Ruhe da oben #2: Denken, aber richtig!

Mai 16, 2015

Du musst nicht aufhören zu denken. Es genügt, den Modus zu wechseln: von Autopilot auf Glückspilot nämlich. 

Mein Beitrag Ruhe da oben! hat meine liebe Freundin M. längere Zeit beschäftigt.

„Ich habe plötzlich den Eindruck bekommen, dass das Denken gerade ein bisschen in Misskredit gerät und dagegen wehre ich mich“, schreibt sie. 

Und weiter: „Ich liebe das Denken. Wenn ich Yoga mache oder – im Einklang mit mir selbst und ohne Zeitdruck – koche oder sonst irgendeine Tätigkeit verrichte, die wenig Denken erfordert, dann liebe ich es trotzdem, an alles Mögliche zu denken, und ich möchte das gar nicht abstellen.“

Ich muss jetzt leider oberyogalehrerhaft sein. yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ – so lautet Vers 1.2 von Patanjalis Yoga Sutra. „Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen.“ Wenn man beim Yoga denkt, ist es kein Yoga. Aber natürlich denken wir auch beim Yoga immer wieder. Und da der Begriff „Yoga“ nicht nur für den Zustand absoluten inneren Friedens steht, sondern auch für den Weg und die Methoden, die uns dorthin führen, ist das Bemühen darum, beim Praktizieren an nichts anderes (bzw. gar nicht) zu denken, doch wieder Yoga. 

Ende der Spitzfindigkeit. Deshalb: 

Sei’s drum, liebe M.! Wenn du Gedanken denkst, die dich froh und glücklich stimmen, in denen du gelöst und heiter schwelgen kannst, die dich lustvoll zum Philosophieren einladen oder dein begabtes mathematisches Gehirn auf Hochtouren bringen, dann …

DENK WEITER SO!

Meist aber läuft es anders. Meist denken wir nicht freiwillig, sondern automatisch. Untersuchungen zufolge sind 80 % der Gedanken eines untrainierten Geistes negativ. 95 % davon wiederholen sich ständig. Ein Gehirn, das auf Autopilot geschaltet ist, bringt pro Minute 78 ängstliche oder depressive Gedanken hervor. (Frag mich bitte nicht, wie man so etwas misst.)

Kennst du das? Du liegst abends wach im Bett und willst schlafen, aber das Gedankenkarussell in deinem Kopf lässt dich kein Auge zutun?

Oder du musst immer wieder daran denken, dass dir oder jemandem, den du liebst, etwas Schlimmes zustoßen KÖNNTE. Oder du denkst darüber nach, was du irgendwann in der Vergangenheit sagen oder tun oder lassen hättest SOLLEN.

Selbst wenn du dir dieser ewigen Gedankenspirale gewahr wirst, ist es alles andere als einfach, sie abzustellen.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:

NICHT DU HAST DEINE GEDANKEN, SONDERN DEINE GEDANKEN HABEN DICH!

Woher kommen aber nun diese ungewollten Gedanken? 

Sie sind die Folge von Spannungen, die in unserem Gedächtnis gespeichert sind. Diese Spannungen wiederum sind die Folge unangenehmer oder sogar traumatischer Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. Sie haben ihre Ursache in ungelösten, unangenehmen Gefühlen, die mit diesen Erfahrungen verbunden waren. (Das ist eines von vielen Erklärungsmodellen für automatische Gedanken. Aus meiner Sicht eines der plausibelsten. (*))

Oder aber deine Gedanken haben ihre Wurzeln in Glaubenssätzen, die du von deinen Eltern, der Tante Berta oder dem Dorfpfarrer eingeimpft bekommen hast. (Das Leben ist kein Wunschkonzert. Sei brav, der liebe Gott sieht alles. Männer wollen nur das eine. Hochmut kommt vor den Fall. Über Geld spricht man nicht. Man kann nicht alles haben. Kommt dir irgendetwas davon bekannt vor?)

Gedanken erzeugen immer wieder neue Gedanken. Spannungen oder negative Kernüberzeugungen verursachen negative Gedanken, die zur Gewohnheit werden. Sie sind uns so vertraut, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, wir könnten auch etwas anderes denken.

Deshalb hat der Buddha uns empfohlen, den Geist zu kontrollieren. Will heißen: geistige Hygiene so selbstverständlich werden zu lassen wie das tägliche Zähneputzen.

Geistige Hygiene – wie geht das? 

  • Meistens genügt es, deine Gedanken zu beobachten. Dadurch werden sie neutralisiert und verlieren ihre emotionale Ladung. Das nennt man Bewusstheit (awareness, consciousness, mindfulness). Du nimmst also die Rolle des Beobachters ein.
  • Wenn du dich beim Denken / Fühlen beobachtest, formuliere unpersönlich. Nicht „Ich bin wütend“, sondern: „Da ist Wut“. Nicht: „Ich denke“, sondern „Da sind Gedanken“. Das ist ein entscheidender Akt der Ent-Identifikation. 
  • Wenn du merkst, dass bestimmte negative Gedanken (Sorgen, Ängste, Selbstzweifel) deinen Geist regelmäßig überschwemmen und dich lähmen oder zu unerwünschtem Verhalten führen, musst du zu stärkeren Mitteln greifen. Nämlich: Du ersetzt jeden negativen Gedanken durch einen positiven. Zum Beispiel  „Ich habe nie genug Zeit“ durch „Ich habe alle Zeit der Welt“. Oder „Ohne Schweiß kein Preis“ durch „Alles gelingt mühelos“.

 

Wir werden von allem beherrscht, womit unser Selbst sich identifiziert. Wir können alles, womit wir uns nicht identifizieren, beherrschen, leiten und benutzen.
~ Der Buddha / Suttapitaka

Wir müssen nicht alles glauben, was wir denken. Und wir müssen uns nicht jeden negativen, depressiven oder ängstlichen Gedanken von uns gefallen lassen.

Bedeutet das, dass der Buddha nichts anderes gelehrt hat wie Positives Denken? 

Nein.

Ich persönlich glaube, dass Positives Denken auf Dauer nicht wirksam ist.

Warum?

Vor allem, weil es den Körper nicht einbezieht, und damit einen wesentlichen Faktor bei der Schulung des Geistes vernachlässigt. Alles, was nicht bis tief auf Ebene der Körperzellen erfahren wird, bringt keine nachhaltigen Veränderungen.

Brüder (*), bevor ihr jedoch unbeteiligt eure Gedanken beobachten könnt, müsst ihr lernen, Atem, Körper und Gefühle zur Ruhe kommen zu lassen.
~ Der Buddha

(*) Und was ist mit uns SCHWESTERN?!?

„Sie sollten also nicht der grundfalschen Vorstellung huldigen, dass, wer ein Buddha werden will, etwa das Denken unterbinden müsse. Das wäre nicht nur unmöglich, sondern gefährlich“, schreibt G.C. Giacobbe. „Es geht einfach nur darum, das Denken auf jene Fälle zu beschränken, in denen es tatsächlich seine Berechtigung hat. Dann also, wenn es unserem Wohlbefinden dient, vielleicht sogar unserem Überleben.“

Das heißt, wir benutzen das Denken, um praktische Probleme zu lösen. Oder um uns gut zu fühlen. Sobald es sich verselbstständigt, lenken wir es geduldig und konsequent wieder in die gewünschte Richtung. Dazu müssen wir aber bemerken, dass es sich verselbstständigt. Und dafür braucht es wiederum Bewusstheit.

„Warum soll ich das Denken ausschalten, wenn alles gut ist?“, fragt meine Freundin M. „Es fließt ja genauso schön wie die inneren Wogen des Getragenseins in meinem Körper, mehr noch: Leib, Seele und Geist sind ineinander verwoben und umarmen sich, sind eins.“

Ja, wenn das SO ist, liebe M., dann ist alles gut. Dann gibt es für dich tatsächlich nichts auszuschalten. Lass es fließen. Denk weiter so!

(*) nachzulesen in „Zum Buddha werden in 5 Wochen“ von G.C. Giacobbe.

Von ihm stammt auch das folgende schöne Zitat:

„Die Klarheit des Geistes kann nicht erlangt werden, wenn man verbissen nach ihr strebt. Denn das würde nur neue Spannungen erzeugen. Sie aber wollen Ihre Spannungen doch loswerden.“

Er empfiehlt, folgende Übungen wieder und wieder zu praktizieren: 

Übung 1:

1. Ich lasse meinen Atem zur Ruhe kommen
2. Mithilfe des Atems entspanne ich meinen Körper.
3. Ich lasse den Atem ruhig fließen und beobachte unbeteiligt alle Gedanken und Gefühle, die sich in meinem Geist bemerkbar machen.

Übung 1a:

1. Ich nehme zur Kenntnis, dass ein negativer, gefühlsgeladener Gedanke in meinem Geist aufgetaucht ist.
2. Ich entwickle den entgegengesetzten Gedanken mit dem zugehörigen Gefühl.

Foto: © contrastwerkstatt – Fotolia.com

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