Mut ist immer trotzdem: 7 Wege zum Umgang mit Angst

Sep 1, 2017

Vor genau sechs Jahren habe ich mich selbstständig gemacht. Ich war Alleinerzieherin, hatte keine finanziellen Rücklagen und im Grunde keine Ahnung, was ich genau tun wollte. Nur dass ich anders arbeiten wollte als bisher – das wusste ich. Ich wollte mein Ding machen – was auch immer das sein würde.

 

Nicht, dass ich keine Angst gehabt hätte. Im Gegenteil. Ich erinnere mich noch sehr genau an jene dunkle Nacht, in der ich in der Ecke der Retreat-Hütte kauerte, in die ich mich zurückgezogen hatte, um eine Entscheidung zu treffen.

 

Ich war wie hypnotisiert vor Angst. Konnte mich buchstäblich nicht herausbewegen aus meiner Ecke. Bilder von mir und meinem damals neunjährigen Sohn, als Obdachlose durch die Gegend ziehend, jagten mir kalte Schauer über den Rücken. Wie ein Kaninchen saß ich da, gelähmt vom paralysierenden Blick der Angst-Schlange.

 

Irgendwann gelang es mir aber doch, die Starre abzuschütteln und aus meiner Ecke zu kriechen. Ich kam in Bewegung – und tat damit den entscheidenden Schritt.

 

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als die Angst.
~ Ambrose Redmoon

 

Mutig zu sein bedeutet, den nächsten Schritt zu tun, auch wenn dir die Knie schlottern und du nicht wissen kannst, wohin dieser Schritt dich führen wird.

 

Das Trotzdem ist der entscheidende Punkt.
 
Weitermachen – trotz der Angst.
 
Vorwärts gehen / tappen / straucheln / stolpern – trotz der Unsicherheit.
 
In Bewegung kommen – trotz der Lähmung.

 

Dieses Trotzdem ist es, das uns wirklich Kraft gibt für den Weg. Nicht der anfängliche Enthusiasmus, nicht das überhebliche „Alles-ist-möglich“, nicht das großspurige „Das-schaff-ich-mit-links“ werden uns letztendlich in schwierigen Phasen Flügel verleihen, sondern der Mut zum Trotzdem.

 

7 Wege zum Umgang mit Angst

1. Fühle die Angst und benenne sie

Angst ist eine emotionale Welle. Sie kann sehr stark sein, und es erfordert an sich schon Mut, sie wirklich zu spüren, anstatt sich abzulenken oder zu betäuben. Es hilft, die Angstwelle zu beobachten und dabei möglichst neutral zu bleiben.

 

Angst zu haben bedeutet weder, dass du in realer Gefahr bist, noch dass du eine bestimmte Sache nicht tun solltest. Sie ist – fürs Erste – einfach mal da. Beobachte, wie diese Welle über und durch dich schwappt. Atme. Bleib präsent. Vielleicht kannst du dann sogar wahrnehmen, wie die Wogen sich langsam glätten und wieder mehr Ruhe und Gelassenheit einkehrt.

 

Es kann auch hilfreich sein, dein Angstgefühl genau zu beschreiben. Wo in deinem Körper fühlst du es – und wie fühlt es sich an? Spitz oder klumpig, kalt oder heiß, taub oder pochend? Hat es eine Farbe, eine Form, einen Geruch? Schnürt es dir die Kehle zu, krampft es dir den Magen zusammen oder erzeugt es eine dunkle Wolke in deinem Kopf?
Sag dir: „Da ist Angst“ oder „Hallo Angst, da bist du wieder“. Das schafft mehr Abstand zwischen dir und dem Gefühl als „Ich habe Angst“.

 

Wenn dir die Welle übermächtig groß erscheint, kannst du bewusst einen verniedlichenden Namen für die Angst finden. Zum Beispiel: „Ach, das Angsti ist wieder da“ oder „Oh, da hoppelt das Angsthäschen vorbei!“

Süß, das Angsthäschen!

Allerdings ist es wichtig, dass du dich nicht über die Angst lustig machst. Sie will anerkannt und respektiert werden (was nicht bedeutet, dass du dich von ihr hinwegschwemmen oder blockieren lassen solltest). Aber es kann hilfreich sein, die Angst durch Verniedlichung ein wenig schrumpfen zu lassen, damit du ihr auf Augenhöhe begegnen kannst.

 

2. Hör der Angst zu und sammle Fakten

Welche Botschaft hat die Angst für dich? Bringt sie vielleicht sogar berechtigte Einwände vor oder weist dich auf Risiken hin, die du bisher nicht gesehen hast? Noch einmal: Das bedeutet nicht, dass du dich von der Angst aufhalten lassen solltest. Aber manchmal hat sie wichtige Informationen für dich und bewahrt dich davor, etwas zu übersehen.

 

Mut besteht nicht darin, dass man die Gefahr blind übersieht, sondern darin, dass man sie sehend überwindet.
~ Jean Paul

Vergangenes Jahr bekam ich, als ich schon mitten in einem neuen Projekt steckte, plötzlich Angst davor, dass es mir eine Nummer zu groß werden und über den Kopf wachsen würde. Damals habe ich die Angst geringschätzig abgetan: „Ach hör mir doch auf, du willst mir einfach nur immer alles miesmachen.“

 

Es wäre besser gewesen, ich hätte ihr in Ruhe zugehört.  Denn das Projekt wuchs mir tatsächlich über den Kopf, und da ich es irgendwann nur noch halbherzig vorantrieb, zeigten sich nicht die erwünschten Ergebnisse.

 

Hätte ich auf die Angst gehört, hätte ich genauer geprüft,  ob ich ausreichend Ressourcen zur Verfügung habe, ich hätte anders geplant oder mir rechtzeitig Kooperationspartner gesucht.

 

In solchen Situationen ist es sinnvoll, Fakten zu sammeln, zu recherchieren, zu kalkulieren, Listen aufzustellen, ExpertInnen zu befragen, … erstens bist du dann mit etwas Sinnvollem beschäftigt, und das macht es der Angst schwerer, dich zu überrollen, und zweitens bringst du das Thema von einer irrationalen Ebene (auf der sich das Angstgespenst meistens herumtreibt) auf eine rationale Ebene.

 

Der Angst zuzuhören, bedeutet nicht, auf sie zu hören. Wir können trotzdem weitermachen – aber um ein Stück bewusster und weiser, weil wir ihre Botschaft vernommen haben, und dadurch Fehler, Rückschläge und Enttäuschungen vermeiden können.

 

3. Und dann?

Es macht Sinn, sich das worst case szenario vorzustellen. Aber dabei sollten wir es nicht bewenden lassen.

 

Zum Beispiel: Du hast Angst, dich auf eine neue Beziehung einzulassen. Was, wenn du wieder enttäuscht oder verletzt wirst?
Okay, stell dir vor, dein neuer Partner kränkt oder verlässt dich tatsächlich. Das ist unangenehm und schmerzhaft. Aber was kommt danach? Das Leben geht weiter, du wirst wieder aufstehen, dein Herz wird heilen, du wirst aus der Erfahrung gelernt haben und bei der nächsten Beziehung achtsamer und bewusster sein.

 

Oder: Du hast Angst, dem neuen Job nicht gewachsen zu sein, oder davor, dass deine KollegInnen dich nicht mögen werden.
Okay, das kann tatsächlich passieren. Aber was kommt dann? Du wirst dir Unterstützung suchen, zum Beispiel bei einem Coach. Du kannst neue Fähigkeiten entwickeln. Du wirst Wege finden, mit den KollegInnen klarzukommen. Und wenn es gar nicht anders geht, wirst du dir einen neuen Job suchen.

 

Oder: Du hast Angst, finanziell nicht über die Runden zu kommen, wenn du dich selbstständig machst.
Okay, stell dir vor, dein Konto rutscht tatsächlich massiv ins Minus und du hast keine Ersparnisse mehr. Und dann? Du suchst dir eine Halbtagsstelle, um deine Fixkosten abzudecken. Oder eine kleinere Wohnung. Verkaufst dein Auto und fährst mit dem Fahrrad. Leihst dir vorübergehend Geld aus, bis du finanziell wieder auf den Beinen bist. Du lässt dich beraten, stellst einen Finanzplan auf, minimierst deine Ausgaben oder findest neue Einnahmequellen.

 

Denk weiter als bis zum worst case szenario. Das zeigt dir, dass es nur eine Zwischenstation ist, aus der es garantiert einen Ausweg gibt.

 

{Die „Und dann?“-Strategie stammt, wenn ich mich richtig erinnere, von Impuls-Coach, Autorin und Clownin Maria Färber-Singer. Vergangenes Jahr habe ich ein Interview mit ihr geführt – du kannst es hier nachlesen. }

 

4. Trainiere deinen Mutmuskel

„Tue jeden Tag etwas, wovor du Angst hast“, riet Eleanor Roosevelt. Das bedeutet nicht, dass du jeden Tag einen Bungee-Sprung machen musst. Aber du kannst deinen Mut-Muskel trainieren, indem du jeden Tag eine kleine Tat vollbringst, vor der du dich ein wenig fürchtest. Das kann ein unangenehmer Anruf sein, vor dem du dich am liebsten drücken würdest. Ein ehrliches Gespräch mit deinem Partner. Ein klares Nein deinem vor Wut tobenden (oder zuckersüß-schmeichelnden) Kind gegenüber. Eine Reise alleine, nur für dich.

 

Manchmal kann es auch eine große, symbolische Tat sein. Noch immer ermutigt mich der Fallschirmsprung, den ich vor einigen Jahren – trotz schlotternder Knie – gemacht habe. Ich erinnere mich an ihn in Momenten, in denen ich am liebsten einen Rückzieher machen und klein beigeben möchte. Damals bin ich in 4000 Metern Höhe aus dem Flugzeug gesprungen. Also kann ich auch in jedem anderen Moment springen. Einfach so. Hepp!

 

Öfter mal einen Mutanfall zu haben setzt ungeahnte Kräfte frei – du wirst sehen.

 

 

5. Warte nicht, bis die Angst vorbei ist

Es wäre schön, wenn wir die Angst ein für allemal überwinden könnten. Aber ich fürchte, das funktioniert nicht. Next level, next devil – haben wir eine Ebene bewältigt, kommt die nächste, wir wachsen und expandieren weiter, entfalten uns in neue Räume hinein, lassen das Verstandene und Bewältigte wieder los … und bekommen von Neuem Angst.

 

Das Leben verläuft in Zyklen, und die Angst ist ein wesentlicher Bestandteil eines jeden neuen Zyklus. Solange wir lebendig sind und uns entwickeln, statt im Bekannten und Vertrauten festzustecken, werden wir immer wieder mit Ängsten konfrontiert sein. Rechne damit. Grüße freundlich, wenn es wieder mal so weit ist. Und wisse, dass die Angst nicht bedeutet, dass du auf dem falschen Weg bist. Im Gegenteil:

 

6. Die Angst zeigt dir den Weg

Meine größte Angst ist die vor dem Neinsagen. Nein, stimmt nicht 🙂

 

Meine größte Angst ist die vor dem Schreiben. Obwohl – oder gerade weil – ich weiß, dass Schreiben genau das ist, was ich tun muss, wofür ich hier bin.

 

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Ausflüchte ich in meinem Leben schon gefunden habe! Darin bin ich super erfinderisch. Physik studieren, als Journalistin arbeiten, andere beim Schreiben coachen und begleiten – das alles waren im Grunde Inszenierungen, um nicht selbst schreiben zu müssen. Dahinter steckte – und steckt noch immer – die Angst davor, etwas von mir preiszugeben, mich zu zeigen, verletzlich zu sein.
Und es steckt die Angst vor dem Scheitern dahinter. Wenn ich endlich, endlich das tun würde, wozu ich mich berufen fühle, und dann keinen „Erfolg“ damit habe, keine Erfüllung darin finde  – was dann? Zurück zu Punkt 3 🙂
Vor allem aber ist es die Angst davor, mir selbst aus dem Weg zu gehen, die Kontrolle aufzugeben und mich in jenen wilden kreativen Strom hineinzuwerfen, der mich immer wieder lockt. Was, wenn es dann kein Zurück mehr gibt?

 

Wo deine größte Angst ist – dort ist dein Weg. Sie zeigt dir, wo es für dich ans Eingemachte geht. Sie bringt dich dorthin, wo deine Komfortzone endet. Und garantiert auch darüber hinaus. And that’s where the magic happens.

 

Ganz und gar man selbst zu sein, kann schon einigen Mut erfordern.
~ Sophia Loren

 

Ich glaube sogar: Ganz und gar man selbst zu sein ist das Mutigste, das man überhaupt tun kann. Und da man mindestens ein ganzes Leben braucht, um man selbst zu werden, wird die Angst einen auch ein ganzes Leben lang begleiten. Oder zumindest immer wieder besuchen.

 

7. Nutze die Kraft der Angst

Ängste, Unsicherheiten und Zweifel zwingen dich, zu prüfen. Ist es wirklich das, was du möchtest? Bist du bereit, einen Sprung ins Vertrauen zu wagen, trotz deiner Angst? Ist diese Sache es dir wert, ein Risiko einzugehen?

 

Die Bewältigung deiner Ängste und das Überreifen deiner Zweifel zwingen dich dazu, klare Entscheidungen zu treffen und Standpunkt zu beziehen. Das wird dir auch helfen, dich nicht verunsichern zu lassen von den Unkenrufen und Entmutigungen, die unweigerlich von anderen Menschen auf dich einprasseln werden, wenn du einen mutigen Schritt tust. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich dabei oft um deren eigene Ängste, Zweifel und unerfüllten Sehnsüchte handelt, die sie auf andere projizieren, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

 

Die Kraft der Angst und der Mut zum Trotzdem machen dich stark.

 

Nutze sie. Für DEIN wildes, freies und kreatives Leben!

 

Und hier noch zwei kleine Tipps:
Mit der Durga-Mudra  baust du Mut auf. Und meine Kollegin Judith Kirchmayr hat ein tolles Buch darüber geschrieben, wie man Angststörungen überwinden kann: Kraft meiner Angst: Ein Mutmachbuch bei Angst und Panikattacken

Fotos: Shutterstock

Big wild love, Laya

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