Sorgt für euch!

Aug 12, 2016

Wer schon einmal einen Yogakurs bei mir besucht hat, weiß, dass ich in der ersten Einheit, noch bevor ich richtig loslege, meine SchülerInnen dazu auffordere, gut für sich selbst zu sorgen. Denn ich weiß, dass manche sich nicht mal auf die Toilette zu gehen trauen, aus Angst, unangenehm aufzufallen oder zu stören.

Während der Stunde biete ich mal hier ein Kissen an, mal dort einen Yogablock oder einen Gurt.

„Nicht notwendig“, sagen dann viele.

Nicht notwendig???

Vor der Schlussentspannung, wenn alle schon in Savasana auf ihren Matten liegen, gehe ich nochmal durch die Reihen und teile Lavendel-Augenkissen aus, und frage fürsorglich, ob jemand eine Decke braucht, eine Mattenrolle für die Kniekehlen oder irgendeine andere Unterstützung.

„Danke, es geht schon“, höre ich dann oft.

Es geht schon???

Ihr Lieben, denke ich in solchen Momenten, es soll nicht irgendwie gehen, es soll euch ganz, ganz gut gehen!

Wenn ihr euch sogar in der Yogastunde mit „Es geht schon“  zufrieden gebt – wie steht es dann um den Rest eures Lebens?

Wenn ihr nicht mal die Hilfe annehmt, die euch eure Yogalehrerin anbietet – wie wollt ihr es dann in anderen Situationen schaffen, es euch gut gehen zu lassen?

Aber zugegeben: Auch ich bin nicht unbedingt eine Meisterin der Selbstfürsorge.

Die ersten 35 Jahre meines Lebens habe ich hauptsächlich damit verbracht, die Erwartungen von anderen zu erfüllen oder darüber nachzudenken, was andere brauchen könnten und ob es auch ja allen gut geht. Gerade wir Frauen neigen oft dazu, uns zuerst um alles und alle anderen zu kümmern, bevor wir selbst an der Reihe sind. Biologisch gesehen ist das auch durchaus sinnvoll, denn hätten wir nicht das Kümmer-Gen eingebaut, wäre unser Nachwuchs längst verhungert oder erfroren und die Menschheit wäre ausgestorben.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Irgendwann sind wir nicht mehr fürsorglich, sondern nur noch erschöpft. Frustriert statt großzügig. Innerlich ausgehungert statt überfließend vor Liebe.

Weil ich in Sachen Selbstfürsorge noch viel lernen möchte, habe ich zu diesem Thema eine Frau zum Gespräch eingeladen, die sowohl theoretisch als auch praktisch viel dazu zu sagen hat: Vivian Mary Pudelko.

Vivian Mary ist Musiktherapeutin und Yogalehrerin und hat in einer wissenschaftlichen Studie untersucht, inwieweit eine regelmäßige Yogapraxis zur Selbstfürsorge im Alltag beiträgt. Außerdem hat sie drei kleine Kinder, ist also sehr gefordert darin, ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.

Das Interview mit Vivian hat mich sehr inspiriert, in Zukunft noch besser für mich selbst zu sorgen – vielleicht geht es dir ja genauso!

Vivian Mary Pudelko ist Expertin für Selbstfürsroge

Vivian Mary mit ihrem jüngsten Sohn Ferdinand. Während unseres Gesprächs hat sie ihn vor dem Bauch getragen – und genau, als sie davon erzählte, wie gut ihr Yoga tut, schlief er ein 🙂

Liebe Vivian Mary, du bist Mutter von drei kleinen Kindern, das heißt dein Hauptjob ist zurzeit, für andere zu sorgen. Wie steht es da um deine Selbstfürsorge?

Für Mütter und Väter von Kleinkindern ist Selbstfürsorge die größte Herausforderung – denn die Bedürfnisse der kleinen Wesen sind immer dringlich und im Grund unerfüllbar. Umso wichtiger ist es, die eigenen Bedürfnisse immer wieder an erste Stelle zu stellen, auch wenn das richtig viel Energie und Kraft kostet.

In dieser Lebensphase geht es bei der Selbstfürsorge naturgemäß nicht um freie Abende oder lange Urlaube, sondern um kleine Momente, in denen man sich für sich selbst entscheidet. Ein simples Beispiel ist, dann auf die Toilette zu gehen, wenn man muss. Oder in Ruhe zu duschen. Oder zu essen, wenn man hungrig ist, und nicht erst, wenn das Baby gestillt und frisch gewickelt friedlich schläft.  Babys, die schon ein paar Monate alt sind, können durchaus auch mal zwei, drei Minuten warten.

Mich zum Beispiel macht es glücklich, wenn ich bewusst fünf Minuten länger auf der Yogamatte bleibe, obwohl Ferdinand, mein Jüngster, schon wach ist. Ich weiß, dass ich nicht sofort zu ihm laufen muss.

Viele Menschen bekommen schnell Schuldgefühle, wenn sie sich zuerst um sich selbst kümmern – das ist nicht nur für Eltern von kleinen Kindern ein Thema.

Oft fühlt es sich besser an, für andere etwas zu tun als für sich selbst. Aber der Punkt ist: Es macht sonst niemand für uns! Im Wesentlichen geht es um eine innere Legitimierung. Darum, uns selbst die innere Erlaubnis zu geben, für uns sorgen zu dürfen, unsere eigenen Bedürfnissen genügend Raum zu geben. Manchen Menschen fällt das leichter, für andere ist es ein lebenslanger Prozess. Die Ursachen liegen oft in der eigenen Biographie, in dem, was wir in unseren frühen Beziehungswelten erlebt haben.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was die innere Erlaubnis zur Selbstfürsorge betrifft? 

Das ist quantitativ schwer zu erfassen, aber ich beobachte gewisse Tendenzen. Manches ist für Männer eher selbstverständlich, wie eben rechtzeitig auf die Toilette zu gehen oder zu essen. Frauen hingegen sind oft sehr feinfühlig für ihr Gegenüber und vergessen darüber ihre eigenen Bedürfnisse. Wenn es aber um Entspannung geht, um regelmäßige Massagen oder darum, hin und wieder einem Freund, einer Freundin das Herz auszuschütten, sorgen Frauen oft besser für sich selbst als Männer. Aber wie gesagt, geht es hier um Tendenzen – es gibt auch Gegenbeispiele.

Was hat Selbstfürsorge mit Achtsamkeit zu tun?

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass alles, was man tut, zur Selbstfürsorge werden kann, wenn man dabei präsent und wirklich anwesend ist. Wenn ich zum Beispiel einen Tisch abwische und dabei ganz im Moment bin, dann kann sogar diese banale Handlung etwas Selbstfürsorgliches bekommen.

Zu der Zeit, als ich als Musiktherapeutin auf der Akutstation einer Psychiatrie gearbeitet habe, war zum Beispiel der Gang zum Mülleimer oder zu einem anderen Raum ein Anker für mich, weil ich diesen Weg bewusst, mit einer achtsamen Haltung gegangen bin. Wenn ich dabei meinen Atem und meinen Körper spüre, dann schafft das Raum. Ich nehme mich selbst wahr und bekomme Distanz zu dem, was gerade geschieht. Das ist besonders in anstrengenden oder stressigen Situationen und Phasen wichtig.

Um diese Art von Tiefe geht es – durch diese Form von Achtsamkeit kann ein großes Glücksgefühl entstehen.

Du sprichst von Körperwahrnehmung als wichtigen Aspekt von Achtsamkeit. Viele Menschen spüren sich aber kaum noch. Woher sollen sie wissen, was ihnen gut tut?

Die meisten Menschen wissen eigentlich aus dem Bauch heraus, was sie gerade brauchen würden, damit es ihnen gut geht. Aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie überhaupt den Raum haben, um hinzuspüren oder darüber nachzudenken. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle sind Vorbedingungen für Selbstfürsorge, doch diesen Raum zu schaffen bzw. überhaupt erstmal zu erleben ist in unserer heutigen Zeit oftmals eine große Herausforderung. Manchmal braucht es therapeutische Begleitung, um diesen Raum erfahren zu können und immer mehr in sich selbst zu entwickeln.

In deinem Selbstfürsorge-Blog schreibst du, dass Achtsamkeit in jedem Moment des Alltags möglich ist.  Kannst du den LeserInnen ein paar kleine Tipps geben, wie man Achtsamkeit praktizieren kann, ohne stundenlang zu meditieren oder Yoga zu üben?

Ich muss dazu sagen, dass eine regelmäßige Yoga- oder Meditationspraxis dabei hilft, im Alltag immer schneller in diesen Raum der Achtsamkeit zu gelangen.  Die Tiefe und Ruhe einer intensiven Praxis sind eine wichtige Vorbedingung dafür. Es braucht eine effiziente Übungspraxis, um auch unter Stress die Selbstfürsorge aufrecht erhalten zu können.

Der eigene Atem ist das wunderbarste und einfachste Mittel für Präsenz und Achtsamkeit.

Man kann zum Beispiel die Hände auf die Bauchdecke legen und zunächst einfach die Atembewegung unter den Handflächen wahrnehmen. Dann vertieft und verlängert man langsam die Ausatmung. Da diese Übung so unauffällig ist, ist sie in beinahe jeder Situation möglich, auch während eines Gesprächs oder eines Meetings. Sie ist ein gutes Tool für den Alltag, auch, um Spannungen loszulassen.

Ich persönlich nutze außerdem ruhige Momente dazu, in einem schönen Heft, das ich immer in meiner Tasche habe, konkrete Dinge aufzuschreiben, die ich in nächster Zeit für mich tun möchte, zum Beispiel eine bestimmte Person treffen, mich in die Badewanne legen oder einen bestimmten Film anschauen. Wenn ich mir diese Liste immer wieder durchlese, dann kommt die ruhige Energie dieser Momente wieder durch. Außerdem schafft das Aufschreiben der Dinge, die ich mir vorgenommen habe, eine gewisse Verbindlichkeit.

Schön sind auch Rituale, die durch ihre Regelmäßigkeit Halt und Rhythmus geben. Das kann der kurze Spaziergang am Abend sein, oder der Tee, den man sich jeden Tag zubereitet. Mit Ferdinand gehe ich zum Beispiel immer wieder unsere lange, grüne Straßenallee auf und ab. Das hat etwas sehr Beruhigendes und Halt gebendes. Das alles sind Beispiele für tägliche kleine Selbstfürsorge-Anker.

Wie kann Yoga uns helfen, besser für uns selbst zu sorgen?

Yoga ist wunderbar vielseitig, man lernt dabei den eigenen Körper kennen, lernt zu spüren, in welchem Zustand er sich gerade befindet. Dann ist da natürlich auch noch der Entspannungsaspekt von Yoga, und zwar auf vielen verschiedenen Ebenen. Und schließlich die Meditation, bei der wir unsere Gedanken urteilsfrei wahrnehmen und hin und wieder vielleicht sogar Momente von Ruhe und Stille im Geist erleben.

Das Schöne am Yoga ist auch, dass wir die Übungen nicht machen, um irgendetwas zu erreichen. Es geht vielmehr ums Loslassen, auch um das Loslassen von Vorstellungen darüber, was Yoga bewirken soll.

Besonders gut gefällt mir am Yoga außerdem, dass ich in manchen Haltungen Parallelen zu anderen Lebenssituationen erkenne. Zum Beispiel können in einer anstrengenden Haltung dieselben Gefühle auftauchen wie wie wir sie aus Situationen mit der Familie, Freunden oder für uns schwierigen Menschen kennen. Dann bleibe ich in dieser Haltung und freunde mich mit meinen Gefühlen an, oder ich erkenne einen neuen Aspekt, oder die Anstrengung löst sich auf. Das ist keine kognitive Bearbeitung von Konflikten oder Emotionen, sondern es geschieht auf einer körperlich-geistig-emotionalen Ebene. Diese heilsame Wirkung des Yoga empfinde ich als einen großen Schatz.

Mit Yoga verbinde ich das, was ich den ‚inneren Ort‘ nenne: einen Raum in mir, verbunden mit einer heilsamen Ebene, wo immer alles gut ist, egal, in welcher Lebenssituation ich mich gerade befinde. Dort immer wieder hinzugelangen, macht mich sehr glücklich.

Wir können diesen Ort nicht bewusst aufsuchen, aber wir können Bedingungen dafür schaffen, dass er sich auf einmal für uns öffnet. Yoga ist für mich ein wunderbarer Weg dafür. Aber auch Musik, Worte, Begegnungen oder. Tätigkeiten, die wir liebend gerne tun, lassen den inneren Ort erlebbar werden.

Welcher Aspekt der Selbstfürsorge ist dir persönlich besonders wichtig?

Am Wichtigsten sind mir Schlichtheit und Einfachheit –  es geht vor allem um einen Entschluss, weniger um ein Machen. Auch am Bett zu liegen und zur Decke zu schauen kann eine Form der Selbstfürsorge sein.

Wesentlich ist für mich auch, weniger zu wollen – denn zu viele Dinge auf einmal zu wollen ist eine große Anstrengung. Nach einer schwierigen Nacht mit meinem Baby ist mir zum Beispiel klar, dass es jetzt in erster Linie darum geht, auszuruhen und ausreichend zu essen. Alle anderen Pflichten und Termine versuche ich einfach sein zu lassen– in dem Wissen, dass auch wieder andere Tage kommen werden. Das ist nicht immer leicht!

Wenn in einer intensiven Lebensphase wenig Zeit für alles bleibt, ist man gezwungen, auszuwählen, was einem wirklich wichtig ist. In gewisser Hinsicht hat das aber etwas sehr Schönes, denn wenn man sich bewusst für etwas entscheidet, verliert es seine Beliebigkeit, und dadurch entsteht ein ganz exklusives Gefühl. Es tut gut, eine stimmige kleine Auswahl zu treffen, die zum eigenen Leben, wie es jetzt gerade ist, passt.

Im Yoga kennen wir die Prinzipien von abhyasa, dem beständigen Üben, und vairagya, dem Loslassen. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Eckard Wolz-Gottwald, einem Experten für Yoga-Philosophie:

Die regelmäßige Wiederholung der Yogaübungen weist den Königsweg, immer tiefer in die Achtsamkeit zu gelangen und die konzentrierte Gelassenheit im Jetzt entstehen zu lassen.

Immer mehr wird dann die Kraft nicht im Machen, sondern in der Leichtigkeit gelebt. Die Einheit von abhyasa und vairagya, von Aktivität und Passivität, die am Anfang so schwer zu verstehen war, wird jetzt zur konkreten Erfahrung.

Ich mache immer weniger und empfange immer mehr. Und letztlich mache ich nichts und empfange alles.
Aus „Die Yoga-Sutras im Alltag leben“

Ich selbst mache manchmal zu viel, denke für andere mit und strenge mich an. Dann aber merke ich wieder, dass es oft viel weniger braucht. Diese Haltung ist vor allem in unserer Leistungsgesellschaft, in der Disziplin im Vordergrund steht, ein Akt der Selbstfürsorge.

Vivian Mary PudelkoVivian Mary Pudelko hat deutsch-irische Wurzeln, lebt aber bereits seit 2003 in Wien. Sie ist nicht nur Musiktherapeutin, sondern berührt auch als Singer/Songwriter mit zarten und eindringlichen Klängen. In ihren Kursen und Workshops vermittelt sie Yoga als wunderbares Mittel für Selbstfürsorge. Mehr über Vivian Mary auf www.selbstfuersorge.at

 

 

 

 

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