Na hör mal!

Apr 10, 2014

“Ich dachte schon, du bist auf Urlaub”, sagt Leserin A., die mich zufällig im Kaffeehaus antrifft. “Ich warte schon wieder sehnsüchtig auf deinen Newsletter!”, schreibt Kollegin C. aus dem Salzkammergut. Entschuldigt bitte die Sendepause, aber –  ich bin gerade mit Zuhören beschäftigt!

1. Zuerst höre ich auf meinen Magen und meine Galle, die lauthals meine Aufmerksamkeit fordern.  Auszeit! Jetzt! – das ist ihre unüberhörbare Botschaft. Also beherzige ich, was ich meinen YogaschülerInnen tagein, tagaus predige:

You can relax NOW.

Ohne Pausen ist es kein Rhythmus.

Wer auf zu vielen Hochzeiten tanzt, tanzt auf keiner mehr richtig.

2. Dann lausche ich der weisen Stimme meines Körpers und beende nach rund einem Jahr mein Veganertum. Mein Verstand – und auch mein Herz – wünschen sich eine rein pflanzliche Ernährung. Mein Körper aber hat genug von Ernährungskonzepten. Er verlangt nach Butter, nach Eiern, und hin und wieder einem Stück Fisch. Zum ersten Mal nach langem fühle ich mich wieder richtig satt. (Lass mich betonen: Das ist es, was MEIN Körper JETZT GERADE braucht. Ich stelle nicht in Frage, dass vegane Ernährung für manche Menschen in manchen Lebensphasen genau das richtige sein kann).

3. Ich lausche der Stimme meiner Intuition, lasse mich treiben auf meinem Spaziergang im Frühlingswind. Er weht mich unter einen blühenden Obstbaum. Zarte weiße Blütenblätter schweben auf mich herab. Ich denke an meinen ältesten Bruder Paul, der nach wenigen Tagen auf diesem Planeten wieder gegangen ist. Er hat nie die verschwenderische Pracht eines solchen Frühlings erlebt. Vielleicht wohnt er aber auch längst im Kirschblütental, so wie Krümel und Jonathan, die Brüder Löwenherz aus dem Kinderbuch, das mich auch beim zehnten Mal Lesen noch zu Tränen gerührt hat.

4. Auf meinem ziellosen Spaziergang schlendere ich an einem parkenden Auto vorbei, in dessen Heckscheibe ein Schild angebracht ist: “Don’t follow me. I’m lost too.” Ich wünsche mir, dass all die spirituellen LehrerInnen, denen ich begegnet bin, den Mut gehabt hätten, genau das zuzugeben. So wie mein Freund und Lehrmeister A., der es so formulierte: “Ich bin niemand, der vorangeht, sondern höchstens jemand, der aufrichtig herumirrt.” Wir alle irren herum. Die, die dabei aufrichtig sind, sind meine Vorbilder.

5. Ich verbringe viel Zeit im Krankenhaus. Er hofft, am Leid zu reifen, sagt mein Vater. Ich hoffe, man kann am Leben reifen auch ohne so viel Leid.

6. Ich backe Brot (*) statt zu meditieren. Ich sitze lesend im Café statt Yoga zu üben. Immer wieder kommt jemand vorbei, den ich kenne. Manche setzen sich zu mir, bleiben auf ein Plauderstündchen. Nun verstehe ich, was die PilgerInnen meinen, wenn sie sagen: Das Leben kommt auf dich zu. Scheint so, als würde das nicht nur auf dem Jakobsweg gelten, sondern auch im Kaffeehaus. Nur ohne Blasen an den Füßen.

7. Zufällige Plaudereien werden zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Zum Beispiel mit Klaus vom Leisenhof, wo ich zweimal die Woche taufrische Wildkräuter, Asia Salate und Spinat einkaufe. Ich hatte angeboten, eine Website für die Gärtnerei und ihren Hofladen zu gestalten. “Eigentlich …”, sagt der Gärtner, “brauchen wir so etwas nicht.” Und Herr Alois vom Café Bio Inge erzählt mir stolz, er habe nicht nur keine Homepage, sondern auch kein Handy. Das gefällt mir. Ich mag zwar meine Website und mein Smartphone – aber es ist gut zu wissen, dass es auch ohne geht.

8. Mit meinem lieben Freund H. plaudere ich über Wünsche. Wie zahlreiche buddhistische LehrerInnen ist er überzeugt, dass Wünsche der Usrprung unseres Leidens sind. Jeder erfüllte Wunsch gebäre den nächsten, und das wahre Glück liege in der Wunschlosigkeit. Das macht mich nachdenklich. Ist nicht der Wunsch nach Wunschlosigkeit auch wieder ein Wunsch? Liegt es nicht in unserer menschlichen Natur, Wünsche zu haben? Müssen wir uns über unsere Natur erheben, alles loslassen? Oder ist es nicht viel mehr so, dass unsere Wünsche Ausdruck unserer Einzigartigkeit sind? Warum sonst sehnt sich die eine nach einer großen Familie, der andere danach, die Welt zu umsegeln? Warum wünscht mein Geliebter D. sich Zeit zum Modellfliegen, während ich ein Yogastudio eröffnen will? Ich glaube, unsere Wünsche und Sehnsüchte geben uns Kraft und Mut zum Handeln, und sie sind Ausdruck menschlicher Vorstellungskraft und Entwicklung. Sie müssen nicht zwangsläufig Leiden verursachen. Denn:

Vor vielen Jahren, als ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, als mein Leben mit einem Partner zu teilen, habe ich beschlossen, auch ohne die Erfüllung meiner Wünsche glücklich zu sein. Diese Einstellung hat sich bis heute bewährt.

(Lies hier mein Interview mit dem bekannten Yogalehrer und Buchautor R. Sriram   zum Thema “Wünschen”)

9. Da ich überzeugt davon bin, dass wir unsere Wirklichkeit selbst erschaffen, werde ich ganz still. Ich höre tief in mich hinein: Warum zieht es sich so mit den Räumen für die yogalounge? Warum platzen die Projekte, eines nach dem anderen, knapp vor Vertragsabschluss? Es dauert ein Weilchen, dann ist die Antwort da: Die Verzögerungen im Außen sind ein Spiegel für meine innere Zögerlichkeit. Ich will ja, aber … ich habe Angst vor der Verantwortung. Vor den hohen Investitionen. Vor der Möglichkeit des Scheiterns. Und davor, mich für längere Zeit an einen Ort zu binden. Kann es sein, dass das Leben ein beherztes JA! von mir hören will statt ein zögerliches JA, ABER … ?

10. Und schließlich lausche ich den wundervollen Worten und Klängen, die meine wundervolle Schwägerin C. mir geschenkt hat:

Bodies of info performing such miracles
I am a miracle made up of particles
and in this existence, I’ll stay persistent
and I’ll make a difference
and I will have lived it.

Aloha, Aloha Ke Akua ….

Each day that I wake
I will praise
I will praise
Each day that I wake
I give thanks
I give thanks
Each day that I wake
I will praise
I will praise
Each day that I wake
I give thanks
I give thanks

 

(*) Hier meine Lieblingsrezepte: Getreidefreie Paleo Brötchen und Brot mit Flohsamen

Foto oben: © javier brosch – Fotolia.com

4 Kommentare

  1. Sabine

    bin so berührt 🙂
    love Sabine

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  2. Diana

    das ist ein echt berührender text.
    ich bin seit einiger zeit hauptberuflich in-mich-hineinhörend und will im grunde nichts andres mehr machen. mein schätzle m. (ya know him!) hat das einen “kontemplativen lebensstil” genannt, was mich vom hocker geschmissen hat, weil es wunderschön klingt und weil er mir geholfen hat, das zu benennen, was ich da mache.
    manchmal mischt sich mein verstand ein und sagt mir, dass das ja gar nicht geht, was ich da mache und dass “man” so ja nicht leben kann. anscheinend geht’s doch, sonst würd ich’s nicht tun 🙂
    was ich jedenfalls weiß, ist, dass seit ich so lebe, vieles und viele aus meinem leben verschwunden sind.
    aufgetaucht sind viele neue ideen, viele viele glücksmomente, erstaunliche schnelle wunscherfüllungen, eine neue gesunde langsamkeit in vielem und geduld. achtsamkeit. zeeeeiiiit für mich und was mir wichtig ist. und natürlich auch raum für unangenehmes, bis dahin weggedrücktes. das kommt auch und das ist nicht immer lustig.
    so.
    viele küsse, liebste butterblume!!!
    hugs
    d

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  3. Lady Galadriel

    Um kurz auf Deinen Vater und das Thema “Leid” zu kommen:
    Viele erkennen u./o. lernen erst, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen; da können vorher jahrelang Kurse, Bücher und sonst was kosumiert worden sein – nicht selten dient dies nur dem eigenen Ego, aber am eigenen Leben verändert wird kaum etwas. TrainerInnen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung kennen das – die KursteilnehmerInnen entschwinden selbst nach einer gemeinsamen top-Zeit zurück ins Leben und setzen – zumindest bewusst – nichts, aber auch gar nichts, um.

    Erst, wenn die eigene Vergänglichkeit bzw. der Wert der bislang kaum geschätzten – weil als selbstverständlich erachteten – körperlichen oder auch seelischen Gesundheit bewusst werden, tut sich bei vielen etwas.

    Glücklich sind jene, die infolge genesen und einen “zweiten Geburtstag” feiern können und dies auch insoweit wertschätzen, als dass daraufhin eine echte Kurskorrektur folgt. Viele Menschen, die Krankheit bzw. “Höllenfahrten” durchlebt haben, können nachher wahrhaft geniessen und im Jetzt leben… ganz ohne Ausbildung. Das wahrhaftige sowie unmittelbare Erfahren unserer eigenen Vergänglichkeit ist der größte Lehrmeister.

    Genesen von selbst schwersten Krankheiten tun insbesondere jene, die sich selbst nicht leid tun und einen zwanglosen Willen entwickeln, sich da wieder rauszuziehen (Münchhausen-mäßig, an den eigenen Schuhbändern). Die Schulmedizin braucht dabei nicht zwangsläufig verteufelt zu werden, sie hilft oft, die Schmerzen erträglicher zu machen und dadurch mehr Kraft und Energie zu mobilisieren.

    Viel Erfolg bei Deinen eigenen Entscheidungen und Veratwortlichkeiten!

    LG

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  4. Melanie

    Hach. Inspiration direkt auf den Frühstücksteller serviert.
    Mjam, danke.

    Zwei Sätze hab ich mir auf die Serviette gekritzelt:

    “Ohne Pausen ist es kein Rhythmus.”
    Danke fürs erinnern. Das wird meinen Tag, meine Woche ein bisschen schöner und ausgeglichener machen.

    “Wir alle irren herum. Die, die dabei aufrichtig sind, sind meine Vorbilder. ”
    Ja, ja und ja.

    Ich wünsche dir, dass das Leben zügig auf dein beherztes JA! mit den Räumlichkeiten antwortet, auf die du gewartet hast.

    Herzlich,
    Mel

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