Liebe dich selbst wie deinen Nächsten

Feb 4, 2016

Musst du wirklich zuerst dich selbst lieben, bevor du jemand anderen lieben kannst? Ich schwöre: Nein.

Es gibt zwei Menschen in meinem Leben, die ich nur anschauen muss, und schon geht mir das Herz über. Ich kann nicht anders: Ich muss sie lieben. Falls es in unserem menschlich-irdischen Dasein wirklich so etwas wie bedingungslose Liebe gibt, dann kommt das, was ich für diese Menschen empfinde, ihr wohl ziemlich nahe.

Und glaub mir: Das ist nicht immer angenehm. 

Zum einen ist da mein Mann und Geliebter. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich seine Beschränkungen und Zweifel, seine mentalen Gefängnisse und seine Probleme – und gleichzeitig ein wunderbares, ein perfektes Wesen mit unendlichem Potenzial. Ich sehe seine Vollkommenheit, die nicht im Geringsten dadurch beeinträchtigt wird, dass er dieses Potenzial vielleicht niemals ganz ausschöpfen wird. Ich sehe sein Perfekt-sein in all seiner Unperfektheit.

Wirklich, ich will überhaupt nicht so sehr lieben. Es macht mir Angst – und ihm auch. Wenn ich ihn so anschaue und ihm sage, wie wunderbar er ist, hält er das nicht aus. Ich soll ihn bitte nicht anhimmeln, meint er. Er sei schon froh, wenn er hin und wieder glauben könne, dass er einigermaßen in Ordnung ist, so wie er ist. Wunderbar, perfekt, vollkommen  – das ist eine Nummer zu groß für ihn.

Zum anderen ist da meine Seelenschwester. Sie ist die schönste aller Frauen, auch wenn sie das nicht weiß. Wenn ich sie sehe, sehe ich ALLE Frauen in ihr, in ihrem bezaubernden Lachen lacht das Lachen, in ihren Tränen fließt der Schmerz aller Mütter und Großmütter, aller Ahninnen, aller Schwestern.

Nun war / ist / wird (*) meine Seelenschwester aber gleichzeitig meine Geschäftspartnerin. Viele haben mich vor einer solchen Konstellation gewarnt – zu Recht. Denn was ich in unserer Zusammenarbeit brauche, sind Klarheit, Abgrenzung, Struktur und kühler Verstand – und kein überfließendes Herz, wenn es um Finanzen und wichtige wirtschaftliche Entscheidungen geht.

(*) Unser Beziehungsstatus ist das, was facebook so schön „Es ist kompliziert.“ nennt.

Wie sehr ich mir wünsche, mein Geliebter und meine Seelenschwester könnten sich selbst so sehen, wie ich sie sehe. Wie sehr ich mir wünsche, ich könnte mich selbst so sehen. So wunderbar. So vollkommen. So liebens-wert.

„Sich selbst zu erkennen, anzunehmen und lieben zu lernen, ist die wichtigste Aufgabe jedes Menschen“, meint Robert Betz, genau wie viele andere AutorInnen, spirituelle LehrerInnen, TherapeutInnen, MystikerInnen.

Ich stimme zu. Das ist die wichtigste, die schwierigste, die edelste … und wahrscheinlich die einzige wirkliche Aufgabe jedes Menschen.

„Denn nur der, der sich selbst liebt, … wird auch andere so lieben und annehmen können, wie sie sind“, so Betz weiter. 

Da bin ich anderer Meinung. Lieben lernen geht nämlich auch andersrum.

Ich kann von mir selbst lernen. Ich kann lernen, mich selbst so zu sehen wie diese beiden besonderen Menschen in meinem Leben. Ich kann lernen, mich mit diesem liebenden, verstehenden Blick zu betrachten. Mit diesem Blick, der alles wahrnimmt, nichts ausblendet – nicht die Unzulänglichkeiten, nicht das Unerlöste, nicht die Neurosen und hemmenden Muster. Aber er sieht tiefer, dieser Blick, dringt in andere Dimensionen vor. Es ist der Blick des Herzens.

„Wie oft hatte ich von meinen Yogalehrern gehört: ,Du musst zuerst dich selbst lieben, bevor du andere lieben kannst.‘ Das ist ein Mythos. Wenn das der Fall wäre, wäre ich schon längst tot.
~ Ana Forest,  Yogakriegerin

 

Danke, Ana.

Vielleicht wird der Tag kommen, an dem wir nicht mehr zwischen Selbstliebe und Liebe für andere unterscheiden. An dem wir nicht mehr fragen, ob unsere Liebe nun universell, bedingungslos oder zutiefst menschlich und persönlich ist. An dem wir uns nicht mehr einreden lassen, wir müssten ZUERST uns selbst lieben, BEVOR wir andere lieben können.

Liebe sein, verkörpern, mit ihr tanzen, sie fließen lassen, uns über das Wunder wundern … und uns auch dann lieben, wenn uns das gerade nicht gelingt. Vielleicht wird der Tag kommen, an dem wir uns das erlauben.

Und zum Abschluss, lieber Mensch da draußen, erlaube ich mir, mit dir zu teilen, was mich gerade zum Thema Liebe inspiriert:

Lieber Mensch, du hast da was falsch verstanden

32 Unusual Ways to love Ourselves

Die Liebe des Herzens

Die Liebe des Herzens ist nicht die Liebe des Gemüts.

Die Liebe des Gemüts dient der Liebe des Herzens, aber sie ist es nicht. Die Liebe des Gemüts ist Klebstoff; sie sagt: ‚Du allein bist mein Glück; deshalb will ich dich an mich binden.‘ Sie sagt: ‚Ich allein bin der Richtige für dich; deshalb will ich dich glücklich machen und kein anderer.‘

Diese Liebe ist weder ein Fehler noch ein Irrtum: an ihr ist nichts Schlechtes und nichts Falsches. Sie dient dazu, der Liebe des Herzens die Bahn zu bereiten.

Wer sie als Irrtum und Hindernis verwirft, der missachtet ihren Daseinszweck und zieht ihre Rache auf sich.

Während er sich vor ihr durch seine Verachtung sicher wähnt, wird ihr Pfeil ihn an der empfindlichsten Stelle treffen.

Sicher vor der Verwundung durch die Liebe des Gemüts ist nur der, der sich sehenden Auges hineinbegibt;

der das Feuer der Leidenschaft nicht fürchtet, wenn er ,Ich liebe dich‘ haucht, noch die Fessel der Bindung oder die Geißel der Eifersucht.

Wer die LIebe des Gemüts, wenn sie ihn trifft, annimmt und mit der Liebe seines Herzens berührt, der findet das Herz des Geliebten.

Die Liebe des Herzens sagt: ,Was immer du bist, ich nehme es auf in mein Sein;

was immer du fühlst, ich will es verstehen;

was immer du wünschst und ersehnst, ich achte es;

was immer dich berührt, berührt auch mich;

wohin auch immer du wachsen willt,

ich nähre dich, wie ich kann.‘

Die Liebe des Herzens umfängt die Liebe des Gemüts wie die Auster das Sandkorn;

ihr Schmerz ist ein ständiger Dorn in ihrem weichen Fleisch;

sie nimmt ihn willig auf sich. Durch  ihr widerstandsloses Umfangen verwandelt sie die ,kleine Liebe‘, die Liebe des Gemüts, in einen kostbaren Schatz,

so wie die Auster das Sandkorn in eine Perle verwandelt.

Das Kostbare an diesem Schatz ist seine Schönheit; eine Schönheit, die nur dem offenbar wird, der die Schale seines Herzens öffnet und das, was so viel Schmerz verursachte, ans Tageslicht befördert.“

~ Safi Nidiaye

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!