Warum das, was du gut kannst, dein größter Fluch sein kann

Sep 10, 2016

Die hübsche junge Frau sitzt mir mit hängenden Schultern und verzweifeltem Blick gegenüber. „Ich verstehe das nicht“, sagt sie. „Wie geht das zusammen?“ Tränen steigen ihr in die Augen, und sie versucht tapfer, sie hinunterzuschlucken.

„Wie kann es sein, dass ich so unglücklich mit meiner Arbeit bin, obwohl ich das, was ich mache, doch so gut kann?“, fragt sie.

Ich bekomme Gänsehaut und würde sie am liebsten fest an mein Herz drücken.

Sie tut mir so leid.

Und ich kenne sie so gut, diese Falle.

Ich kenne ihn so gut, diesen Fluch.

Ich habe mit Auszeichnung Physik und Mathematik studiert. Als ich begonnen habe, diese Gegenstände zu unterrichten, habe ich begeistertes Feedback von meinen BetreuungslehrerInnen und von meinen SchülerInnen bekommen.

Und: Ich war todunglücklich. Schlief schlecht, hatte ständig Kopfschmerzen und oft sogar Alpträume. Kurz gesagt: Meine Seele hungerte.

Auch im Privatleben kann das Gut-Können ein Fluch sein.

Ich zum Beispiel bin ich ziemlich gut im Organisieren, Planen und Managen von Dingen. Daher war lange Zeit immer ICH diejenige, die Reisen geplant, Flüge gebucht, Zahnarzttermine gecheckt, den Haushalt und die Einkäufe gemanagt, Ausflüge und Einladungen organisiert hat – und dass mir keine Zeit und Kraft blieb, um mich meiner Kreativität zu widmen. (Auch heute ertappe ich mich immer wieder dabei, die Supermanagerin für alles und jeden sein zu wollen, nur um dann innerlich zu grollen und mich zu fragen, warum zum Teufel ich mich wieder einmal vom Kümmeritis-Virus erwischen habe lassen.)

Mein Liebster hingegen ist richtig gut bei allem, was mit Computern und elektronischen Geräten zu tun hat. Das hat dazu geführt, dass jeder im Umkreis von hundert Kilometern ihn ständig um Hilfe bat, dass er keine Zeit mehr für seine eigenen Hobbys hatte und immer frustrierter wurde. (Zum Glück hat er inzwischen gelernt, auch mal Nein zu sagen, auch wenn es ihm superschwer fällt).

Vielleicht kennst du das ja auch aus deinem Leben:

  • Du bist richtig gut darin, tolle Torten, Muffins oder Cakepops zu backen. Bei jeder Kindergarten-, Familien- oder Firmenfeier schleppst du tonnenweise Kuchen an, die du zuvor schwitzend und innerlich fluchend in deiner Küche produziert hast.
  • Du bist richtig gut darin, anderen zuzuhören. Stundenlang hängst du am Telefon und hörst dir geduldig Geschichten über Beziehungsprobleme, Krankheiten oder nervige Chefs an – und wunderst dich, warum du dich danach so deprimiert und ausgelaugt fühlst.
  • Oder du bist richtig gut darin, Einladungskarten für Kindergeburtstage zu basteln, Garagentore und Fahrräder zu reparieren, deinen Eltern Behördengänge abzunehmen oder Betriebsausflüge zu organisieren – bloß Spaß macht es dir keinen.

Tun, was du gut kannst, laugt dich aus

Etwas richtig gut zu können heißt noch lange nicht, dass man es richtig gern tut.

Und es heißt auch noch lange nicht, dass man es tun muss.

Aber warum tun wir es dann trotzdem?

1. Weil unser Ego sich geschmeichelt fühlt

Klar, es fühlt sich richtig gut an, etwas gut zu können. Es fühlt sich auch richtig gut an, gelobt zu werden und positives Feedback zu bekommen. Es fühlt sich auch richtig gut an, um Hilfe gebeten zu werden. Unserem Ego gefällt es, wenn wir gebraucht werden und WICHTIG sind.

Aber glaub mir: Es fühlt sich sehr viel besser an, ZEIT zu haben für Dinge, die dir wirklich Freude machen!

2. Weil wir uns damit sicher fühlen

Lieber etwas tun, von dem wir wissen, dass wir nicht scheitern werden, als etwas Neues zu wagen und zu riskieren, dass es nicht gleich klappt!

Aber glaub mir: Etwas Neues auszuprobieren, auch wenn unsere ersten Versuche alles andere als perfekt sind, ist viel befriedigender, als Endlosschleifen in langweiligen Routinen zu drehen!

3. Weil wir Angst haben, andere könnten enttäuscht sein, wenn wir es nicht mehr tun

Gut möglich, dass deine beste Freundin dir nicht vor Dankbarkeit um den Hals fällt, weil du nicht mehr bereit bist, dir ihr Gejammer über ihr geliebtes Problem anzuhören. Gut möglich, dass die Klassenlehrerin deines Kindes nicht begeistert davon ist, dass du diesmal nichts zum Schulfest beiträgst. Gut möglich, dass dein Partner nicht in Jubelschreie ausbricht, weil diesmal ER die Flugzeiten checken muss.

Aber glaub mir: Ent-täuschung ist nicht das Problem, sondern die Lösung! Du und die Menschen um dich herum haben sich nämlich bisher ge-täuscht. Ihr habt „gut machen“ mit „gern machen“ verwechselt. Und es ist ganz wunderbar, wenn ihr euren Irrtum jetzt bemerkt!

4. Weil wir glauben, dass es sonst keiner tut / kann

Die nächste Falle. Weil wir etwas besser können als andere, trauen wir ihnen nicht zu, es zu lernen. Oder wir befürchten, dass es nicht gut genug erledigt wird, wenn wir andere ranlassen.

Aber glaub mir: Es muss gar nicht perfekt sein. Und es ist ein Geschenk für andere, wenn du ihnen etwas zutraust, ihnen die Chance gibst, etwas Neues zu lernen oder Verantwortung zu übernehmen.

5. Weil wir gar nicht wissen, was wir wirklich, wirklich gern tun

Vor lauter Pflichterfüllung, Hamsterrad und alten Gewohnheiten haben wir oft vergessen, was uns wirklich Spaß macht und worin unsere wahren Gaben liegen. Kompetent und gut in etwas zu sein birgt die große Gefahr, dass wir hauptsächlich mit diesen Dingen beschäftigt sind – statt das zu tun, worin wir wirklich BRILLIANT sind, was uns wirklich leicht fällt und uns tief erfüllt.

Aber glaub mir: Auch wenn du es vergessen haben solltest, kannst du herausfinden, was wirklich deins ist. Vielleicht musst du eine Zeitlang suchen und forschen, vielleicht verirrst du dich manchmal auf dem Weg. Aber wenn du dran bleibst, wirst du es irgendwann finden.

Mach nicht das, was du gut kannst.

Dazu ist das Leben viel zu kurz.

Mach das, was dir Freude bereitet!

Freude ist der Leitstern.

Freude ist das Maß der Dinge.

Freude ist das, worauf es ankommt.

Beitragsbild: © Light Impression Photography – Fotolia.com
Bild „Erschöpft“:  © alphaspirit – Fotolia.com

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Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!