Wir Glückspilze!

Aug 27, 2015

Wer von Kindern lernen darf, ist ein Glückspilz. Wer sich traut zuzugeben, dass das nicht immer glücklich macht, ist eine Heldin. Ich trau mich. Sogar öffentlich.

Dieser Text ist im Buch Wir Glückspilze – Was wir von unseren Kindern lernen können erschienen.

 

Der Tanz der Ambivalenz 

The decision to have a child is to know that your heart will forever walk about outside of your body.

In goldenen Buchstaben habe ich dieses Zitat auf feinstes Büttenpapier geschrieben, zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal, damals, als mein Sohn zur Welt kam. Jeder, der die Geburtsanzeige in Händen hielt, sollte wissen, wie besonders es für mich war, dieses Kind zu bekommen. Heute, Jahre später und unzählige Erfahrungen reicher, wird mir klar: Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte keine Ahnung, was es heißt, sich für ein Kind zu entscheiden. Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn ein anderer Mensch so viel Raum im eigenen Herzen einnimmt. Was es tatsächlich bedeutet, dass eben dieses Herz außerhalb des eigenen Körpers zu leben beginnt.

Das Leben teilt sich in Davor und Danach. Die Zeit davor, die Jahre, bevor ich Mutter wurde, erscheinen mir weit, weit weg und sehr, sehr fremd. Gerne würde ich davon erzählen, dass ich von meinem Sohn gelernt habe, ganz im Augenblick zu leben, über Kleinigkeiten zu staunen, gesunden Egoismus zu entwickeln oder gelassener durch den Alltag zu navigieren. Ja, auch diese Fähigkeiten habe ich entwickelt in den zwölf gemeinsamen Jahren. Aber die wesentlichste, die transformierendste und einschneidendste Lernerfahrung des Mutter-Seins ist für mich diese eine: die Zerrissenheit auszuhalten.

Zerrissenheit #1: Der erste Mensch in deinem Leben.

Wie jeder andere Mensch auch bist du hauptsächlich damit beschäftigt, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, manchmal unbeholfen, und manchmal sogar sehr unbeholfen. Selbst Menschen, die sich hauptsächlich um andere kümmern, erfüllen damit in erster Linie ihre eigenen Bedürfnisse, wie etwa das nach einem sinnerfüllten Leben.

Und dann ist da plötzlich dieser andere Mensch, der dir – von wem auch immer – anvertraut wurde. Wer-auch-immer traut dir offensichtlich zu, gut für dieses Wesen zu sorgen. Du fühlst dich auserwählt und geadelt. Willst alles richtig machen. Richtig gut sogar. Du legst dich ins Zeug. Bist hochmotiviert und überaus engagiert. Etwa ein halbes Jahr bis Jahr verbringst du in einem Trancezustand, um dann langsam daraus zu erwachen und eine schockierende Entdeckung zu machen: Deine eigenen Bedürfnisse und die des dir anvertrauten Wesens neigen dazu, sich diametral gegenüber zu stehen. Du zum Beispiel hast das Bedürfnis nach Bewegung, schnürst deine Laufschuhe und setzt dich hoffnungsvoll in Trab, den Kinderwagen vor dir her schiebend. Das Wesen aber hat nicht das Bedürfnis, geschoben, sondern getragen zu werden, schreit herzerweichend und hört nicht mehr damit auf. Oder du hast das Bedürfnis nach geistiger Anregung, einem Seminarbesuch, einer neuen Ausbildung oder einer kulturellen Veranstaltung, das Wesen aber hat Fieber und das Bedürfnis nach deiner Nähe, deinen tröstenden Worten und deiner kühlen Hand auf seiner heißen Stirn. Oder du hast das durchaus menschliche Bedürfnis, hin und wieder mehr als zwei Stunden am Stück zu schlafen, während das Wesen um ein Uhr, um zwei Uhr, um drei Uhr und um vier Uhr morgens das Bedürfnis nach Muttermilch hat.

Wie du es auch drehst und wendest: Du sitzt in der Falle.

Die Menschen rund um dich, vor allem die, deren Kinder längst keine Muttermilch mehr brauchen, versuchen dich damit zu trösten, dass dieser Zustand kein dauerhafter ist. Du ahnst, dass sie Recht haben könnten. Aber du ahnst auch: Es wird nie wieder so sein wie früher. Nie mehr wirst du ohne Abstriche der erste Mensch in deinem Leben sein. Nie mehr werden dein Herz, dein Leben, deine Freiheit ganz dir gehören.

Zerrissenheit #2: Die Sache mit der Konsequenz

Schon bevor ich Mutter wurde, war ich Stiefmutter. Das Geheimnis erfolgreicher Erziehung hatte ich schnell erfasst: Man liebt sie, diese Außerirdischen, die der australische Familienpsychologe Steve Biddulph in seinen erfolgreichen Ratgebern ironisch Wombats nennt, und man ist konsequent. Ja, ich liebte sie, meine beiden Stiefkinder. Und ich war konsequent. Erziehung war denkbar einfach, und ich fragte mich, warum daraus eine so große Sache gemacht wurde. Bis dann mein eigenes Wombat das Licht der Welt erblickte, und die Angelegenheit kompliziert zu werden begann. Wie sagst du Nein zu jemandem, dessen Enttäuschung, Wut oder Schmerz dir das Herz zerreißt? Dessen Traurigkeit sich schlimmer anfühlt als deine eigene, dessen Tränen auf deinen Wangen brennen, so als hättest du sie selbst vergossen? Du weißt, dass es klug wäre. Du weißt, dass du dir damit auf lange Sicht eine Menge Ärger ersparen würdest. Du weißt sogar, dass Konsequenz eines der liebevollsten Dinge ist, die du deinem Kind angedeihen lassen kannst. Aber wie um alles in der Welt sollst du konsequent sein, wenn es sich so herzlos anfühlt?

Zerrissenheit #3: Das Haus von morgen gehört dir nicht.

 

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.“
~ Khalil Gibran

Da ist also dieses Wesen von einem anderen Stern, dieses Wombat, das dir vertraut und gleichzeitig völlig fremd ist. Du willst ihm jeden Schmerz ersparen, und weißt doch, dass es seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen machen muss. Du willst es beschützen und behüten, und weißt doch, dass ihm im goldenen Käfig niemals Flügel wachsen werden. Du willst es festhalten, und weißt doch, dass du es loslassen musst, und zwar nicht nur einmal, sondern jeden Tag auf’s Neue.

Mit verquollenen Augen kam ich am ersten Kindergartentag meines Sohnes im Büro an. Sorge und Heimweh trübten meinen ersten Urlaub ohne Kind. Die lang ersehnte Freiheit schien plötzlich gar nicht mehr so verlockend, und nach jedem Telefonat mit den Daheimgebliebenen musste ich mich zwingen, nicht vorzeitig die Rückreise anzutreten. Der erste verlorene Milchzahn. Der erste Kinobesuch ohne Eltern. Das erste Mal, dass mein Baby beim Duschen die Badezimmertür von innen versperrt. Jeder Schritt zu mehr Selbstständigkeit ist ein Schritt weg von mir. Das ist gut so. Das ist gesund und richtig so. Weht tut es trotzdem.

Mutter zu sein bedeutet, den Tanz der Ambivalenz ganz zu tanzen, obwohl du nur die Hälfte der Schritte kennst. Den Tanz zwischen Ich und Du, zwischen Verschmelzung und Trennung, zwischen dieser tiefen, fast verklärten Liebe und dem oft so herben und unromantischen Alltag im atemlosen Dauerlauf vom Windeleimer über den Zahnarztbesuch bis zur Unterschrift unter die erste Fünf in Mathe.

Gestern pfui, heute hui.
Und was hat er mich noch gelehrt, dieser „Zen-Meister in den eigenen vier Wänden“? Zum Beispiel, den steten Wandel zu begrüßen. Dass die Spaghetti gestern zur Lieblingsspeise erklärt wurden, heißt das noch lange nicht, dass sie heute nicht naserümpfend verschmäht werden. Dass vor zwei Sekunden die Welt unterging, weil der Lolli im Kanal gelandet ist, heißt noch lange nicht, dass jetzt nicht wieder gelacht werden darf. Und dass vor ein paar Wochen Mädchen pfui waren, heißt noch lange nicht, dass nicht heute die erste Freundin zu Besuch kommt.

Überhaupt: Lachen. Viel besser, als nach Gründen für schlechte Laune zu suchen, ist, sie wegzukitzeln. Grimassen zu schneiden ist die beste Medizin gegen Stimmungstiefs, die zweitbeste sind dämliche Witze. Man kann die Angst vor dem Gewitter besiegen, indem man sich einredet, die Regenjacke sei donnerabweisend. Eine Umarmung hilft besser gegen körperliche und seelische Auas als tröstende Worte. Vanilleeis hilft, wenn selbst eine Umarmung nicht mehr hilft.

Aber warum immer helfen wollen? Auch das habe ich gelernt: Lieben heißt da sein. Zu viel Gutes tun zu wollen ist des Guten oft zu viel. Meist reicht es, Anteil zu nehmen, zuzuhören, auszuhalten. Auch ohne mütterliches Zu-(viel-)Tun wird alles wieder gut.

Der Glaube, wir müssten Situationen ,in Ordnung‘ bringen und dafür sorgen, dass es anderen wieder besser geht, hindert uns daran, präsent zu sein.
Marshall B. Rosenberg

Jeden Tag feiern.
Seine Definition von Hölle, so der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, sei es, Kinder zu haben und zu glauben, es gäbe so etwas wie perfekte Eltern. Ich persönlich nenne das Baseline Zero. Will heißen: Ein Tag ohne größere Dramen, ohne Darmgrippe und ohne Unfallkrankenhaus ist ein guter Tag. Alles, was darüber hinausgeht, ist ein Grund zum Feiern.

Foto: © Alexandra Grill

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!