Scheitern, aber richtig!

Feb 11, 2015

Eine Niederlage einstecken müssen? Gestrauchelt, auf die Nase gefallen, einen dummen Fehler begangen, es vermasselt? Tut weh – aber Scheitern gehört zum Leben. Wenn es passiert, werden manche zu Grübelweltmeistern – und andere zu Stehaufweibchen. 

Ich gebe zu, ich leide unter chronischer Perfektionitis. Misserfolge, Niederlagen, Rückschläge und Kritik treffen mich hart. Zwar bin ich erfolgsverwöhnt – aber wenn es mich einmal trifft, dann dreht die Senora Perfektionista in mir Runde um Runde in einem Gefühlsbad  aus Scham, Kränkung und Enttäuschung.

Zum Glück beherrsche ich aber auch andere Rollen. Sie helfen mir, auszusteigen und mit Misserfolgen konstruktiv umzugehen. Zum Beispiel die Pipilotta in mir: Sie pfeift auf die Meinung anderer, auf Erfolg und Misserfolg, und sie darf jeden Fehler machen. Sie hat einfach Narrenfreiheit!

Allerdings ist der Kampf zwischen Pipilotta und Senora Perfektionista oft zäh. Um ihn günstig zu beeinflussen, versuche ich im Moment des Scheiterns  …

1) … da zu bleiben
Ich laufe nicht davon und ich lenke mich nicht ab. Ich bleibe mit dem, was gerade ist. Ich nehme es mir zu Herzen – und zwar wörtlich. Ich lege meine Hände auf mein Herz, tauche ein in diese Erfahrung, in den Schmerz.

2) … zu atmen
Nach 21 bewussten Atemzügen ist auch die heftigste Emotion abgeflaut, wenn nicht gar verschwunden. Egal, was mir widerfährt, mein Atem begleitet mich. Ich kann mich ihm jederzeit zuwenden – anstatt mich von meinen Gedanken und Gefühlen überfluten zu lassen.

3) … zu akzeptieren

  • Ich akzeptiere, dass ich nicht perfekt bin.
  • Ich akzeptiere, dass ich manchmal nicht akzeptieren kann, nicht perfekt zu sein.
  • Ich akzeptiere, dass nicht immer alle alles toll finden, was ich mache.
  • Ich akzeptiere, dass ich es nicht toll finde, wenn nicht immer alle alles an mir toll finden.

Etwas zu akzeptieren bedeutet, es anzunehmen, wie es JETZT ist.

Es bedeutet nicht, dass sich in Zukunft nichts ändern darf. 

 

Alle Formen des Widerstands kreieren eine Wand des Getrenntseins, die das Leben in ein Schlachtfeld verwandeln… Ohne Widerstand durch das Leben zu gehen heißt frei zu sein.
~ J. Krishnamurti

Alles, was ist, ist richtig, sonst wäre es nicht.
~ Pema Chödrön

4) … diese Erfahrung zu umarmen
Ich rufe mir Misserfolge und Niederlagen in Erinnerung,  die letztendlich dazu geführt haben, dass ich ehrlicher, menschlicher, klarer, reifer und glücklicher geworden bin. Ich vertraue darauf, dass das Leben es auch diesmal gut mit mir meint.

5) … genau hinzuschauen
Einerseits: Warum fällt es mir so schwer, mit Kritik und Misserfolgen umzugehen? Warum glaube ich, dass von den 7.209.229.680 Menschen auf dieser Welt AUSGERECHNET DER 3.912.373.645te PERFEKT SEIN SOLLTE?

[ Dass ich als 3.912.373.645ter Mensch geboren wurde, hat die Webseite der Stiftung Weltbevölkerung berechnet. Ich will es einfach mal glauben. ]

Andererseits: LESSONS LEARNED. Was kann ich aus dieser Erfahrung lernen? Was möchte ich in Zukunft anders machen? Welches Entwicklungspotenzial zeigt sie mir auf?

6) … zu lächeln
Okay. Eingetaucht, Abstand gewonnen und einen nüchternen Blick auf die Situation geworfen. Spätestens jetzt ist es Zeit für ein Lächeln! Meine Gesichtsmuskeln signalisieren meinem Gehirn: Hey, halb so schlimm! Kein Grund für Selbstzerfleischung oder miese Laune. Niederlagen steckt am besten weg, wer sie mit Humor nimmt, ihnen etwas Positives abgewinnt und sich auf das konzentriert, was gelungen ist. (Dazu ein interessanter Artikel auf zeit.de zum Thema „Die Kunst des Scheiterns“).

7) …loszulassen
Ja, es ist wichtig, auch den unangenehmen Erfahrungen und Gefühlen Zeit und Raum zu geben, sie nicht zu verdrängen. Es ist aber auch wichtig zu wissen, wann es genug ist. Dazu braucht es gutes Gedankenmanagement.  Man muss es üben – aber es funktioniert.

Wenn das Loslassen nicht auf Anhieb klappt, hilft ein Ritual, am besten eines, das auf Körperebene wirkt. Zum Beispiel:

  • Händewaschen und dir dabei vorstellen, wie alles, was dich belastet, abgewaschen wird
  • Den ganzen Körper schütteln, am besten mit lauter Musik
  • Dein Energiefeld mit einer Körperübung reinigen
  • Dir vorstellen, dass du unter einem Wasserfall stehst und das kühle Nass alles von dir spült, was dich nicht froh und leicht sein lässt.

Das Geheimnis der Stehaufmännchen ist, dass sie negative Gedanken schneller abstellen können.
~ Andrea Abele-Brehm, Psychologin

A feeling is as big or small as you want it to be. You can make it terribly bad and last it for two years, or let it go with a snap of the finger. 
~ Jetsün Khandro Rinpoche

 

Okay. Ich bin keine tibetische Meditationsmeisterin. Einmal Fingerschnippen reicht nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob das mein Ziel ist. Mein Ziel ist, dass Senora Perfektionista und Pipilotta lernen, miteinander zu tanzen.

Synchronizitäten

Während ich diesen Text geschrieben habe, passierte zweierlei:

  • Via facebook meldete sich ein junger Mann, mit dem ich tags darauf ein Interview führen sollte. Er fragt mich, ob ich DIE Commenda sei, die ihm den einzigen Mathe-Zweier seiner Schullaufbahn beschert hatte – sonst hatte er immer nur Einser. Freimütig gestand er mir, dass er mich zwar nicht mehr gemocht habe, dass der Zweier aber sehr hilfreich für ihn gewesen sei – weil er ihn zu mehr Akzeptanz und Gelassenheit geführt habe.
  • Ich bekam eine Einladung zu einer Podiumsdiskussion zum „Tabuthema Scheitern“, bei der es um die Frage ging: Sollte Scheitern Teil des Plans sein?

JA! Scheitern sollte definitiv Teil des Plans sein. Denn es ist eine wunderbare Gelegenheit, unseren Selbstwert neu zu definieren – jenseits von Leistung und Erfolg. Pipilotta macht’s vor.

Foto: © ArtFamily – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!