Nathalie Delay: Die wahre Begegnung mit der Angst

Jun 2, 2017

Nathalie Delay steht in der Tradition des non-dualistischen kashmirischen Tantra-Yoga und ermutigt ihre Schüler in einem direkt aus dem Herzen entstehenden Kontakt zu einem mutigen „Ich weiß nicht“. Im Interview spricht sie über Angst als Tür zur Liebe, über die Intimität der wahren Empfindung und über die Endlosigkeit des Erkennens

Das Interview ist in der Ausgabe 2/2017 von yoga aktuell erschienen.

Foto: Lukas Beck

Nathalie Delay wird „Meisterin der Stille“ genannt. Sie lehrt vor allem durch ihre Präsenz, die auch ihre Schüler in eine tiefe innere Stille zu führen vermag. Die Französin gilt als erwacht und wurde in die Jahrtausende alte Tradition des kaschmirischen Shivaismus eingeweiht. Zu ihren Lehrern zählten die Tantra-Meister Daniel Odier und Eric Baret. Die Tantra-Lehren kommen in Nathalie Delays Seminaren und Retreats aber gar nicht explizit vor. Durch eine sehr einfache, fast poetische und in totaler Präsenz ausgeübte Yogapraxis führt Nathalie Delay ihre Schülerinnen direkt zur Essenz – schnörkellos, kristallklar und ohne jede Ideologie.

Im Interview spricht Nathalie Delay über die Totalität der Liebe, über wahrhaftige Begegnungen mit der Angst und über die Kunst als Tor zum Absoluten.

Nathalie, du regst in deinem Unterricht dazu an, nichts erreichen zu wollen, sondern ohne inneren Kommentar zu erforschen und sich dem hinzugeben, was im Moment ist. Es ist eine sehr minimalistische und subtile, gleichzeitig aber intensive Yogapraxis. Wie ist dein Zugang zum Yoga entstanden?

In dreißig Jahren persönlicher Erfahrung habe ich nicht nur klassischen Yoga praktiziert, sondern auch Tai Chi, Qi Gong und Feldenkrais. Ich habe entdeckt, dass es bei all diesen Übungswegen in der Essenz um Bewegungen in voller Präsenz geht, und nicht um das Resultat. Es geht um Bewegungen, die von Bewusstheit getragen sind. Die klassische Praxis lockt uns oft in die Falle, nur den formalen Aspekt zu sehen, zu verfolgen. Auch die schönste Tradition verführt dazu, an der äußeren Form anzuhaften. Was ich zu lehren versuche, ist, nicht den Zugang zur Form zu finden, sondern die Qualität der Essenz, der Präsenz, des Seins. Darum beharre ich darauf, dass wir im Yoga keine Performance abliefern. Ich lehre keine Technik, sondern möchte die Kunst vermitteln, der Wirklichkeit des Körpers zu begegnen. Ich spreche von Kunst, weil man eine Kunst nicht beherrschen kann wie eine Technik. Es geht darum, die Grenzen zu verschieben, und da gibt es kein Ende. Ich spreche auch von Kunst, weil jeder Mensch diesen Ausdruck für sich selbst finden muss. Letztendlich geht es darum, jede Begegnung im Alltag in ganzheitlicher Präsenz zu erfahren.

Dieser Zugang hat eine fast poetische Qualität. Im Gegensatz dazu erscheint der Yoga, wie er in vielen Studios praktiziert wird, grob, beinahe gewalttätig. Wie kann man diese Feinheit und Poesie auch jenseits der Yogamatte leben, in einer Welt, die immer schneller und vielerorts auch roher wird?

Das braucht viel Zeit und Übung. Wir sind es nicht mehr gewöhnt, im Empfinden zu sein, wir sind ständig im Denken. Wenn ich die Bewegungen mehr und mehr verlangsame und von Moment zu Moment bewohne, kann ich wieder in die Empfindung kommen. Das heißt, wir werden nicht um der Langsamkeit willen langsam, sondern um Konditionierungen aufzubrechen. Wenn ich diese Intimität, diese Begegnung wiedergefunden habe, fällt es leichter, sie auch in größeren und schnelleren Bewegungen und auch in den Bewegungen des täglichen Lebens umzusetzen. Wenn diese Präsenz wirklich integriert ist, kann ich ihre Qualität überallhin übertragen, auf die Busfahrt ebenso wie auf den Einkauf im Supermarkt. Ich vergesse das Bild, das ich von den Dingen habe, und gehe ganz in die Empfindung: Wie fühlt sich zum Beispiel der Griff des Einkaufswagens unter meinen Händen an? Es geht um ein Dekonditionieren von der Gewohnheit, was mein Körper für mich ist und wie ich ihn im Alltag verwende. Dann kann ich im Zuhören und in der sanften Empfindung bleiben, egal, wie ich mich gerade bewege und was ich gerade berühre. Das Rohe und Grobe existiert nur im Kopf.

Auf Fragen zur Angst vor Verlust oder vor dem Sterben sagtest du, wir hätten so viel Angst vor der Angst, dass wir uns der wahren Begegnung mit ihr nicht stellen. Wie sieht eine wahre Begegnung mit der Angst aus?

Diese Begegnung findet statt, wenn wir aus dem Gedanken an die Angst aussteigen und in die wahrhaftige Empfindung eintauchen. Wenn ich das Wort „Angst“ wegnehme und den ganzen Glaubenssatz dahinter, was bleibt dann? Dann komme ich zu einer wirklichen, realen Entdeckung. Wenn ich der Angst organisch begegne, wenn ich in wirklichem Kontakt mit ihr bin – und das kann sehr intensiv sein – ist da plötzlich keine Angst mehr. Jede Emotion, also auch die Angst, ist eine Welle von Empfindung. Eine Welle kommt und geht. Wir lassen den psychologischen Aspekt der Emotion mit seiner ganzen Geschichte los und stehen ihrem vibratorischen Aspekt, der wahren Empfindung, zur Verfügung. Wir geben der Welle der Angst Raum, damit sie sich in ihrem natürlichen Rhythmus bewegen kann. Das ist der Yoga der Emotionen.

Es heißt, Liebe sei das Gegenteil von Angst. Stimmt das, oder beinhaltet die totale Liebe, von der du sprichst, auch die Angst?

Diese Liebe ist gleichbedeutend mit Totalität. Sie beinhaltet alles, alle Gedanken, alle Formen und alle Emotionen – also auch die Angst. Wenn ich mich der Angst nicht verweigere, sondern zulasse, dass ich sie wirklich spüre, wenn ich sie in mir leben lasse, dann finde ich die Qualität der absoluten Liebe, dann finde ich zur Quelle. Jede Emotion ist wie eine Tür, eine Chance, zurück zur absoluten Liebe zu finden. Aber diese Liebe ist kein Wort und kein Konzept, keine Ideologie und kein Glaubenssatz. Sie ist etwas, das man organisch erfahren muss.

Ist diese absolute Liebe etwas anderes als das Gefühl der Liebe, das wir für eine andere Person empfinden?

Die Quelle ist die absolute Liebe, aber sie kann sich auch in Form der persönlichen Liebe ausdrücken. Da gibt es keinen Gegensatz oder Widerspruch. Wenn ich von Liebe als Totalität spreche, dann meine ich beides: die Liebe ohne Form, aber auch die Liebe, die eine Form annimmt und durch den Kanal einer Person geht. Es ist nichts Falsches daran, jemanden persönlich zu lieben, aber wenn ich jemanden zu sehr persönlich liebe, entstehen Kontraktion, Zusammenziehen und Angst vor Verlust. Dieses Brauchen und Benötigen der persönlichen Liebe verschließt uns sehr rasch. Wenn ich hingegen der Liebe mehr Raum gebe und sie nicht mehr nur auf diese eine Person hin lebe, dann bekommt auch diese Person mehr Raum, und die Liebe wird viel größer und weiter.

In einem Interview sagtest du, dass du dich auf einer Reise ohne Ende befindest. Du beschreibst, dass das Herz ein bodenloser Abgrund ist, in dessen Essenz hinein man immer noch mehr sterben kann. Bedeutet das, dass es kein endgültiges Erwachen gibt, ab dem man aufhört zu leiden und die Welt in ihrer tatsächlichen Schönheit sieht?

Das Leiden wird man nie einfach so wegwischen können. Aber immer mehr zu sterben heißt, sich in ein Ich-weiß-nicht hinein aufzulösen. Alles, was das Leben uns zeigt, ist genau das, was wir brauchen, um uns von den Illusionen zu befreien, die uns unglücklich machen. Wir sterben hinsichtlich der Lüge, dass wir etwas anderes brauchen würden als das, was schon da ist, um glücklich zu sein. Dieses permanente Sterben der Person muss auf zellulärer Ebene stattfinden. Dabei geht es im Endeffekt auch um ein Deprogrammieren des Gehirns. Das Sterben der Person ist gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass du das Absolute bist. Dieses Erkennen ist ohne Ende, weil das Absolute ohne Ende ist. Du wirst niemals sagen können: „Jetzt hab ich’s!“ Zu erwachen bedeutet, eine Tür zu öffnen – aber die Reise ohne Ende beginnt erst dann. Es ist nicht der Weg einer Person, sondern eine Bewegung zum Absoluten hin.

In verschiedenen spirituellen Szenen und Büchern ist die Rede davon, dass wir Menschen zu Schöpfern werden können und sollen. Steht das im Widerspruch zu dem, was du lehrst – nämlich einfach zuzuhören und Moment für Moment ohne Widerstand mit dem Leben zu gehen, so wie es sich gerade zeigt?

Wenn du die Tür zum Absoluten aufstößt, wirst du feststellen, dass es keine Person gibt, die etwas erschaffen könnte. Es gibt nur einen einzigen Schöpfer – du kannst ihn nennen, wie du willst: Bewusstsein, Shiva, Gott, Liebe. Je mehr du dich von der Idee befreist, jemand zu sein, desto ungehinderter kann sich dieser universelle Schöpfer durch dich zeigen. Dann machst du die Erfahrung, dass etwas durch dich hindurchdringt, etwas, das diesen universellen, schöpferischen Aspekt verkörpert. Je mehr du dich von dir selbst befreist, desto mehr kann sich die Schöpfung in all ihrer Schönheit durch dich entfalten.

Wenn du die Tür zum Absoluten aufstößt, wirst du feststellen, dass es keine Person gibt, die etwas erschaffen könnte. Es gibt nur einen einzigen Schöpfer – du kannst ihn nennen, wie du willst: Bewusstsein, Shiva, Gott, Liebe. Je mehr du dich von der Idee befreist, jemand zu sein, desto ungehinderter kann sich dieser universelle Schöpfer durch dich zeigen. Dann machst du die Erfahrung, dass etwas durch dich hindurchdringt, etwas, das diesen universellen, schöpferischen Aspekt verkörpert. Je mehr du dich von dir selbst befreist, desto mehr kann sich die Schöpfung in all ihrer Schönheit durch dich entfalten.

Wenn du die Tür zum Absoluten aufstößt, wirst du feststellen, dass es keine Person gibt, die etwas erschaffen könnte. Es gibt nur einen einzigen Schöpfer – du kannst ihn nennen, wie du willst: Bewusstsein, Shiva, Gott, Liebe. Je mehr du dich von der Idee befreist, jemand zu sein, desto ungehinderter kann sich dieser universelle Schöpfer durch dich zeigen. Dann machst du die Erfahrung, dass etwas durch dich hindurchdringt, etwas, das diesen universellen, schöpferischen Aspekt verkörpert. Je mehr du dich von dir selbst befreist, desto mehr kann sich die Schöpfung in all ihrer Schönheit durch dich entfalten.

Du wurdest in den kaschmirischen Shivaismus eingeweiht, eine uralte tantrische Tradition. Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man aufhört, den Lehren zu folgen, und nur noch der Weisheit des eigenen Herzens lauscht?

Am Anfang braucht man die Begegnung mit einem Meister – er ist der Vermittler des Absoluten. Wenn du aber das Absolute einmal selbst berührt hast, brauchst du keinen Vermittler mehr. Dann kommt die Information auf direktem Wege zu dir.

Alles, was ich in meiner Lehre vorschlage, kommt aus einer direkten Erfahrung. Es ist kein Wissen und keine Philosophie – ich versuche, das weiterzugeben, was ich lebe. Mir ist wichtig, dass nichts von dem, was ich lehre, in etwas Konzeptuelles, in eine neue Ideologie verwandelt wird. Ich lade meine Schüller ein, alles selbst auszuprobieren und in die direkte Erfahrung des Essenziellen einzutauchen, statt an irgendetwas zu glauben.

Du bist den Pfad der Erleuchtung gegangen, während du mitten im Leben standest: Du warst in einer Beziehung, hattest einen fordernden Beruf in der Werbebranche und eine Tochter. Wie hast du Zeit für die Meditationspraxis gefunden? 

In meinem Alltag gab es praktisch keinen Raum für eine formelle Praxis. Es gab eine Phase, da wollte ich meine Tochter verlassen, um in Rückziehung zu gehen und mich nur noch dem spirituellen Weg zu widmen – aber mein Meister hat es mir strengstens untersagt. Er meinte, meine Tochter und mein Alltag seien meine Praxis. Also habe ich 30, 40 Mal am Tag eine „Micropraxis“ gemacht: Innehalten, ein paar bewusste Atemzüge nehmen, den Boden unter den Füßen und den Himmel über dem Scheitel spüren. Die Herausforderungen des Alltags sind ein unerbittlicher Lehrer. Jede Schwierigkeit zeigt mir, dass ich nicht frei bin, dass ich die Wirklichkeit anders haben möchte, als sie ist. Sobald ich aufhören kann, gegen die Wirklichkeit zu kämpfen, bin ich frei. Wir suchen die Erleuchtung im letzten Winkel des Himalaya, dabei wartet sie in der eigenen Küche auf uns!

Du bist nicht nur spirituelle Lehrerin, sondern auch Malerin. Du sagst, die Kreativität sei ein Feiern des Augenblicks und der Lebendigkeit und führe uns über den Wunsch, besitzen und kontrollieren zu wollen, hinaus. Heißt das, dass die Kunst uns dem Erwachen näherbringen kann?

Ich nutze meine Bilder, um das zu auszudrücken, was ich auch lehre. So bekommen die Menschen die Möglichkeit, den Geschmack der Stille durch die Betrachtung der Bilder kennenzulernen. Aber es kommt darauf an, wie man schaut. Manche Menschen werden durch ein Kunstwerk direkt in ihrem Sein berührt, andere werden mehr durch Körperempfindungen oder durch Worte angesprochen. Es gibt keinen richtigen, keinen einfacheren oder leichteren Weg. 

Interview zum Download>> Interview zum Download

Infos zu Nathalie: www.nathaliedelay.com

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