[Frauen, die sich trauen #1]: Zwei Frauen, ein Hof und jede Menge Mut

Jun 16, 2016

Gudrun Inreiter und Helga Steinbauer haben den Stier bei den Hörnern gepackt – und sich mit dem Stierbauerhof in der südlichen Steiermark ihren Lebenstraum erfüllt. 

Es ist noch nicht einmal vier Jahre her, dass ich Luna-Yoga-Lehrerin Gudrun Inreiter kennengelernt habe. Damals war sie noch keine „Stierbäurin“, sondern eine Frau, die gerade eben dem Tod von der Schippe gesprungen war – nach einer lebensbedrohlichen Krankheit. Schon damals war ich fasziniert von der unbändigen Lebenskraft und dem unerschütterlichen Vertrauen dieser zarten und doch so starken Frau.

>> Wie Gudrun ihre Krebserkrankung überwunden hat, kannst du hier lesen

Heute lebt Gudrun an jenem Ort, den sie damals als inneres Bild und starke Vision in sich getragen hat. Auch Helga Steinbauer hatte eine Vision, einen Lebenstraum. Am Stierbauerhof haben sich die Träume der beiden Frauen vereint. Der Hof ist zu einem einzigartigen Kleinod in der malerischen Landschaft des südsteirischen Naturparks geworden.

Gudrun, als wir uns Ende 2012 bei einem Seminar kennengelernt haben, gab es diesen Ort nur in deiner Vorstellung. Heute sitzen wir hier am Stierbauerhof und genießen das gemeinsame Frühstück. Ein Traum hat sich erfüllt. Entspricht das, was daraus geworden ist, genau eurer ursprünglichen Vision?

Gudrun: Ich habe dieses Bild mindestens zehn Jahre lang in mir getragen – ein Haus auf einem flachen Hügel, in dem zwei Menschen wohnen. Ich wusste nicht einmal, ob dieser zweite Mensch eine Frau oder ein Mann sein würde. Was ich jedoch sicher wusste, war, dass Menschen hierherkommen würden, um Entspannung zu finden und sich etwas für ihr Leben mitzunehmen. Ein wesentlicher Teil meiner Vision war ein Yogaraum. Dass der Stierbauerhof auch eine Frühstückspension geworden ist, entsprang Helgas Vision – aber ich gewöhne mich schön langsam daran 🙂

Helga: Ich hatte genau das gleiche innere Bild vom Haus am Hügel, vor dem ich mit einer zweiten Person stehe. Ich wollte am Land und mit Tieren leben. Außerdem wollte ich eine Lebensform finden, mit der ich alt werden kann, ohne von der Beziehung zu einem Mann abhängig zu sein.

Die Stierbäurinnen

Das innere Bild wurde Wirklichkeit – Gudrun und Helga stehen vor ihrem Stierbauerhof.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Helga: Gudrun hat im Yogahaus in Salzburg unterrichtet, ich habe dort in der Organisation gearbeitet. Wir waren einfach gute Bekannte, aber witzigerweise nannte Gudrun mich schon damals „meine zukünftige Freundin“.

Irgendwann sind wir dann spazieren gegangen und haben bemerkt, dass unsere Lebensträume gut zusammenpassen. Schon wenige Tage später sind wir gemeinsam in die Südsteiermark gefahren um zu erkunden, ob das die richtige Gegend für die Erfüllung unserer Vision sein könnte.

Gudrun: Was folgte war ein nervenaufreibendes Jahr, in dem wir in jeder Ecke südlich von Graz nach geeigneten Immobilien gesucht haben. Manchmal dachten wir schon, wir hätten das richtige gefunden – einmal haben wir sogar bei einer Auktion mitgesteigert …

Helga: … und verdammt hoch gepokert. Wir haben 300.000 Euro geboten – zum Glück haben wir den Zuschlag nicht bekommen, denn unsere Bank hat kurzfristig einen Rückzieher gemacht.

Gudrun: Als eine Bekannte uns vom Stierbauerhof erzählte, hatten wir die Nase von der Immobiliensuche schon derartig voll, dass wir eigentlich gar nicht mehr herfahren wollten. Ich habe zu Helga gesagt: Den nächsten Hof, den wir uns anschauen, kaufen wir – oder wir lassen es. Und tatsächlich – als wir hier ankamen, wussten wir sofort: Das ist es!

Als wir hier ankamen, wussten wir sofort: Das ist es!

SLOW DOWN - THIS IS PARADISE!

Seelenzeit - Retreat für Frauen

5. - 8. Juli 2018

Stierbauerhof, Südsteiermark

Gudrun Inreiter in ihrem Yogaraum

Gudrun in ihrem Yogaraum. Die aus Salzburg stammende Yogalehrerin unterrichtet Luna Yoga und arbeitet als Energetikern.

Und dann ging alles ganz schnell?

Helga: Natürlich haben wir verhandelt und um die Finanzierung gebangt. Schließlich haben wir dem Besitzer den Hof inklusive 1,3 Hektar Streuobstwiese zu einem guten Preis abgeschwatzt. Das war im November. Im Juni darauf haben wir eröffnet.

Wie habt ihr das geschafft? Der Hof war mehr als renovierungsbedürftig …

Helga: Wir mussten alles von Grund auf sanieren – Heizung, Strom, Sanitäranlagen … Nur das Erdgeschoss des Bauernhauses war notdürftig bewohnbar.  Die Zimmer sind im ehemaligen Kuhstall und im Auszugsstüberl entstanden, der Yogaraum im Holz-Unterstand.

Gudrun: Im Nachhinein frage ich mich, wie wir das eigentlich geschafft haben. Ohne meine Anfangseuphorie wäre es wohl nicht gegangen. Ich habe vor Begeisterung gebrannt wie ein Luster! Und das, obwohl ich gesundheitlich noch nicht wieder auf der Höhe war.

Helga: Grundsätzlich glaubte ich zwar auch, dass das „Konzept Stierbauerhof“ aufgehen würde, aber ich habe lange genug in Unternehmen gearbeitet, in denen es um Zahlen und Fakten ging, um zu wissen, dass das Projekt vom kaufmännischen Standpunkt her eigentlich ein Irrsinn war. Aber Gudrun war derartig überzeugt davon, dass es schon irgendwie gehen würde, dass ich mich mitreißen habe lassen. Und tatsächlich ist immer von irgendwo Geld hergekommen, wenn es eng wurde.

Zimmer im Stierbauerhof

Die drei Zimmer sind im ehemaligen Kuhstall des Stierbauerhofes entstanden – jedes einzelne liebevoll und mit großer Sorgfalt eingerichtet. Kein Wunder, Helga Steinbauer ist schließlich nicht „nur Bäuerin“, sondern auch Lebensraumberaterin.

Wie habt ihr das Projekt finanziert?

Helga: Jeder Euro unseres Privatvermögens steckt im Hof – und wir haben gute FreundInnen, die uns unterstützten. Von der Bank haben wir keinen Cent bekommen.

Jeder Euro unseres Privatvermögens steckt im Hof. Von der Bank haben wir keinen Cent bekommen.  

Es klingt fast so, als wäre mit dem Stierbauerhof nicht nur euer persönlicher Traum in Erfüllung gegangen, sondern als hätte auch das Universum sich einen solchen Ort gewünscht.

Gudrun: Vom ersten Aussprechen der Vision bis heute war mir klar: Hier geht es um weit mehr als mein persönliches Schicksal. Es gab immer wieder absolut irre Momente, in denen plötzlich Türen aufgegangen sind, die zuvor gar nicht sichtbar waren. Immer wieder habe ich mich gefragt: Wie ist das möglich? Aber es gibt da diese Kraft …

Vom ersten Aussprechen der Vision bis heute war mir klar:

Hier geht es um weit mehr als mein persönliches Schicksal.

 

Helga: Nur mit Wollen wäre es nicht gegangen. Irgendetwas hat uns getragen und geführt. Ein Teil von mir wusste immer: Wenn das mal läuft, dann läuft es. Und ich war immer schon risikobereit. Nur wenn du hoch pokerst, kannst du auch gewinnen.

Oder auf die Nase fallen …

Helga: Na und? Dann stehst du eben wieder auf 🙂

Gudrun: Aufgeben war nie ein Thema. Allerdings realisieren wir erst jetzt so richtig, wo wir gelandet sind und was das bedeutet – nämlich nicht nur eine unglaublich hohe Lebensqualität, sondern auch Gebundensein. Es ist ein bisschen wie wenn man Kinder bekommt und dann realisiert, dass man sie nicht mehr zurückgeben kann.

Ihr habt euch vor Projektstart noch nicht lange gekannt. Wie ist es, mit ein und demselben Menschen zu leben und zu arbeiten und die Verantwortung für ein so großes „Baby“ zu tragen?

Gudrun: Wir leisten bewusste „Beziehungsarbeit“– reden viel miteinander und schauen aktiv darauf, dass wir die Achtsamkeit und Wertschätzung für einander nicht verlieren. Zum Beispiel beschäftigt uns immer wieder die Frage: Ist Küchen-  und Gartenarbeit genauso viel wert wie Administration und Bürotätigkeiten, obwohl sie viel weniger sichtbar ist? Wir haben auch gemerkt, dass es wichtig ist, dass jede von uns ihren eigenen Aufgabenbereich hat, damit kein Gefühl von Konkurrenz aufkommt.

Helga: Wir haben getrennte Wohneinheiten, jede von uns hat ihren eigenen Freundeskreis und fährt regelmäßig für ein paar Tage weg. Allerdings sind wir auch schon gemeinsam auf Urlaub geflogen, nach Thailand und Sri Lanka. Erstaunlich ist, dass wir alles offen ansprechen können, auch die unangenehmsten Dinge – in unseren bisherigen Beziehungen war das nie möglich. Aber wir beide haben eine starke Vertrauensbasis.

Welche Rolle spielen Männer in eurem Leben?

Helga: In unserem Lebensmodell ist im Grunde kein Platz für einen Mann am Hof, und ich genieße das Leben in der Frauen-WG sehr. Aber ich lebe eine Fernbeziehung mit einem Mann, mit dem ich schöne Stunden und meine Freizeit teile. Ich war schon zweimal verheiratet und habe nicht mehr das Bedürfnis, mir mit einem Mann etwas aufzubauen. Aber wer weiß, was in zehn, fünfzehn Jahren ist?

Gudrun: Nach meiner Krankheit waren Männer eine Zeitlang kein Thema. Aber jetzt merke ich, dass es Zeit ist, sie wieder in mein Leben einzuladen 😉

Fühlt ihr euch völlig am Ziel angekommen, oder gibt es schon wieder neue Visionen und Pläne?

Helga: Was die Lebensqualität betrifft, fühle ich mich absolut angekommen. Aber im Moment müssen wir beide nebenbei arbeiten gehen, weil wir vom Hof noch nicht leben können.  Ich würde mir wünschen, dass sich das bald ändert.

Ursprünglich wollten wir außerdem Schafe, Hühner und einen Esel. Das Thema haben wir aber vorerst auf Eis gelegt, weil uns bewusst geworden ist, wie viel Arbeit das bedeuten würde und dass wir dadurch noch mehr an den Hof gebunden wären. Außerdem bräuchten wir dann einen Zaun, dann könnten uns die Fasane, Rehe und Hasen nicht mehr besuchen. Im Moment bin ich einfach glücklich, mit einem Hund und zwei Katzen zu leben – denn in der Stadtwohnung, in der ich aufgewachsen bin, war bestenfalls ein Wellensittich erlaubt.

Leben mit Tieren war immer schon Helgas Traum. Der humpelnde Kater Emil und Golden Retriever Merlin machten den Anfang. Hühner, Schafe und Esel folgen ... vielleicht, irgendwann.

Mit Tieren zu leben war schon immer Helgas Traum. Der humpelnde Kater Emil und Golden Retriever Merlin machten den Anfang. Hühner, Schafe und ein Esel folgen – vielleicht, irgendwann …

Gudrun: Meine Vision ist, dass ich mich innerlich frei fühle, egal, wo ich gerade bin. Ich weiß, dass ich jederzeit gehen kann, wenn der Stierbauerhof nicht mehr meiner Vision entspricht. Aber im Moment gibt es hier noch viel für mich zu tun und zu transformieren!

Außer Stierbäurin ist Gudrun Luna Yoga-Lehrerin, Schamanin und Energetikerin. Alle Infos auf www.gudruninreiter.com

Helga Steinbauer arbeitet nicht nur als „Bäurin“, sondern ist österreichweit als Lebensraum-Beraterin für Unternehmen und Privatpersonen tätig. Alle Infos auf www.sonaris.at

Alle Infos zum Hof auf www.stierbauerhof.at

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Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!