Berührung der Füße mit dem Boden unter dir achtsam gestalten? Wie kannst du Berührungen und Tätigkeiten effektiv, schwungvoll und dynamisch ausführen, ohne dass sie lieblos und mechanisch werden?

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Hast auch du Tipps, wie wir unsere Berührungen liebevoller gestalten können? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Beitragsbild: Franz Stadlwieser

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