Mommie, be YOU!

Feb 8, 2018

Über die Kunst, eine authentische Mutter zu sein – meine 5 glorreichsten Erkenntnisse aus 15 Jahren Mutterschaft

Das Mail hat mich zu Tränen gerührt. Das Mail einer Mama. Einer Mama, die mir von ihren Zweifeln und Schuldgefühlen erzählt, davon, wie schwierig es oft für sie ist, Mutter eines Sechsjährigen zu sein und gleichzeitig eine gute Paarbeziehung zu führen.

Ich erinnere mich an die Zeit, als mein Sohn sechs war. Ich erinnere mich an seinen ersten Schultag – die Schultüte war viel zu groß und es regnete in Strömen. Ich erinnere mich an seine Zahnlücke und an all die Ängste und Sorgen, die ich damals hatte. So sehr habe ich mir gewünscht, ihn vor allem beschützen zu können, was das Leben ihm an Schwierigem und Schmerzhaftem bringen würde. Zu wissen, dass das nicht möglich ist, zerriss mir fast das Herz.

Das tut es immer noch. Ein bisschen zumindest.

Nichts hat mich so sehr mit der Liebe in Verbindung gebracht wie das Muttersein, und nichts hat mich so sehr mit dem Schmerz in Verbindung gebracht hat, den diese Liebe mit sich bringt. Nichts auf der Welt ist so ambivalent für mich wie ein Kind zu haben, und nichts ist so … ja … heilig.

Ob ich meine Gedanken zum Muttersein teilen würde, fragte mich die junge Mama in ihrem Mail. Hmmm. Ich bin wirklich keine Expertin, und ich habe noch immer keine Ahnung, warum etwas, das so schön sein kann, gleichzeitig so schwierig sein muss. Aber ich teile gerne ein paar meiner persönlichen Erkenntnisse als Muttertier 😊

#1 Sei ein Mensch, keine Mutter

Oh Göttin, was tragen wir für Bilder und Vorstellungen in uns, wie eine Mutter zu sein und nicht zu sein hat! Da sind unsere eigenen Mütter, da sind Rollenverständnisse, die in unserer Gesellschaft vorherrschen, da sind Erziehungsratgeber, da sind Freundinnen und Bekannte, und da sind die Mütter, die wir treffen, wenn wir unser lieben Kleinen in den Kindergarten, die Schule, zum Schwimmunterricht oder in die Flötenstunde bringen. Und manchmal erscheint es uns, als wären alle anderen irgendwie souveräner als wir, als würden sie alles irgendwie besser auf die Reihe kriegen und als hätten sie alles wunderbar unter Kontrolle – ganz im Gegensatz zu uns.

Die Mutter auf dem Regenbogen

All das müssen wir radikal vergessen. Unsere Kinder brauchen keine fabrizierten, in fremden Kostümen und hinter perfekten Masken steckenden Mütter, sondern ECHTE Menschen, die ein ECHTES Gegenüber sind und ihnen vorleben, was es bedeutet, das Eigene zu leben.

Im Buch Frauenkörper – Frauenweisheit von Christiane Nortruph las ich, dass es zwei Arten von Müttern gebe: Erdmütter und kreative Regenbogenmütter. Erdmütter lieben es, für ihre Kinder zu kochen, ihnen selbstgemachten Sirup einzuflößen, wenn sie Husten haben, und all ihre Schul-, Arzt- und Sporttermine zu managen. Kreative Regenbogenmütter hingegen vergessen schon mal, Mittagessen zu kochen, weil sie gerade ein Bild malen müssen und voll im Flow sind. Sie pusten den Husten mit einer Prise Sternenstaub weg, und finden immer wieder originellen Ersatz für das verschwundene Fußballtrikot.

Natürlich sind auch das wieder Stereotype – aber mir half es, zu verstehen: Es geht nicht darum, eine gute oder gar perfekte Mutter zu sein, sondern darum, ein echter Mensch zu werden. Das bedeutet: Du kennst deine Werte, du weißt, wer du bist, findest heraus, was dir wichtig ist und wie du anderen begegnen möchtest. Wenn du deinem Kind SO gegenübertrittst und in echten Kontakt mit ihm gehst, dann begegnest du ihm als Mensch, und nicht als das Konzept, das du vom Muttersein hast. Dann kann echte Begegnung stattfinden und die Liebe kann fließen. Aber sowas von!

 

#2 Sieh einen Menschen, nicht dein Kind

Eines meiner größten Aha-Erlebnisse ereilte mich an einem kinderlosen Wochenende. Mein Sohn war bei seinem Vater, und ich genoss es, im Freibad einfach mal faul in der Wiese zu liegen und zu lesen, anstatt im Strudel des Familienbeckens zu plantschen oder zehnmal hintereinander johlend die Rutsche runterzubrettern. Da lag ich also und beobachtete gerührt einen schlaksigen kleinen Burschen, der zwei jüngere Kinder im Schlepptau hatte. Wie liebevoll er sich um die beiden Kleinen kümmerte! Wie süß er aussah mit seinen spindeldürren Beinen in der klitzekleinen Badehose! Ich schwöre, es dauerte ein paar Sekunden, bis ich realisierte, dass dieser entzückende Bursche mein Sohn war, der sich um seine jüngeren Halbbrüder kümmerte.

Daraufhin änderte sich meine Wahrnehmung schlagartig. Plötzlich machte ich mir Sorgen, ob das Kind auch dick genug mit Sonnenschutz eingecremt war. Ich fand seine Haltung schief und seinen Rücken rund, und überlegte, ob es auch genug zu essen bekam, so mager, wie es aussah.

Kurz: Ich hatte die Mutterbrille aufgesetzt und sah keinen Menschen mehr, sondern ein Zerrbild. Nicht mehr EIN Kind, sondern MEIN Kind.

Und genau bei diesem einen Buchstaben fängt es an. Dieses M schiebt sich zwischen uns und den einzigartigen Menschen, der zwar für eine beschränkte Zeit in unsere Obhut gegeben wurde, aber mit Sicherheit nicht uns gehört.

Lass das M weg. Dann hörst du vielleicht auf, deinem Kind ständig vorzuschreiben, wie viel es essen, was es anziehen und mit wem es seine Freizeit verbringen soll. Vielleicht hörst du sogar auf, dir von ihm auf der Nase herumtanzen zu lassen. Oder damit, dir ständig Sorgen um sein Wohlergehen, seine Schulnoten oder die vergammelnden Äpfel und Jausenbrote in seinem Rucksack zu machen.

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,

Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

~ Khalil Gibran

#3 Befreie dich vom Gift der Schuldgefühle!

Ziemlich genau das erste Jahrzehnt meines Mutter-Seins verbrachte ich damit, mir meine Schuldgefühle bewusst zu machen und sie eines nach dem anderen zu entsorgen. Schuldgefühle waren meine ständigen Begleiter, denn ich war single mom und nicht nur ziemlich unerfahren im Umgang mit Babys, sondern auch völlig gefangen im Schmerz über die Trennung von meinem Mann und meinen Stiefkindern. Ich war auch nicht unbedingt die Geeignetste, um meinem Sohn Skifahren, Fußballspielen und Delphinschwimmen beizubringen. Von der täglichen Überforderung, ein Kind großzuziehen, den Lebensunterhalt allein zu verdienen und dann auch noch verstopfte Abflüsse reinigen zu müssen, ganz zu schweigen 😊

Schon bald habe ich aber begriffen, dass meine Schuldgefühle die Beziehung zu meinem Kind vergifteten.

Schuldgefühle sind toxisch. Immer und sowieso – aber im Zusammenhang mit Kindern ganz besonders. Denn sie führen dazu, dass wir eine Beißhemmung entwickeln, nicht Nein sagen und uns nicht abgrenzen können. Sie machen uns zu Gummiwänden, an denen Kinder weder echte Wärme noch echte Reibung (siehe weiter unten) erfahren können.

Wir Mütter geben unser Bestes, aber wir machen Fehler – schließlich sind wir Menschen. Fehler kann man sich und anderen eingestehen. Kinder (auch ganz kleine) kann man um Verzeihung bitten. Und dann müssen wir uns nur noch selbst verzeihen – und schon sind wir frei. Das ist zwar verdammt schwierig, aber der einzige Weg, um zu verhindern, dass Schuldgefühle die Beziehung zu unseren Kindern vergiften.

Übrigens: Schuld und Scham hängen eng zusammen. Jahrelang habe ich aus Scham über meine Schuldgefühle geschwiegen. Erst als ich bei einer sehr mütterlichen und liebevollen Therapeutin landete, begann ich, über das zu sprechen, was ich für unverzeihliche Fehler meinem Kind gegenüber hielt. Alleine dieses Aussprechen war heilsam. Langsam begann ich mich zu öffnen und auch mit anderen Müttern darüber zu sprechen, wie es mir wirklich ging. Und siehe da: Vielen von ihnen erging es ganz ähnlich wie mir! Welch eine Erleichterung …

Dich selbst als Mutter perfekt haben zu wollen ist genauso gewalttätig, wie ein perfektes Kind haben zu wollen. Sei sanft zu dir. So wie zu deinem Kind.

 

#4 Reibung erzeugt Wärme

Immer geduldig, verständnisvoll und fürsorglich – das wären wir manchmal gerne. Aber das ist definitiv nicht das, was unsere Kinder von uns brauchen. Nicht nur Kuscheln sorgt für Wärme, sondern auch Reibung.

Die erstaunlichsten Erfahrungen habe ich gemacht, wenn ich derartig die Nase voll hatte, dass mein Ärger sogar meine disease to please überstrahlte und ich Herrn Sohn gegen eine Wand laufen ließ. Statt ihm alles durchgehen zu lassen und ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen wie sonst oft, sagte ich zu allem Nein, und zwar mit einer Vehemenz und Selbstverständlichkeit, die mir selbst fremd erschienen. Das Erstaunliche war: Nach ein paar Momenten der Irritation verwandelte sich das fordernde und aufmüpfige Wesen vor meinen Augen in ein pflegeleichtes Lämmchen, und in seinen Augen blitzte so etwas wie Respekt auf. Respekt für diese Frau, die ihm 4000 Mal die Windeln gewechselt und ihm mindestens ebenso oft erklärt hatte, warum die Spaghetti auf den Teller und nicht auf den Boden gehören. So als hätte er für einen Moment verstanden, dass hier ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen vor ihm stand, ein Mensch mit Gefühlen, ein Mensch mit menschlichen Grenzen.

Wie können wir als Mütter unser Harmoniebedürfnis in Zaum halten und Lust an der Konfrontation entwickeln? In dem wir lernen, der Liebe zwischen uns und unseren Kindern so sehr zu vertrauen, dass wir wissen: Sie ist so groß, so weit und so tief, dass sie uns auch durch Dramen, Heulkrämpfe, Türengeknall und „Du bist die doofste Mutter der Welt!“-Geschrei tragen wird.

 

#5 Bleib ein bisschen kinderlos

Kürzlich saß ich mit einer flüchtigen Urlaubsbekanntschaft am Frühstückstisch. Der aus Israel stammende Mann, der in Thailand auf der Suche nach sich selbst war, hatte zwei Kinder, eines zehn, eines zwölf Jahre alt. Ich fragte ihn, ob er seine Kinder nicht vermisse, wenn er so lange auf Reisen sei. „Eigentlich nicht“, antwortete er. „Wenn ich bei ihnen bin, bin ich ganz da. Aber wenn ich alleine unterwegs bin, denke ich kaum an sie.“

Dass Väter hier offensichtlich anders gestrickt sind als die meisten Mütter, habe ich schon oft festgestellt – und ich beneide sie darum. Denn wenn ich allein auf Reisen bin, vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht Gedanken um mein Kind mache, und das Loslassen fällt mir wirklich schwer.

Aber so wie die Paarbeziehung bekanntlich dann am besten funktioniert, wenn beide Partner ein wenig Single bleiben, tut es auch uns Müttern gut, ein Stück weit kinderlos zu bleiben – oder zumindest hin und wieder so zu tun als ob.

Denn nur so können wir unsere Auszeiten wirklich genießen und die vielen anderen weiblichen Aspekte, die in uns stecken, genussvoll ausleben. Also raus aus der verbeulten Jogginghose und dem angespuckten T-Shirt, rein in die Glitzerleggings oder die Motorrad-Stiefel! Ab mit den besten Freundinnen ins Lieblingslokal oder mit dem Liebsten aufs heiße Eisen, oder ganz alleine zum Shopping nach London! So wie früher, komm schon, Mommie! Die Kleinen überleben auch mal ein, zwei Tage bei der Oma, und sie überleben es auch, wenn du mal verkatert oder unausgeschlafen bist. Dafür bist du dann wieder mehr du. Und das ist das Beste, was du ihnen geben kannst, hörst du?

Divider Gold

Herr Sohn ist mittlerweile 15, ein gutes Stück größer als ich, und ein Quell täglichen Staunens, Freuens, Überfließens vor Liebe … und Ärgerns 😊 Die Ambivalenz darf tanzen. Wir müssen unsere Kinder, deren Seelen, wie Khalil Gibran so schön schrieb, im Haus von morgen wohnen, nicht immer verstehen. Wir dürfen sie grenzenlos lieben und uns maßlos über sie ärgern. Wir dürfen sie zum Mond schießen wollen und furchtbar vermissen.

Ja, all das dürfen wir. Sogar gleichzeitig. Weil wir Mütter sind.

Big, wild love

Laya

PS: Während ich das schreibe, wird mir bewusst, dass vieles davon nicht nur für leibliche, sondern auch für geistige Kinder gilt, auch für Herzensprojekte und kreative Geburten. Es gibt schließlich viele Arten von Kindern – und von Mutterschaft.

Noch mehr Ermutigung für Mommies:

>> 3 Golden Rules für Muttertiere

>> Der Tanz der Ambivalenz

Photo by David Gomez on Unsplash

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