Das veredelte Herz

“Distrust the idyllic. She is a thing of murder.”

Das stand auf einem Post-it, und das Post-it klebte auf meinem Monitor.

“Wie, bitte”, sagte der attraktive Mann, den ich gerade kennengelernt hatte, “Wie, bitte, willst du je wieder in einer Beziehung glücklich sein, wenn du dir SOLCHE Worte vor die Nase klebst?”

Ich wusste, dass er recht hatte, aber ich war kaputt. Ich war so tief verletzt, dass mein Herz sich wie eine einzige, große Wunde anfühlte.

Mich wieder zu öffnen und zu vertrauen erschien mir ebenso lebensgefährlich, wie nackt in ein Gehege voller Löwen zu marschieren, die auf ihr Mittagessen warteten.

Meine erste Ehe war auf eine Art und Weise zerbrochen, die ich keinem Menschen auf der Welt wünsche. ICH war zerbrochen. Mein Herz fühlte sich zerbrochen an. Mein ganzes Frau-Sein fühlte sich zerbrochen an. Mein ganzes Mensch-Sein.

Wirklich?

Nicht ganz.

Denn da waren diese winzigen Augenblicke während der Meditation oder auf der Yoga-Matte, die Augenblicke, in denen ich zum Mond hinauf blickte oder mit meinem kleinen Söhnchen kuschelte, in denen ich mich heil fühlte. In denen ich fühlte, dass ETWAS in mir heil geblieben war.

Aber dieses Heile war so zart und so flüchtig, dass ich dachte, ich müsse es schützen, wenn ich nicht auch noch dieses letzte Fitzelchen Unversehrtheit verlieren wollte.

Ich dachte, ich müsse es schützen hinter Mauern aus Zynismus und Misstrauen.

Ich dachte, ich müsse es schützen hinter “Ich brauche niemanden” und “Ich komme alleine klar”.

Ich dachte, ich müsse es schützen hinter “Ich vertraue nur noch mir selbst, alles andere ist viel zu riskant.”

Rate mal, wie die Geschichte mit dem Mann, dem mein Post-it nicht gefiel, ausging.

Genau: Schlecht. Und traurig.

Dieser Geschichte folgten noch ein paar weitere (sogar eine Verlobung!), die schlecht und traurig ausgingen.

Ich entfernte das Post-it von meinem Monitor. Es hatte mich nicht davor geschützt, mir selbst noch mehr Wunden hinzuzufügen – im Gegenteil.

 

Kintsugi des Herzens

Mein zweiter Mann und ich haben schnell geheiratet – gerade mal eineinhalb Jahre, nachdem wir uns kennengelernt hatten.

Der Heiratsantrag kam von mir. Ich hatte solche Angst, dass ICH wieder davonlaufen würde. Dass ICH das, wonach mein Herz sich am allermeisten sehnte, ein weiteres Mal von mir stoßen würde, nur um nicht noch einmal verletzt zu werden.

Heute weiß ich: Wir können uns nicht vor Verletzungen schützen, wenn wir lebendig bleiben wollen. Die Angst ist berechtigt, und es gibt keine Garantien.

Auf dem kleinen Altar, vor dem ich jeden Morgen meditiere, liegt eine Scherbe. Sie ist an den Rändern vergoldet und erinnert mich an das Kintsugi-Prinzip: Indem wir unsere Narben, Wunden und Risse vergolden, werden wir zu einem Kunstwerk. Das Leben hinterlässt Spuren und Sprünge in und an uns. Wir zerbrechen und setzen uns neu zusammen. Goldene Adern durchziehen unser Sein.

Wir sind nicht mehr perfekt wie neugeborene Babys.

Wir sind perfekt wie kostbares Porzellan mit vergoldeten Sprüngen.

Und nicht die Zeit heilt unsere Wunden, sondern das Licht des Bewusstseins – und unsere Bereitschaft, sie behutsam zu lieben. 

 

Mini-Momente, in denen wir wirklich lieben

Kürzlich hat eine der wunderbaren Frauen im  LAYA LAB von ihrem veredelten Herzen geschrieben.

Da habe ich verstanden: Nur ein veredeltes Herz kann wirklich lieben.

Es ist nicht mehr naiv.

Es weiß um den Schmerz.

Es gibt sich hin, trotz der Gefahr.

Es lässt sich ein, auch wenn es vor Angst zittert.

Es öffnet sich, auch wenn es sich verschließen will.

Nicht für jeden. Nicht immer.

Aber immer dann, wenn es um Tiefe und Wahrhaftigkeit geht. In jenen großen und kleinen Momenten, in denen wir vor der Entscheidung stehen: Schutz oder Lebendigkeit? Angst oder Mut? Ja oder Nein zum Leben mit all seinen Risiken und Gefahren?

Das kann der Mini-Moment sein, in dem mir eine zynische Bemerkung auf der Zunge liegt, die ich dann doch nicht ausspreche.

Das kann der Mini-Moment sein, in dem ich mich von meinem Liebsten zurückgewiesen fühle, und ihm erzähle, was ich fühle, statt mich mich gekränkt zurückzuziehen.

Das kann der Mini-Moment sein, in dem ich über meinen Schatten springe und einen Freund um Hilfe bitte, statt alles mit mir allein auszumachen.

Mein Herz ist versehrt und es ist veredelt.

Es liebt anders als früher.

Es wählt. Und wen es wählt, den liebt es so tief und echt, dass es keine Erwartungen mehr an diesen Menschen hat. So tief und echt, dass diese Liebe nicht mehr an Bedingungen geknüpft ist. So tief und echt, dass diese Liebe selbst die Belohnung ist, nicht das Wiedergeliebt-Werden.

{So fühlt es sich manchmal an. Dann wieder kralle ich mich an vermeintliche Sicherheiten, verschließe mich, oder öffne mich “aber nur unter der Bedingung, dass …” Und so weiter – ich wette, du kennst das.}

 

Schatten, Trauma und Wachstum

Ich hatte mit Positiver Psychologie so lange nichts am Hut, bis ihre erste Welle (“Happyologie“) verebbt war und die zweite heranrollte: Positive Psychology 2.0 oder “Second Wave Positive Psychology”.

Endlich war auch von der Kostbarkeit des Scheiterns, der Verluste und Verletzungen die Rede.

Endlich hatten auch Trauma und  posttraumatisches Wachstum ihren Platz.

Endlich gesellte sich der Schatten zum Licht, endlich wurde der Wert “negativer” Emotionen anerkannt – und manche gingen sogar soweit, fortan auf die Unterscheidung zwischen “negativ” und “positiv” zu verzichten.

Glück braucht Tiefe. Tiefe entsteht (nicht nur, aber auch) durch Schmerz.

 

Tagebuch schreiben in der Krise

Aus den tiefsten Krisen meines Lebens habe ich mich “herausgeschrieben”. Zu schreiben war nicht das einzige, was mir geholfen hat – aber es war immer verfügbar, immer für mich da, immer tröstlich, immer ermutigend, immer wie eine warme Decke, in die ich mich hüllen konnte – oder wie ein frischer Wind, wenn ich neue Energie und Zuversicht brauchte.

{Wie wirksam Schreiben in Lebenskrisen und nach schwierigen oder sogar traumatischen Erfahrungen ist, hat die Wissenschaft längst eindrücklich bewiesen.}

Hier ist eine wundervolle Praxis für dich, wenn es eine Verletzung gibt, die dein Herz (noch) verschlossen hält: 

1) Zeichne dein Herz. Zeichne seine Wunden und Narben. Gib ihnen Namen, schenk ihnen Worte.

 

2) Schreib dann darüber

* warum diese Wunden und Verletzungen deinem Leben Tiefe gegeben haben

* wie es dir gelungen ist, aus den Scherben etwas wundervolles Neues zu kreieren

* welche schwierigen Erfahrungen dein Sein vergoldet haben

* was es noch braucht, um dein Leben zu einem Kunstwerk zu machen

* wie du deinem Herz helfen kannst, sich wieder zu öffnen und zu vertrauen

 

3) Vergolde und veredle nun deine Zeichnung und gib ihr einen Titel!

2 Kommentare

  1. Maria Kapelari

    Liebe Laya, ich liebe deine sonntäglichen Goldstücke. Dieses besonders, weil ich nach dem Tod meines ersten Mannes jahrelang nicht mehr lieben konnte. Mein Herz war tot… aber nicht ganz:-)
    Ich habe Jahre gebraucht um meinen jetzigen Mann wirklich zu lieben. Die Liebe ist nun anders, ich habe mich verändert, so wie mein Lieben.
    Danke für deine Worte!

    Antworten
    • Laya

      Von Herzen danke, liebe Maria, dass du deine Erfahrungen hier mit uns teilst!

      Es ist gut zu wissen, dass selbst nach einem solchen Schicksalsschlag das Herz noch lebendig ist – auch wenn es viel Zeit braucht, um sich wieder zu öffnen.
      Alles Liebe zu dir!
      Laya

      Antworten

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Laya Commenda Coaching

Ich bin Laya Commenda.
Ich unterstütze Frauen dabei, innere Freiheit zu finden, Ängste, Zweifel und Blockaden zu überwinden und endlich das Leben zu leben, das ihrem wahren Wesen entspricht - mit den besten Tools und Techniken aus Positiver Psychologie, Schreibtherapie und Embodiment.