Und da war dieser Moment. Ein Jahresrückblick der anderen Art.

Dez 23, 2016

Worauf bist du stolz? Aus welchen Fehlern hast du gelernt? Was willst du vor dem Jahreswechsel noch gehen lassen?

Jahr für Jahr beantworte ich brav wie ein Schulmädchen diese Fragen, damit im nächsten Jahr alles besser wird.

Nur diesmal nicht. Denn als ich am Abend vor der zweiten Rauhnacht von meiner letzten Yogastunde in diesem Jahr nachhause geradelt bin – bei Minusgraden und mit schlotternden Knien -, da strömten plötzlich Bilder in mein Bewusstsein. Mein Jahresrückblick vollzog sich, während ich frierend über die Brücke radelte und die Weihnachtsbeleuchtung mir den Weg erhellte.

Wenn ich 2016 eines gelernt habe, dann das: Nichts muss BESSER werden, damit es gut ist. Nur ECHTER soll es werden und TIEFER. Und immer noch echter und noch tiefer.

Da war dieser Moment, in dem ich schluchzend in den Armen meines Liebsten lag und seinem tröstenden „Alles ist gut“ ein wütendes „Gar nichts ist gut!“ entgegenschleuderte.
Wieder einmal bin ich in Berührung gekommen mit dem Leid, der Armut und der Ungerechtigkeit, die die Generationen von Frauen vor mir erleben mussten, und die tief in meinen Knochen stecken. Mit diesem Schmerz, der es mir so schwer macht, meine Weiblichkeit zu leben, gerne Frau zu sein in all ihrer Sinnlichkeit, Weichheit und Weisheit. Dass ich heute in den Armen eines Mannes liege, der mich liebt, ehrt und schätzt, macht das Leid meiner Ahninnen nicht ungeschehen.

Oder doch? 
„Ich mache mir Sorgen um dich“, flüstert mein Liebster. „Warum machst du dir Sorgen?“, denke ich, während mein Körper bebt und ich nach Atem ringe, weil die Weinkrämpfe nicht aufhören wollen. „Ich HEILE!“

Und da war dieser Moment, in dem meine Freundin C. auf die winzige Bühne trat, sich ans Klavier setzte und ihre Lieder zum Besten gab.
C ist dieses Jahr 50 geworden. Wir kennen uns schon, seit ich ein Kind war. Seit vielen, vielen Jahren hat sie sich seelisch auf diesen Moment auf der Bühne vorbereitet – zumindest kommt es mir rückblickend so vor. Als sie an der Reihe ist, bin ich so nervös, als würde ich selbst dort oben singen müssen – oder noch nervöser. Die Sängerinnen und Sänger vor ihr haben Cover-Versionen bekannter und beliebter Songs vorgetragen. C’s Lieder hingegen handeln von ihrem eigenen Leben, ihre Texte stammen aus ihrer eigenen Feder. Meine Hände sind eiskalt, trocken und zittrig. Ich halte den Atem an. Ich habe solche Angst, dass C’s Lieder beim Publikum nicht ankommen. Dass sie einen Fehler macht und nicht mehr weiter weiß. Im Zuschauerraum ist es dunkel und mucksmäuschenstill. Dann beginnt C zu spielen, und ich bekomme Gänsehaut. Die Gänsehaut bleibt, bis der letzte Akkord verklungen ist.
C’s Lieder sind ganz anders als alles andere. Sie singt IHR Lied.
Bravo, C. Du bist meine Heldin.

Und da war dieser Moment, in dem sich jemand von meinem Newsletter-Verteiler abmeldete, mit dem Kommentar: „Diese vielen Mails sind eine Belästigung!“
Und es trifft mich wie ein Messerstich ins Herz. Ja, ich weiß, ich kann nicht um jeden trauern, der sich von meinem Newsletter abmeldet. Ich melde mich selbst ständig von irgendwelchen Newslettern ab und meine das überhaupt nicht persönlich. Ja, wenn ich so zartbesaitet bin und nicht mit Kritik umgehen kann, sollte ich nicht in aller Öffentlichkeit mein Herz ausschütten, mich zeigen in all meiner Unvollkommenheit und Verwundbarkeit.
Ja, ja, ja. Und nein, nein, nein. Und trotzdem, trotzdem, trotzdem. Ich will nicht über diesen Dingen stehen. Ich will diese Dinge persönlich nehmen, denn was ich da mache und tue und zeige und kreiere, ist etwas höchst Persönliches, und würde es nicht weh tun, wenn jemand es als „Belästigung“ empfindet, dann würde ich es nicht mehr machen wollen.
Ich entscheide mich, diesen Preis zu zahlen. Und lecke genüsslich meine Wunden.

Und da war dieser Moment, in dem meine Kollegin S und ich von einem Yogaseminar nachhause fuhren, und sie sagte: „Ich habe vierzig Jahre oder mehr gebraucht, um auf dieser Erde auch nur halbwegs anzukommen. Und ich habe noch immer solches Heimweh nach dem Planeten, von dem ich stamme.“
Ab diesem Tag ist mein eigenes Heimweh nicht mehr so schlimm – weil ich jetzt weiß, dass nicht die einzige bin.

Und da war dieser Moment, in dem mir eine Seminarteilnehmerin auf den Feedbackbogen schrieb: „Du bist wie Sternenstaub und Mutter Erde.“
Und ich begreife: Etwas hat sich verändert. Vielleicht, vielleicht, kann ich mich ab jetzt ein bisschen weniger zerrissen fühlen. Und ein bisschen mehr daheim.

Und da war dieser Moment, als ich am Abend im Bett lag und meinem Atem lauschte und mich von ihm innerlich so liebkost und gestreichelt fühlte, dass ich in einem Meer aus Geborgenheit zu schwimmen schien.
Und plötzlich ist mir bewusst, dass ich diese beiden immer haben werde: meinen Atem und den Moment. In jedem Augenblick meines Lebens. Plötzlich weiß ich, dass mir nichts mehr geschehen kann. Ich weiß auch, dass ich das wieder vergessen werde. Und ich weiß, dass das völlig in Ordnung ist.

Und da war dieser Moment, in dem ich viel zu müde und überarbeitet war, um mit meinem Liebsten an unserem Hochzeitstag fein essen zu gehen oder in ein Wellnesshotel  zu fahren.
Stattdessen sitzen wir aneinander gekuschelt zuhause am Sofa und ich lese ihm Gedichte von Rumi und Hafiz vor. „Ich habe einen Mann, dem ich Gedichte vorlesen kann“, sage ich. „Ich habe eine Frau, die mir Gedichte vorliest“, sagt er. Und es klingt wie die schönste Poesie für mich.

Und da war dieser Moment in der Pause eines Meditationsseminars, in dem ich durch den vom herbstlichen Nebel verhangenen Park spazierte und eine Kastanie vom Boden aufhob.
Ich halte die Kastanie in der Hand, und ihre glatte, kühle Schale berührt mich. Ich sehe den Wind in den Bäumen und spüre ihn auf meinen Wangen. Ich beobachte eine Krähe, die gemächlich über die Wiese hüpft. Und ich spüre, nur für einen kurzen Moment: Ich BIN die Kastanie und der Wind und die Krähe.
Der Augenblick ist schon wieder vergangen, noch ehe er mir wirklich bewusst geworden ist, und ich weiß, ihn festhalten oder wieder herbeirufen zu wollen, ist zwecklos. Ich weiß auch: Gott/dasLeben/derKosmos wird irgendwann wieder zu mir kommen, durch eine andere Tür, aber ich werde es nicht merken, wenn ich mich krampfhaft an der Schnalle jener Tür festhalte, die sich gerade wieder geschlossen hat.

Und da war dieser Moment, in dem ich durch den hellsten Sonnenschein spazierte und das Leben eigentlich schön und leicht sein hätte können, aber es war weder schön noch leicht, es war schwer und furchtbar und zum Verzweifeln.
Böse funkle ich die helle Sonne an, und Lächeln hilft nicht und Mantren murmeln auch nicht und mir innerlich die Dinge aufzuzählen, für die ich dankbar bin, auch nicht.
Also frage ich Gott/dasLeben/denKosmos: „Warum prüfst du mich so sehr?“ Und Gott/dasLeben/derKosmos antwortete: „DU prüfst MICH!“ Da muss ich so laut lachen, dass die Menschen auf der Straße sich nach mir umdrehen.

Danke, 2016. Du warst ein großartiges Jahr.

Big wild love, Laya

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!