Wofür es sich zu kämpfen lohnt

Sep 16, 2016

Im Yoga gibt es eine wunderbare Haltung namens „Peaceful Warrior“ – der friedvolle Krieger.

Geht das überhaupt – friedvoll sein und in den Krieg ziehen? Ist das nicht ein totaler Widerspruch?

Nein. Und es ist nicht nur möglich, sondern oft auch notwendig, zu kämpfen. Denn manchmal braucht es den Kampf, um Frieden zu erlangen – im Innen wie im Außen.

Nimm Gandhi als Beispiel. Er ist eine Symbolgestalt für Gewaltfreiheit – und doch hat er, auf friedvolle Weise, gekämpft für das, was ihm so wichtig war, dass er dafür sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.

Oder denk an Martin Luther King, an seine berühmte Rede „I have a dream“. Spürst du den Kampfgeist darin?

Vor ein paar Jahren habe ich an einem Workshop des deutschen Yogalehrers Richard Hackenberg teilgenommen. Zum ersten Mal habe ich dort davon gehört, dass jedem Chakra ein Dämon zugeordnet ist. Doch noch wichtiger als diese faszinierende Erkenntnis war für mich ein Satz, den Hackenberg während dieses Workshops sagte, und der mich seither begleitet hat:

Auch der Kampf gehört zum spirituellen Weg.

Etwas in mir hat erleichtert aufgeatmet, als ich diesen Satz gehört habe.

Denn bis dahin hatte ich die Vorstellung – und ich weiß inzwischen, dass es vielen Menschen ähnlich geht -, dass Spiritualität gleichbedeutend ist mit immerwährender Harmonie. Aggression, Kampf und Zähnezeigen haben dabei nichts verloren. Krieg und Kampfbereitschaft sind verpönt. Wer fortgeschritten ist auf dem spirituellen Weg, hat aufgehört, etwas zu wollen, und ist stattdessen mit allem einverstanden. Und es gibt nur EINEN großen Feind: Das EGO nämlich.

Aber weißt du was? Es gibt auch so etwas wie ein GESUNDES Ego. Es gibt auch so etwas wie einen GERECHTEN Kampf. Und du bist nicht mit einem unverwechselbaren, einzigartigen ICH auf diese Welt gekommen, damit es sich in einem schwammigen „Wir-sind-alle-eins-und-alles-ist-gut“ auflöst.

Wenn ein Feuer in dir brennt, dann musst du Funken sprühen – sonst ist die Gefahr groß, dass sich die Kraft dieses Feuers gegen dich selbst wendet. Oder dass du am aufsteigenden Rauch erstickst, wenn du ständig versuchst, dieses Feuer auszudämpfen, weil du Angst vor seiner (und deiner) Macht hast.

Natürlich gibt es eine Dimension, in der es kein Richtig und Falsch gibt, und in der Du und Ich uns im All-Einen auflösen.

Aber es gibt auch eine andere Dimension. Die nämlich, in der es darauf ankommt, ein STARKES ICH zu entwickeln und diesem Ich Raum zu geben. Denn auch das gehört zum spirituellen Weg, mehr noch: Es ist absolute Voraussetzung dafür, dass wir, aus der Sicherheit dieses stabilen Ichs heraus, langsam und Schritt für Schritt unsere Grenzen wieder auflösen können. Das geht aber erst, nachdem wir klare Grenzen gesetzt haben. Und Grenzen zu setzen bedeutet oft, gegen Widerstand ankämpfen zu müssen.

Ein starkes, stabiles ICH zu haben heißt, …

… dich hinzustellen und zu sagen: Ich WILL.

(Statt: Ich hätte gerne, könntest du vielleicht … falls es euch nichts ausmacht, wäre es dann eventuell möglich …?)

… zu sagen: DAS ist mir wichtig, und GENAU SO will ich es haben.

(Statt: Wenn es leicht geht, wäre es schön, wenn … aber wenn nicht, ist es natürlich auch nicht schlimm … ist wirklich nicht wichtig, es geht ja bloß um mich …)

… die Bühne des Lebens zu betreten und eine Hauptrolle zu spielen.

(Statt: Im Zuschauerraum sitzenbleiben und alles höflich beklatschen, obwohl du am liebsten Buuuuuuh! schreien und mit faulen Tomaten werfen würdest.)

{Lies hier: 10 + 1 Tipps für schüchterne Rampensäue}

Gerade uns Frauen ist Harmonie oft unglaublich wichtig – wir sind förmlich süchtig danach! Lieber das innerliche Grummeln in Kauf nehmen, als anzuecken, weil wir klar und deutlich unsere Meinung ausgedrückt haben. Lieber den Kürzeren ziehen, als voranzuschreiten und dabei womöglich jemandem auf die Zehen zu treten. Lieber klein beigeben als groß rauszukommen und dabei womöglich andere hinter uns zu lassen.

Der Preis dafür, dass wir für uns und unsere Bedürfnisse, Wünsche und Ziele kämpfen, kann hoch sein.

Der Preis für Scheinharmonie, falsche Genügsamkeit und das Begraben der eigenen Träume ist – das garantiere ich dir – noch höher. 

3 Gründe, warum du nicht kämpfen willst.

1) Weil du Angst davor hast, nicht zu bekommen, was du willst.

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Verlieren ist für viele von uns etwas sehr Schambehaftetes. Aber nur solange, bis wir verstehen: Es gibt kein Verlieren und kein Scheitern – es gibt nur Schritte auf dem Weg. Eine Niederlage bedeutet nicht, dass die Schlacht schon verloren ist. Du lernst dazu, wirst geschickter, geschmeidiger, schneller, klarer und erfahrener.

2) Weil du Angst davor hast, zu bekommen, was du willst.

Vielleicht kennst du das auch: Du setzt dich ein für etwas, das du wirklich wirklich willst. Und wenn es dann in greifbare Nähe rückt, bekommst du wirklich wirklich Angst.

Mir zumindest geht es so, und mittlerweile habe ich auch verstanden, warum das so ist: Erstens, weil ich Angst vor meiner eigenen Macht bekomme, und zweitens, weil ich spüre, dass es nun heißt, Verantwortung zu übernehmen. Solange jemand anderer daran Schuld ist, dass ich nicht bekomme, was ich möchte, kann ich es mir im Opferdasein schön bequem machen und den Umständen, meiner schwierigen Kindheit oder dem Jupiter im siebten Haus die Schuld geben. So aber bin ich völlig auf mich selbst zurückgeworfen. Und wenn mir dann doch nicht gefällt, was ich ursprünglich wollte, ist da niemand mehr, den ich anklagen kann.

3) Weil du glaubst, wenn du bekommst, was du willst, nimmst du es jemand anderem weg.

Einmal habe ich eine Coverstory über Zwillinge geschrieben. Ich erinnere mich noch gut an zwei bildhübsche, hochbegabte und charismatische Zwillingsschwestern, die sich derart offensichtlich selbst im Weg standen, dass es fast weh tat. Dieser Umstand war ihnen auch durchaus bewusst. „Wenn es mir so richtig gut geht, habe ich sofort das Gefühl, meiner Schwester etwas wegzunehmen“, erklärte die eine. „Es ist, als gäbe es nur ein bestimmtes Maß an Glück. Und wenn ich zuviel davon abbekomme, kriegt sie automatisch zu wenig davon ab.“

Ich bin zwar kein Zwilling, aber dieses Gefühl kenne auch ich gut. Wenn wir für etwas kämpfen und „gewinnen“, bekommen wir sofort das Gefühl, jemand anderer müsste dafür auf der Strecke bleiben.

Aber dem ist nicht so. Erstens, weil wir meistens ganz andere Herzenswünsche haben als alle anderen, zweitens weil es durchaus oft Win-win-Situationen gibt, und drittens, weil Glück nicht so etwas ist wie eine Schokoladentafel, die man gerecht aufteilen muss, und wenn man sie verspeist hat, ist sie weg. Im Gegenteil, Glück ist ansteckend, und je mehr davon wir uns selbst erlauben, desto mehr ist auch für andere da!

Zu kämpfen bedeutet nicht, gewalttätig zu sein oder rücksichtslos. Zu kämpfen bedeutet, dich für etwas einzusetzen, das dir wirklich wichtig ist. Es bedeutet, notwendige Grenzen zu setzen. Und es bedeutet, daran zu glauben, dass du etwas erreichen kannst, wenn du es wirklich willst.

Im Yoga kennen wir den Begriff „Viveka“ für die Kunst der Unterscheidungsfähigkeit. Wir müssen lernen zu unterscheiden, auf welcher Ebene wir gerade sinnvoll und angemessen agieren sollten – auf der Ebene des „Ich will“, oder auf jener Ebene, auf der es kein Ich mehr gibt, also auch niemanden, der noch etwas wollen kann.

Die friedvolle Kriegerin weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Die friedvolle Kriegerin ist geschmeidig und geschickt.

Die friedvolle Kriegerin ehrt die Grenzen, Ziele und Kämpfe anderer.

Die friedvolle Kriegerin nimmt sich Zeit, um ihre Wunden zu lecken.

Die friedvolle Kriegerin steht wieder auf.

Die friedvolle Kriegerin hat keine Angst vor Macht.

Die friedvolle Kriegerin sucht sich starke Verbündete.

Und die friedvolle Kriegerin weiß, welche Schlachtfelder es zu verlassen gilt, weil dort nichts mehr zu holen ist.

Tritt auf die Bühne des Lebens. Spiel die Hauptrolle, lerne zu kämpfen, setz dich ein, lass dein Feuer lodern und deine Funken sprühen!

Be a peaceful warrior.

Hell yeah!

Big wild love, Laya

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