Über den Umgang mit Gefühlen

Jun 4, 2016

Ein kleines Mädchen, das Angst vor dem Verlassenwerden hat.

Ein unglücklich verliebter Teenager.

Eine junge Mutter, die ihr frischgeschlüpftes Baby ohne Vater großzieht und keine Ahnung vom Stillen und Wickeln hat.

Und: Die Gefängniswärterin. Dunkelblaue Uniform, an ihrem Gürtel klirren silberne Handschellen. Ihre Mundwinkel sind hinuntergezogen, ihr Blick ist streng. Eine Hand liegt am Schlagstock, die andere steckt in der Hosentasche.

„Ich habe solche Angst vor dem Alleinsein“, wimmert das kleine Mädchen. Seine Schultern beben.

„Lächerlich“, herrscht die Gefängniswärterin es an. „Willst du zu plärren anfangen wie ein kleines Baby, nur weil du ein paar Wochen alleine sein musst?“

„Alle verlassen mich“, schluchzt der Teenager. „Ich bin einfach nicht schön und attraktiv genug.“

Die Gefängniswärterin schnaubt verächtlich. „Schluss mit dem Theater! Reiß dich zusammen, für Liebeskummer haben wir hier keine Zeit!“ 

„Ich schaff das nicht, ich kann nicht mehr“, flüstert die junge Mutter und zieht aus Angst vor Schlägen den Kopf ein. „Ich fühl mich so schuldig, bin so erschöpft …“

Nun platzt der Gefängniswärterin endgültig der Kragen. „Schluss mit dem Gejammer!“ brüllt sie. „Zurück in eure Zellen! Eine Wochen Arrest! Nein, ein ganzes Monat! Nein, für den Rest eures Lebens! Ich will euch nicht mehr sehen, ihr erbärmlichen Gestalten!“

Das Mädchen, der Teenager und die junge Mutter zucken zusammen und ziehen sich gehorsam in ihre Gefängniszellen zurück. Die Gefängniswärterin zückt ihren riesigen Schlüsselbund und versperrt die schweren Stahltüren. Für kurze Zeit herrscht Ruhe. Doch dann wird Tumult laut hinter den Zellentüren. Es klingt, als würden die Insassinnen alles kurz und klein schlagen.

Plötzlich betritt eine erwachsene Frau die Bühne. Augenblicklich verstummt der Lärm. „Ich habe dich gehört“, sagt die Frau liebevoll zu der Gefängniswärterin. Ihre Stimme ist ruhig, ihre Gestalt würdevoll aufgerichtet. „Ich verstehe, dass du Angst hast – vor altem Schmerz und davor, die Kontrolle zu verlieren. Aber ich bitte dich, dich für einen Moment an den Rand zu setzen und einfach ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen.“

Die Gefängniswärterin folgt der Bitte. Nun befreit die erwachsene Frau das Mädchen, den Teenager und die junge Mutter aus ihren Zellen. Sie nimmt sie, eine nach der anderen, in den Arm. Sie erklärt ihnen, dass sie nichts zu befürchten haben. Dass sie für das kleine Mädchen da sein und es niemals verlassen wird, dass sie dem Teenager zur Seite stehen wird, und dass die Zeiten der Überforderung und der Schuldgefühle für die junge Mutter vorbei sind.

~~~~~~~~~~~~~~

Mein Mann geht für fünf Wochen wandern. Ich bin kein kleines Mädchen mehr und komme sehr gut allein zurecht. Er verlässt mich nicht, sondern nimmt eine Auszeit vom Job. Mein Sohn ist kein hilfloses Baby mehr, sondern dreizehn und fast so groß wie ich. 

Aber der bevorstehende Abschied ruft Erinnerungen wach. Alte Ängste klopfen an. Meine Brust wird eng und mein Herz schwer. Tränen steigen auf, immer wieder. Aber ich schlucke sie hinunter. Denn da ist diese Stimme in meinem Kopf. Da ist die Gefängniswärterin, die mir nicht erlaubt, zu fühlen, was ich fühle.

Unsere Gefühle – vor allem die schmerzhaften – haben nur selten etwas mit dem zu tun, was in der Gegenwart geschieht. In den allermeisten Fällen wecken die aktuellen Ereignisse Erinnerungen an alte Verletzungen, Zurückweisungen und Traumata. Und weil wir mit diesen schmerzhaften Erinnerungen lieber nicht in Berührung kommen wollen, wollen wir diese Gefühle nicht spüren. Wir würden sie am liebsten unterdrücken, wegsperren, ignorieren. Aber dadurch verschwinden sie nicht. Im Gegenteil: Es führt nur zu Rambazamba in den Gefängniszellen.

Gefühle wollen gefühlt werden – nicht mehr und nicht weniger.

Wir müssen weder eine große Sache daraus machen, noch alles verstehen, analysieren oder rechtfertigen. Wir müssen nicht alle Gefühle „ausleben“, und auch nicht in unserer Vergangenheit wühlen, um ihre Ursachen herauszufinden.

Wir müssen sie einfach nur fühlen. Weiter nichts. 

3 Möglichkeiten für einen achtsamen Umgang mit Gefühlen:

1. Benennen

Halte inne und richte deine Aufmerksamkeit auf deine Gefühle. Versuche, wahrzunehmen, was du in diesem Moment fühlst. Heiße alles willkommen, erlaube allem, was da ist, da zu sein – urteile nicht. Dann versuche, dein Gefühl zu benennen. Wichtig: Statt „Ich habe Angst“ sagst du „Da ist Angst“. Oder: „Da ist Traurigkeit“. Oder: „Da ist Wut.“

Diese Formulierung hilft dir, ein wenig Distanz zu deinen Gefühlen zu schaffen. Und sie macht dir bewusst, dass da vielleicht Angst ist – aber dass DU nicht die Angst BIST. Und dass da bestimmt auch noch ganz viel anderes ist. Mut zum Beispiel. Oder Vertrauen. Oder Zuversicht.

{Buchtipp: Das Einmaleins der Achtsamkeit: Vom täglichen Umgang mit alltäglichen Gefühlen}

2. Feel  ~ Kiss ~ Flow

Diese Übung stammt von Chameli Ardagh, der Begründerin von Awakening Women. Sie hilft dir, präsent zu bleiben und deine Gefühle fließen zu lassen.

Feel (fühlen) ~ Fühle das Gefühl, jedes Gefühl, als eine Empfindung im Körper.

Kiss (küssen) ~ Berühre diese Empfindung mit deinem Atem, so als ob du es von der Innenseite mit dem Atem küssen möchtest.

Flow (fließen) ~ Jetzt hat das Gefühl Raum zu fließen. Wenn wir Gefühlen erlauben, wieder zu fließen, ändern sie sich sehr schnell.

{In diesem Video erklärt Chameli Gefühle als „Energieerscheinung“ – und warum wir präsent bleiben, in sie hineingehen müssen, um nicht in ihnen festzustecken.}

3. Aufschreiben

Manchmal sind schmerzhafte Gefühle so stark, dass wir Angst haben, sie würden uns überrollen, wenn wir sie zulassen. Mit persönlich hilft es in einem solchen Fall ungemein, aufzuschreiben, wie es mir geht. Ganz unzensiert kann ich alles aufs Papier fließen lassen. Es ist, als würde das Papier die Wucht der Gefühle aufnehmen. Der innere Druck lässt nach, Erleichterung stellt sich ein.

Gedanken und Gefühle schriftlich niederzulegen hilft erwiesenermaßen dabei, emotional belastende Erfahrungen zu verarbeiten und psychische und physische Gesundheit zu fördern.

Gebt eurem Schmerz Worte: Ein stummer Schmerz presst seine Klagen in das Herz zurück und macht es brechen.

~ William Shakespeare

Bring deinen Schmerz nicht zum Verstummen.

Verbiete deinen Gefühlen nicht, da zu sein.

Fühle sie.

Das ist alles.

Foto: Shutterstock

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!