Warum die ganze Welt deine Yogamatte ist

Aug 16, 2014

Ich atme tief. Lasse los. Spüre meine Fußsohlen auf der Matte. Mein Geist reagiert sofort, er weiß, was jetzt kommt: Zeit für bewusste Bewegung, Zeit für Körperglück, Zeit für Ruhe und Stille, Zeit für Zeitlosigkeit. Warum nur ist im Alltag so schwer, was auf der Yogamatte ganz von selbst geht? 

Ich gebe zu: SO einfach und automatisch geht das Loslassen auch auf der Yogamatte nicht immer – bei weitem nicht. Trotzdem scheinen sich Körper und Geist bereits daran gewöhnt zu haben, dass ich mir regelmäßig Auszeiten vom Alltagsgeschehen nehme. Sowohl bei der Asanapraxis als auch bei der Meditation merke ich, dass es mit den Jahren immer schneller und automatischer funktioniert, zur Ruhe zu kommen, still zu werden, das Geschwätz des denkenden Verstandes aus der Distanz heraus beobachten zu können. Es ist, als ob alleine durch das Ausrollen der Matte oder das Hinsetzen auf das Meditationskissen eine Erinnerung ausgelöst würde. So ähnlich, wie wenn man nach einem langen Arbeitstag nachhause kommt, Jacke und Schuhe auszieht und mit einem Seufzen die Tasche in die Garderobe stellt.

atha yoga anushasanam. Und nun die Disziplin des Yoga. 

Der erste Vers der Yoga-Sutras von Patanjali hat mich in seiner Schlichtheit und Tiefe immer fasziniert. Was bedeutet es, dass er mit „Und nun“ beginnt?

Ich verstehe es so: Mit dem „Und“ nimmt Patanjali zur Kenntnis, dass es vor dem „Nun“  etwas gab. Es lohnt nicht, genauer darauf einzugehen.  Was auch immer es war, ein ganz normaler Tag, Ärger mit dem Chef, eine leidenschaftliche Liebesnacht, eine Flutkatastrophe, ein Sonnenuntergang – wir lassen es los.

Wir lösen uns von der Vergangenheit, hören auf, die Erfahrungen, die wir gemacht haben, als Filter für unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks zu benutzen. Das „Nun“ macht uns völlig frei. Egal, welche Fehler wir gemacht haben, wie unachtsam wir waren, wie stolz, zornig, neidisch oder eifersüchtig: Und nun. Egal, wie oft wir gegen Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit, verstoßen haben, egal, wie oft es uns nicht gelungen ist, das richtige Maß zu wahren: Und nun. Lass alles los, lass dich hineinfallen, hineinsterben in diesen Augenblick.  Ohne Beichte und ohne Absolution. Und nun.

Loslassen – und dann schon wieder Disziplin?

Mit meiner Co-Autorin habe ich immer wieder viel über Disziplin diskutiert. Während der Arbeit an unserem Buch ist uns aufgefallen, dass das Wort Disziplin ganz unterschiedliche Gefühle und Erinnerungen wachrufen kann. Es gibt viele Menschen, die sofort die Stacheln aufstellen, wenn sie es nur hören. Disziplin, das klingt nach 50 Straf-Liegestützen beim Fußballtraining. Oder danach, den Teller immer leer essen zu müssen. Danach, dass vor lauter Ordnung die Lebendigkeit verloren geht, die Spontaneität und die Lust am Überraschenden. Jedenfalls nach etwas, was kein erwachsener Mensch will (und Kinder schon gar nicht): Fremdbestimmung.

Ich bin ein großer Fan der Disziplin. Ich glaube, dass selbstgewählte (!) Disziplin der Schlüssel zu einer positiven Ausrichtung, zu Erfolg und Zufriedenheit ist.  

Ich spreche hier nicht von Drill, von Zähnezusammenbeißen oder davon, etwas auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen. Und glaub bitte nicht, ich könnte diszipliniert sein, wenn ein saftiger Schokokuchen neben mir steht (es sei denn, er ist nicht vegan 😉 ). Oder ich würde es schaffen, vor Mitternacht ins Bett zu gehen, nur weil ich mir das jeden Tag vornehme.

Ich spreche nicht einmal davon, täglich Asanas zu üben oder zu meditieren. Ich spreche davon, mit der Disziplin einer Balletttänzerin, mit der Geduld einer Schildkröte und mit der Sturheit eines Esels immer und immer wieder zum „Nun“ zurückzukehren. Genau das ist für mich die Disziplin des Yoga: Wie geistreich, faszinierend oder verlockend der Gedanke auch sein mag, den ich gerade denke: Kann ich ihn fallen lassen wie ein heißes Backblech, das ich aus Versehen mit bloßen Händen berührt habe? Kann ich ihn als das wahrnehmen, was er ist – einfach nur ein Gedanke, ein Konstrukt, ein Gespinst, eine Projektion, etwas, das keine Wirklichkeit besitzt? Jedenfalls viel weniger Wirklichkeit als der Boden, auf dem ich gerade gehe, der Wind, der meine Haut berührt, das Stück Brot, das ich gerade kaue oder der Mensch, der mir gerade gegenüber sitzt?

Im Zen heißt es, dass durch die Fähigkeit, inmitten der Welt Achtsamkeit zu üben, weit mehr Kraft entsteht, als durch das einsame Sitzen und Vermeiden von Aktivität. Die tägliche Arbeit also ist der Meditationsraum, die zu erledigende Arbeit die Übung.

Zurück zur Ausgangsfrage. Warum geht das alles auf der Yogamatte viel leichter als im Alltag?

Weil die Matte der Ort ist, an dem ich es übe. Immer und immer wieder. Zum Atem zurückkomme, mich in meinem Körper niederlasse. Zum Atem zurückkomme, mich in meinem Körper niederlasse. Inhale. Exhale. Inhale. Exhale….

Aber Yoga wäre nicht Yoga, wenn es nicht Auswirkungen auf das Leben jenseits der Matte hätte. Und so wirst du, wenn du regelmäßig deine Matte aufrollst oder dich auf dein Kissen setzt, feststellen, dass du in ganz alltäglichen Momenten plötzlich schneller bemerkst, dass du nicht im Hier und Jetzt bist. Dass dir ein bewusst tiefes Ausatmen gelingt, wo du früher die Luft angehalten und dich angespannt hättest. Dass du dort und da gelassener, liebevoller, achtsamer geworden bist.

Um gegenwärtig zu sein, brauchst du nichts außer deinem Bewusstsein. Um Achtsamkeit zu üben brauchst du nichts anderes zu tun als das, was du sowieso schon tust. So wird die ganze Welt zu deiner Yogamatte.

So übst du Achtsamkeit im Alltag:

  • Lenke deine Wahrnehmung immer wieder auf deinen Körper. Spür beim Gehen, wie deine Fußsohlen den Boden berühren, wie sie aufsetzen und abrollen. Spür beim Duschen bewusst die warmen oder kalten Wassertropfen auf deiner Haut.
  • Lenke deine Wahrnehmung auf Farben, Formen oder Gerüche.
  • Nimm deinen Atem wahr, ohne ihn zu beeinflussen. Bleibe mit deiner Aufmerksamkeit beim rhythmischen Ein- und Ausströmen, spür den Hauch der Atemluft an deiner Nase oder das Heben und Senken der Bauchdecke.
  • Vor allem bei den Mahlzeiten kannst du Achtsamkeit üben. Nimm ein paar tiefe Atemzüge, bevor du zu essen beginnst. Du kannst dich bedanken oder dir vergegenwärtigen, was alles notwendig war, damit diese Mahlzeit nun vor dir auf dem Tisch steht – jemand hat Samen gepflanzt, Wind und Sonne haben sie zum Wachsen gebracht, jemand hat Früchte oder Getreide geerntet, die Nahrungsmittel wurden transportiert, verpackt, jemand hat die Mahlzeit zubereitet
  • Nimm bewusst den Geruch und die Konsistenz der Nahrung in deinem Mund wahr. Kaue bewusst langsam und ausführlich, lege in dieser Zeit dein Besteck nieder. (Ich weiß, es ist schwierig. Es gelingt mir selbst nur ansatzweise und ich brauche immer wieder neue Anläufe, um achtsames Essen zur Gewohnheit zu machen. Aber es lohnt sich, dranzubleiben, und jeder kleine Erfolg zählt!)
  • Setze Anker – kleine Zeichen und Symbole, die dich immer wieder daran erinnern, im Hier und Jetzt präsent zu sein. Das kann eine Murmel oder Kastanie in der Jackentasche sein, ein Gummiring um die Zahnbürste, ein Bändchen am Schlüsselbund oder ein Klangspiel an der Tür.
  • Freu dich über jeden Moment, in dem es dir gelungen ist, aus deinen Gedankenspiralen auszusteigen und dich ganz dem gegenwärtigen Augenblick zuzuwenden! Du hast jahrelang befahrene Autobahnen in deinem Gehirn verlassen und neue Bahnen betreten.

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!