Heiß ich Anselm oder was?

Jun 4, 2015

Anselm Grün schreibt seine Bücher immer donnerstags zwischen 8 und 10. Er ist ungeheuer produktiv. Na und? Ich gehe MEINEN Weg. Schließlich heiße ich nicht Anselm. 

Vielleicht tue ich dem Benediktinerpater unrecht. Vielleicht ist sein Mönchs-Alltag gar nicht so geregelt und vorhersehbar, wie ich mir das vorstelle. Vielleicht bin ich nur neidisch, weil ich auch gerne mehr Bücher von mir veröffentlicht sehen würde.

Vielleicht ist es aber auch einfach so: Ich bin kein Mönch. Ich bin Mutter. Ich bin Tochter. Ich bin Ehefrau und Geliebte. Ich bin Unternehmerin. Und jeder Donnerstag ist anders. 

Ich habe immer geschrieben, auch als mein Sohn ein Baby und ich alleinerziehend war. Ich habe in jeder freien Minute geschrieben, in der mein Kind ausnahmsweise a) nicht krank war, b) keine Zähne bekam, c) keinen Kindergarten- oder Schuleinstieg zu bewältigen hatte und d) nicht unter Ein- und Durchschlafschwierigkeiten litt. Also ungefähr alle heiligen Zeiten. Ich habe mir die Minuten zum Lesen, zum Schreiben, zum Meditieren, zum Kontemplieren und zum Beten immer wieder erkämpfen müssen, erstehlen, erschleichen, erobern. Oft um den Preis des schlechten Gewissens.

Nicht, dass ich mit Anselm tauschen wollen würde (und er wahrscheinlich auch nicht mit mir). Es geht nur um’s Verzeihen. Es geht darum, mir zu verzeihen und zu vergeben, dass ich noch keine 20 Bücher, 15 CDs und 7 Kartensets produziert und erfolgreich auf den Markt geworfen habe. Dass es nichts gibt, was ich JEDEN TAG oder JEDEN DONNERSTAG mit Sicherheit tun könnte (außer atmen und Zähne putzen), ohne dass der unkontrollierbare Freigeist in mir sich nach einiger Zeit vehement gegen so viel Regelmäßigkeit  wehren und meine Versuche, mehr Selbstdisziplin aufzubringen, sabotieren würde.

Vielleicht hängt es mit dem Frau-Sein zusammen. Vielleicht sind wir Frauen so unmittelbar mit natürlichen Rhythmen und Zyklen, mit dem ewigen Wandel verbunden, dass wir mit einer flexibleren Herangehensweise mehr erreichen als mit Disziplin. Vielleicht haben wir viel zu lange in einer Welt gelebt, in der das Durchstrukturierte, das Lineare, das Logische als gut, richtig und erfolgreich galt, während das Intuitive, das Gefühlsgesteuerte und das Fließende eine Gefahr in sich barg – die Gefahr des Kontrollverlustes.

Dabei geht es genau darum: um Kontrollverlust. Wer mitfließen will, darf nicht kontrollieren wollen. Wer die Energie des Tages, des Körpers, der Seele nutzen will, darf nicht gegen sie ankämpfen, sondern muss mit ihr gehen.

Wohlgemerkt: Das hier ist kein Entweder-Oder, kein Kampf zwischen Männlich und Weiblich. Ich schätze die maskuline Energie, Tatkraft und Direktheit sehr. (Ich mag sogar Benediktinermönche, die Bücher wie am Fließband produzieren.) Und es gibt mehr als genug Situationen, in denen man mit diesen männlichen Qualitäten sehr weit kommen kann.

Kürzlich bin ich einem Paar begegnet: er Yogalehrer, sie Yogalehrerin. Er praktiziert jeden Tag um 5 Uhr morgens. Sie praktiziert manchmal gar nicht, manchmal am Abend, und manchmal in der Nacht, wenn sie schlaftrunken aus dem Kinderzimmer taumelt, wo die lieben Kleinen endlich in ihren Bettchen schlummern. Beide gehen ihren Weg. Beide können voneinander lernen.

Erst die Unterschiede lassen uns erkennen, wie einzigartig wir sind.

(Wie du täglich Yoga praktizieren kannst, ohne dabei in einem fixen Programm zu erstarren, liest du hier).

Also. Ich heiße nicht Anselm, ich heiße Layaki. Ich lebe nicht im Kloster, aber ich bin Tag für Tag in meinem “secret retreat”. Ich schreibe diesen Blogbeitrag um 4 Uhr morgens. In zwei Stunden muss ich aufstehen, um einen Workshop zu halten. Aber ich bin hellwach, und ich werde morgen genug Energie haben. Ich wehre mich nicht mehr gegen die Stromschnellen des Lebens. Widerstand? Zwecklos.

“Ich weiß, was auch Sie wissen: Dass unser Verstand die Vorstellung von Disziplin und Selbstkontrolle liebt. Wir lieben die Idee, uns zu verbessern, fitter und dünner zu werden, klüger oder vollkommener. Und wir denken stets, Selbstkontrolle und Disziplin wären der Weg dorthin …”, so John C Parkin in  “Fuck it! Loslassen, Entspannen, Glücklich sein”.

“Jeder Versuch Ihrerseits, sich zu kontrollieren, sich selbst zu disziplinieren, kann eine gewisse Spannung hervorrufen. Das wiederum erzeugt Druck, dem Sie üblicherweise nicht gewachsen sind. Und die Enttäuschung, die Sie erleben, wenn Sie es nicht schaffen, Ihren eigenen Erwartungen gerecht zu werden, ist sogar noch ermüdender, als die Häuffigkeit, mit der Sie sich enttäuschen. 

Also sagen Sie zu all dem Fuck it. Machen Sie doch zum Teufel nochmal das, worauf Sie wirklich Lust haben …. Wenn sich die Anspannungen dieser selbst auferlegten Erwartungen erst einmal verflüchtigt haben, werden Sie sich freier fühlen. Sobald Sie sich freier fühlen, sind Sie auch besser auf das eingestimmt, was Ihr Körper will:

  • Ihnen wird nach Trainieren zumute sein, wenn Sie sich energiegeladen fühlen.
  • Es wird Ihnen nach Faulenzen sein, wenn Sie sich nicht voller Energie fühlen.
  • Manchmal werden Sie Lust auf gesundes Essen haben.
  • Manchmal werden Sie aufhören zu essen, wenn Sie satt sind. 
  • Und machmal werden Sie essen, bis Ihnen schlecht wird.

So ist das Leben. Geben Sie ihm einfach nach.

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass Sie wahrscheinlich mehr trainieren werden als damals, als Sie noch Mitglied im Fitnessstudio waren, wenn Sie sich dem natürlichen Fluss des Lebens überlassen. Sie werden wahrscheinlich gesünder essen als damals, als Sie noch zu diesem Ernährungsberater gegangen sind. Und Sie werden wahrscheinlich kleinere Portionen essen als damals, als Sie noch irgendeine lächerliche Diät gemacht haben.”

Foto: © Elnur – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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