Glücklich im Regen stehen

Mai 4, 2015

„Ich bin glücklich, wenn es regnet. Denn wenn ich nicht glücklich bin, regnet es auch!“

Mein Freund R. zitiert Karl Valentin. R. ist ein erfahrener Berater und ein sehr humorvoller Mann, wie wohl auch Karl Valentin einer war zu seiner Zeit.

Neulich habe ich mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Choose to be happy“ gekauft. Wähle, glücklich zu sein. Auch wenn es regnet. Ist es wirklich so einfach?

Alles Unglück, so habe ich mir sagen lassen, entsteht aus der Diskrepanz zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was wirklich ist. Wir erwarten Sonnenschein und sind unglücklich, weil es regnet. Wir erwarten, dass Beziehungen stets harmonisch und ablaufen, und sind enttäuscht, wenn es Streit gibt. Wir erwarten, dass wir stets gesund und leistungsfähig sind, und nehmen es unserem Körper übel, wenn er mal Macken macht. Dabei müssten wir es längst besser wissen.

Wo, frage ich mich,  bleibt da die Demut? Wollen wir wirklich dem Leben vorschreiben, wie es zu sein hat? Ihm unsere Vorstellungen aufzwingen? Mehr im Recht sein als dieses unfassbar große Mysterium?

In einer Zeit, in der ich viel mehr Grund zum Unglücklichsein hatte als heute, habe ich mir fest vorgenommen, auch ohne die Erfüllung meiner Wünsche glücklich zu sein. Vielleicht sollte ich mich öfter mal in den Regen stellen, um mich daran zu erinnern.

Dieser Text ist  in der Print-Ausgabe von Welt der Frau erschienen.

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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