One day baby we’ll be old

Apr 21, 2014

Ja, eines Tages we’ll be old and we’ll have Altersflecken und schwache Beine, und wir werden viele der Geschichten vergessen haben, die das Leben uns ins Stammbuch geschrieben hat. Was bleibt?

Es wurde rauf und runter geliked und geshared, das Video der jungen Slammerin Julia Engelmann. Am Beginn ihres fulminanten Plädoyers für ein ganz gelebtes Leben stand diese Songzeile:

ONE DAY BABY WE’LL BE OLD
OH BABY WE’LL BE OLD
AND THINK OF ALL THE STORIES
THAT WE COULD HAVE TOLD …

>> Song auf youtube (Achtung, Ohrwurm!)

MEIN VATER LIEGT IM KRANKENHAUS.  Sein ONE DAY ist längst gekommen. Vergangenes Jahr war es eine schwere Gehirn-OP. Heuer ist es die Halswirbelsäule. Einundsiebzig. Die Hände ohne Gefühl. Die Beine unter dem Krankenhaus-Nachthemd so dünn, dass ich bei ihrem Anblick weinen muss, während die Schwester ihn zur Toilette führt.

ONE DAY, BABY. TODAY, BABY.

„Mut ist nur ein Anagramm für Glück“ slammt Engel Julia. War mein Vater mutig? Glücklich? Die Geschichten, die er erzählen kann, sind die eines Durchschnittslebens: Nachkriegskindheit, Arbeit, Ehe, Kinder, Enkelkinder, ein paar Depressionen, ein paar stille Glücksmomente – so hoffe ich jedenfalls.

ONE DAY, BABY. WAS BLEIBT?

  • Meinem Vater bleibt seine Würde (trotz Krankenhaus). 
  • Ihm bleiben Menschen, die ihm die Hand halten.
  • Ihm bleibt sein Gottvertrauen.

Man könnte sagen, er ist reich. 

UND ICH? OH BABY.

  • Ich habe meine Würde. Wenn ich nicht gerade von Termin zu Termin hetze.
  • Ich habe Menschen, die mir die Hand halten. Wenn ich nicht gerade die Hände voller Smartphone, Laptop, E-Reader und Tablet habe.
  • Ich habe mein Vertrauen in ein göttliches Prinzip. Wenn ich nicht gerade mit meinen tausend Plänen beschäftigt bin.

Ich könnte so reich sein, würden mir nicht die sieben elektronischen Devices auf meinem Couchtisch, die zwölf schicken Yogahosen in meinem Schrank und die hundertsiebenundachtzig weisen Bücher in meinem Regal die Sicht auf meinen Reichtum verstellen. Die vielen Ideen in meinem Kopf, wie Glücklichsein funktioniert. Die vielen Konzepte davon, wie mein Leben verlaufen soll, bevor mein ONE DAY anbricht.

„Lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen“, slammt lovely Julia.

Was willst DU deinen Enkelkindern erzählen, wenn du ONE DAY mit Storchenbeinen im Krankenhaus liegst?

Wie viele Facebook-Freunde du hattest? Dass du dein IPhone voll im Griff hattest – oder dein IPhone dich? Dass du bei jedem neuen Ernährungs- und Fitnesstrend ganz vorne mit dabei warst?

Ich hoffe, ich kann meinen Enkelkindern etwas von Würde erzählen, vom Hände halten und vom Vertrauen. Dafür, meine Geschichte umzuschreiben, ist es noch nicht zu spät. Oh yes, baby.

Foto: aleshin – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

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Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!