Yoga – eine Liebeserklärung

Es war ein zarter, ein behutsamer Beginn, damals, vor mehr als zwölf Jahren, als wir uns das erste Mal trafen. Und doch war es so etwas wie Liebe auf den ersten Atemzug. Ja, etwas in mir atmete auf. Mein Körper, zu dem ich damals bestenfalls eine Fernbeziehung führte. Meine Seele seufzte „Endlich!“ Und als ich zum ersten Mal in den Schlaf der Yogis fiel, als meine erste Yogalehrerin mir die Füße massierte und ein Mantra zu singen begann, konnte ich kaum glauben, dass jemand so etwas Schönes und Heilsames für mich tat, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten.

Wie zwei heimliche Verliebte treffen wir uns nun jeden Tag, schweigend und still im Morgengrauen, du und ich, an diesem heiligen Ort, auf diesen vertrauten 1,11 Quadratmetern Gummimatte. Alles hat darauf Platz, der Himmel ebenso wie die Erde, Tränen der Trauer ebenso wie Tränen der Glückseligkeit, meine Erschöpfung ebenso wie meine Überdrehtheit.

Hingabe hast du mich gelehrt, großer Yoga.

Du sammelst meine müden Knochen ein und setzt sie wieder zusammen, du flickst die Löcher in meinem Nervenkleid, du holst mich auf den Boden, wenn ich abzuheben drohe, du verleihst mir Flügel, wenn die Schwere mich nach unten zieht, du nimmst die Last von meinen Schultern, du hilfst mir, tief Luft zu holen, wenn die Stürme des Lebens mir den Atem rauben. 

Wieder und wieder. Und wieder.

Nie verlierst du die Geduld mit mir. Jeden Tag wartest du dort auf mich, auf dieser Matte, erwartest mich mit offenen Armen, und freust dich aufrichtig, mich zu sehen, egal, ob es mir gerade gut geht oder schlecht.

Ja, du liebst mich, so wie ich bin. Und ich? Je besser ich dich kennenlerne, desto ehrfürchtiger werde ich angesichts deiner Tiefe, deines unfassbaren Facettenreichtums, deiner Größe. Je tiefer ich in deine Weisheit eindringe, desto klarer wird mir, dass ich erst an der Oberfläche kratze. Ich wärme und nähre mich an deiner Flamme, die schon seit vielen tausend Jahren brennt.

Und was habe ich dir zu geben?

Meine Hingabe, meine Demut. Und von Tag zu Tag mehr Vertrauen.

Ich glaube, du liebst mich sogar so sehr, dass du mir die ersten Stunden verzeihst, die ich gehalten habe, um dein Feuer weiterzugeben. Heute ist es mir fast ein wenig peinlich, wenn ich daran zurückdenke. Wie unerfahren ich war! Wie unbekümmert! Und doch kommen einige meiner ersten SchülerInnen von damals auch heute noch zu mir. Vielleicht haben meine Begeisterung und meine tiefe Liebe – zu dir und zu den Menschen – meine Unerfahrenheit wettgemacht. Wer weiß.

Manchmal hatte ich Schuldgefühle, weil ich fremdging.

Weil ich lieber tanzen ging als zum Yogaunterricht. Weil ich mit Qigong flirtete, mit Jin Shin Jyutsu, mit Nia. Heute aber bin ich sicher: Deine Liebe ist so groß, dass du mir jeden Flirt und jeden Seitensprung verzeihst. Vielleicht weil du weißt, dass ich gar nicht anders kann, als immer wieder zu dir zurückzukehren. Denn wenn wir ein, zwei Tage lang getrennt sind, sterbe ich fast vor Sehnsucht nach dir, und mein Körper mahnt mich, wieder in deine Arme zu sinken.

Yoga Mudrasana

Geduld hast du mich gelehrt wie niemand anderer. Dass nicht das Anfangen belohnt wird, sondern das Weitermachen – dann, wenn man keine Lust mehr hat, wenn nichts mehr zu gehen scheint, wenn die erste Verliebtheit verflogen ist -, das hast du mich gelehrt.

Demut hast du mich gelehrt, meine Weiblichkeit hast du mir zurückgegeben, mein Vertrauen in ein natürliches, organisches Wachsen, hinein in die mir zugedachte Größe. Nicht kleiner bleiben, aber auch nicht größer sein wollen, als es mir bestimmt ist. Und doch: immer wieder über mich und mein kleines Ich hinauszuwachsen, aufzugehen in etwas Größerem, unverrückbar scheinende Grenzen zu überwinden, alles Enge hinter mir zu lassen – das hast du mich gelehrt.

Meinen Körper zu lieben hast dich mich gelehrt, ihn sprechen zu lassen, ihm zu lauschen, ihm ehrlich zu begegnen, über ihn zu staunen, Tag für Tag aufs Neue. Ihm zu vertrauen hast du mich gelehrt, und so lernte auch er mir wieder zu vertrauen. Nun sind wir Gefährten auf dem Weg, mein Körper und ich, und ich liebe jede einzelne Zelle und jeden meiner Schönheitsfehler aus tiefstem Herzen.

In das Mysterium des Atems hast du mich eingeweiht, den Atem als Ausdruck und Schöpfer der Lebendigkeit zu begreifen hast du mich gelehrt, und für jeden Atemzug dankbar zu sein.

Mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen hast du mich gelehrt. Den Kopf in den Wolken haben, das konnte ich schon lange zuvor, aber um zu verstehen, wie man den Himmel auf die Erde hinunterholt, statt ihn irgendwo da oben zu suchen – dafür brauchte ich dich.

Mein Leben hast du verändert, vom ersten Tag an.

Dass jeder Sonnenstrahl und jeder Windhauch sich wie Samt auf meiner Haut anfühlt, verdanke ich dir.

Dass jedes Gewürz, jedes Kraut, jede Tasse Tee für mich nach Paradies duftet, verdanke ich dir.

Dass ich mich endlich, endlich vertrauensvoll in den Schlaf fallen lassen kann, statt aus Angst vor dem Loslassen den Tag festhalten zu wollen,  das verdanke ich dir.

Hin und wieder begegnen wir uns unter freiem Himmel, auf einer grünen Wiese, auf einem warmen Sandstrand oder auf einem Felsvorsprung. Dann feiern wir eine himmlische Hochzeit, du und ich. Alle Elemente – Feuer, Wasser, Luft und Erde – sind unser Hochzeitsgäste, und der ganze Kosmos schaut uns zu bei unserem Tanz. Ich bin sicher, er lächelt.

Yoga ist meine große Liebe

All die Jahre wurdest du nicht müde, mein Herz zu öffnen, Schicht um Schicht, Wunde für Wunde, Narbe für Narbe, wurdest nicht müde, meine Tränen und meinen Schmerz aufzugangen und zu verwandeln.

Und irgendwann wurde das, was ich zuvor nur aus Büchern und Schriften kannte, was mir als sehr ferne Möglichkeit erschien, plötzlich fühlbare, spürbare, erfahrbare Wahrheit: So sehr hast du mich geöffnet, dass die Dunkelheit mein Herz verlassen konnte, dass nur noch das helle, strahlende Licht übrig blieb, das seit jeher hier wohnt.

Ich danke dir, großer Yoga.

Yogateam

Und ich danke Birgit Kaps, ohne die ich vielleicht nie zu unterrichten begonnen hätte, ich danke Eva Gütlinger, in deren Räumen ich meine ersten  Stunden und Workshops hielt und mit der ich mein erstes Yoga-Buch schrieb, ich danke meinen Lehrerinnen und Lehrern (allen voran der Meisterin der Stille), meinen Loungies, und vor allem meinen Schülerinnen und Schülern, die meine größten Lehrmeister sind.

Die nächsten Yoga-Workshops und Reisen:

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