Wünsch dir was!

Nov 10, 2015

Im indischen Kulturkreis wird die Tradition des Wünschens sehr ernst genommen. Die Menschen gehen in Tempel, zu Älteren, Weisen und HeilerInnen, um ihre Wünsche auszusprechen und bezeugen zu lassen. Das gibt ihnen Zuversicht und Vertrauen.

Wünsche bereichern das Leben, und auch die unerfüllten Wünsche gehören zu unserem Seelenreichtum, meint R. Sriram. Der Experte für indische Philosophie rät, sich alles zu wünschen, gleichzeitig aber auch alle Erwartungen loszulassen: „Die Erwartung ist oft wie ein Schloss, mit dem wir die Tür zu unserem Glück verriegeln.“

Sie sind der Überzeugung, Wünsche zu haben diene nicht nur dem äußeren Erfolg, sondern auch dem inneren Frieden. Ist es nicht vielmehr die Wunschlosigkeit, die inneren Frieden bringt?

R. Sriram: Wenn wir keine Wünsche hätten, hätten wir auch keinen Antrieb mehr. Wünsche sind ein grundlegender Motivationsfaktor. Jedes Kind wünscht sich, krabbeln, stehen und laufen zu lernen. Als Wunschlosigkeit würde ich jenen Zustand bezeichnen, in dem wir nicht mehr von der Erfüllung unserer Wünsche abhängig sind. Dann haben wir zwar Wünsche, sind uns aber der Tatsache bewusst, dass ihre Erfüllung nicht in unserer Hand liegt.

Es liegt in der Natur angemessener Wünsche, in Erfüllung zu gehen, heißt es in Ihrem Buch. Wann ist ein Wunsch angemessen?
Wenn ich mir zum Beispiel wünsche, eine Prüfung zu bestehen, mich aber nicht darauf vorbereite, dann ist das nicht angemessen. Einerseits ist also eine realistische Selbsteinschätzung wichtig, andererseits sollten wir auch den Mut haben, unsere Grenzen zu überschreiten und das in uns angelegte Potenzial auf unsere Wünsche zu projizieren. Sonst bleiben wir zu brav und vorsichtig.

Das eigene Tun ist wichtig, damit Wünsche in Erfüllung gehen. Sie betonen aber auch, dass wir unser Tun „entzwecken“ sollten. Wie funktioniert das?
Es ist wie beim Kochen: Wir sollten mit unseren Gedanken nicht ständig beim fertigen Gericht sein, das in einer halben Stunde auf dem Tisch stehen wird, sondern unsere volle Aufmerksamkeit dem widmen, was wir gerade tun. Wenn wir mit der Zeit Zuversicht und Selbstvertrauen entwickeln, rückt der Zweck unseres Tuns in den Hintergrund.

Wir leben in einer Zeit fast unbegrenzter Möglichkeiten. Wie kann man da Prioritäten setzen und sich „das Richtige“ wünschen?
„Mehr ist besser“ – von dieser Idee, die unser Konsumzeitalter prägt, müssen wir wegkommen. Angenommen, Sie wollen ins Kino gehen, einen Spaziergang machen, einen Freund treffen und sich so richtig ausschlafen. Dass sie an einem Tag viele Dinge tun, heißt noch lange nicht, dass sie ein tiefes Glück in sich berühren, im Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zur Ruhe kommen und ein großes Glücksgefühl erleben, ist sogar viel größer, wenn Sie nur eine Sache machen – die aber dann mit ganzem Herzen.

 

R. Sriram: Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt. Indische Philosophie für ein erfülltes Leben. GU, ISBN 978-3-8338-2478-4, 176 Seiten, € 14,99

Foto oben: © lassedesignen – Fotolia.com

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