Lachen ist die Rettung

Aug 27, 2015

Darf man über Krankheit lachen? Darf man über Krankheit lachen, wenn sie Krebs heißt? Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, dass man trotz Krankheit lachen darf. Kann. Und soll.

Dieses Jahr sei ihr Urlaub besonders lang gewesen, sagt meine Mutter, und meint damit die vielen Wochen Krankenhausaufenthalt, die sie hinter sich hat. Sie sagt es lächelnd, ohne Bitterkeit. Jetzt macht sie Urlaub vom Urlaub, darf eine Woche zuhause sein. Dann beginnt der nächste Urlaub. All inclusive. Sogar inclusive Chemotherapie.

Dass sie, nach allem, was sie überlebt und überstanden hat, noch die Kraft zum Lachen hat, macht mich demütig und froh. Vielleicht hatte sie die Kraft zum Überleben, gerade weil sie nie aufgehört hat zu lachen? (**)

Und ich? Ich lerne. Lerne, dass auch ich lachen darf. Dass es Momente der Leichtigkeit und Ausgelassenheit, sogar des Übermuts geben darf in meinem Leben, obwohl ein Mensch, der mir sehr sehr nahe steht sehr sehr krank ist. Ich lerne, dass das Lachen mich rettet, nach tränenreichen Nächten und in sorgenvollen Stunden.

Meine immer wieder kehrenden Magenprobleme machen mir Angst. Gastritis? Ein Geschwür? Oder Magenkrebs? Und dann der Unterleib. Schmerzt, krampft, drückt.

„Ich bin schon so hypochondrisch, dass ich sogar Angst vor Prostatakrebs habe“, sage ich zu meinem Geliebten. 

„Es könnte auch ein Hodentumor sein“, antwortet er. „Am Besten du gehst damit zum Urologen.“

Ich kaufe Magen-Darm-Tee in der Apotheke. Wenn er frisch aufgebrüht ist, kann ich ihn nicht trinken, weil mein Magen nichts Heißes verträgt. Dann muss ich tausend Dinge tun,  atemlos zwischen yogalounge und Krankenhaus hin- und herlaufen, Emails schreiben, Telefonate führen und Vorhänge aufhängen. Der Tee wird kalt. Mein Magen verträgt nichts Kaltes.

„Tee ist ein Getränk zum Verweilen„, sagt mein Geliebter und grinst.

Ich beginne zu kichern und muss gleichzeitig schluchzen. Die Tränen laufen über meine Wangen und ich muss mir vor Lachen den schmerzenden Bauch halten. Es ist so traurig, dass ich keine Zeit habe, bei irgendetwas zu verweilen. Es ist so wunderbar, dass da jemand ist, der mit mir darüber lacht. Es ist so wunderbar, dass ich diese besondere Zeit mit meiner Mutter erleben darf. Es ist so wunderbar, dass ich leben darf, lachen darf und weinen.

I find there are many fearful things we can laugh at together once we’ve allowed ourselves to be truly afraid.
~ Treya Killam Wilber (*)

Ja, ich bin truly afraid. Kann nicht schlafen, bin heillos überfordert und habe Angst, Angst, Angst.

Ja, ich lache. Lache mit meiner Mutter, lache mit meinem Mann, lache mit meinem Sohn und mit meinen Freunden. Ich bin nicht allein. Ich bin gesegnet und dankbar, ja, vor allem das: unendlich dankbar.

(*) Dankbar auch für das Buch „Grace and Grit. Spirituality and Healing in the Life and Death of Treya Killam Wilber“ von Ken Wilber und Treya Killam Wilber, die Ende der 80er Jahre an Krebs starb. Es ist mir der größte Trost in dieser Zeit.

„We can’t force life to make sense or to be fair“, sagt Treya in diesem berührenden Video.  

(**) Ich weiß, dass es Menschen gibt, die glauben, man könne mit Lachen Krebs heilen. Um ehrlich zu sein: Ich glaube das nicht. Und ich will mein Lachen und das meiner Mutter auch nicht um-zu-isiert haben. Wir lachen trotzdem, nicht um zu. 

Foto: © Peter Atkins – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

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