Ruhe da oben!

Mai 9, 2015

Kann bitte mal jemand meine Gedanken abschalten? Nein? Doch! Was sonst niemand vermag, das vollbringt das Wunder der Achtsamkeit. Schluss mit dem Schlafwandeln. Zeit, um aufzuwachen!

Seit Jahren dasselbe. Zweimal täglich, morgens und abends. Meine Zahnbürste ist eine von den Intelligenten – nach 30 Sekunden zeigt sie mir durch ein Vibrieren an, dass es Zeit ist, eine andere Zahnreihe zu putzen. Nach zwei Minuten schaltet sie sich von selbst ab.

Morgen für Morgen, Abend für Abend versuche ich, in diesen zwei Minuten nicht zu denken. Nicht an meine To-do-Liste. Nicht an meine Termine. Nicht ans Einkaufen. Ich versuche, bei dem zu bleiben, was gerade ist: beim Geschmack der Zahnpasta in meinem Mund, beim Rotieren des Bürstenkopfes auf meinen Zähnen, beim guten Gefühl des Reinwerdens und der Frische.

Rate mal, wie oft ich das zwei Minuten lang geschafft habe. Ganz genau. Nicht ein einziges Mal.

Das bedeutet nicht, dass die Praxis der Achtsamkeit umsonst ist. Auch nicht, dass ich hoffnungslos unbegabt bin. Es bedeutet einfach nur, dass ich einen MONKEY MIND habe wie alle anderen auch. Ja, auch du. Und du und du und du.

Du glaubst mir nicht? Mach folgenden Versuch:

Variante A:
Stell dir einen Wecker auf eine Minute. Schließ die Augen und denke so lange nicht, bis der Wecker läutet.
 

Variante B:
Atme tief und langsam. Zähle deine Atemzüge von 1 bis 21. Wenn dir ein Gedanke dazwischen kommt oder du ganz zu zählen vergessen hast, fang wieder bei 1 an.

Also. ENTWEDER bist du ein/e Meditationsmeister/in, ein Achtsamkeitsnaturtalent oder knapp vor dem Einschlafen.

ODER du stellst dir jetzt folgende Frage:

Habe ICH meine Gedanken – oder haben meine Gedanken MICH?

Die schlechte Nachricht: Meistens haben die Gedanken dich.

Die gute Nachricht: Du kannst Meisterschaft über deine Gedanken erlangen. 

Die schlechte Nachricht: Du wirst voraussichtlich bis an dein Lebensende üben müssen.

Die gute Nachricht: Das Üben macht Spaß! Der Stress lässt nach! Die Gelassenheit wächst! Die Lebensfreude blüht! Rufezeichen! Rufezeichen! Rufezeichen!

Achtsamkeit bedeutet, dem, was gerade um uns und in uns geschieht, bewusst die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Achtsamkeit bedeutet, präsent, wach und gegenwärtig zu sein.

Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit ohne Kritik und ohne Urteil.

ACHTSAMKEIT = WAHRNEHMEN UND MEHR NICHT

Das MEHR NICHT ist das Geheimnis. So einfach ist es. Und so schwierig. Denn MONKEY MIND liebt es, zu analysieren, zu projizieren, zu extrapolieren. MONKEY MIND produziert Hätt-ich-doch’s und Sollt-ich-nicht’s, erfindet Geschichten, Begründungen und Rechtfertigungen.

Jeder Gedanke, der nicht zu einer Tat führt, ist Hirnwichserei und verursacht Leiden, schreibt Gulio Cesare Giacobbe (*). Recht hat er.

Darum: Ruhe da oben!

Und so geht’s:

  • Lenke deine Aufmerksamkeit auf den Körper. Nimm deine Haltung wahr. Nimm wahr, wo dein Körper den Boden, den Stuhl,… berührt.
  • Spür beim Gehen, wie deine Fußsohlen den Boden berühren, wie sie aufsetzen und abrollen.
  • Spür beim Duschen bewusst die warmen oder kalten Wassertropfen auf der Haut.
  • Lenke deine Wahrnehmung immer wieder bewusst auf Farben oder Formen.
  • Lausche den Klängen, die dich umgeben.
  • Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst auf Gerüche.
  • Nimm Hitze und Kälte wahr, ohne zu bewerten.
  • Nimm bewusst Licht und Schatten wahr.
  • Nimm Luft und ihre Bewegung (Wind) wahr.
  • Nimm deine Hände wahr, in Ruhe und in Bewegung.
  • Nimm ein bis drei tiefe Atemzüge, bevor du einen Anruf entgegen nimmst.
  • Blicke immer wieder bewusst nach oben.
  • Stell dir immer wieder die große Erdkugel unter dir vor.
  • Hör achtsam zu, wenn jemand anderer etwas erzählt. Werd zum „Schwamm“. Stoppe das Gedankenkarussell in deinem Kopf. Widme deine volle Aufmerksamkeit deinem Gegenüber.
  • Übe bewusst liebevolle Berührungen – sowohl bei Gegenständen als auch im Umgang mit Menschen.
  • Kultiviere einen liebevollen Blick auf deine Umgebung, auf Situationen, auf andere Menschen.
  • Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst auf das „Dazwischen“: auf den Raum zwischen den Dingen, auf die Pausen zwischen den Atemzügen, auf die Zeit zwischen zwei Tätigkeiten.
  • Betritt neue Räume achtsam (sowohl physische als auch geistige). Nimm einen bewussten Atemzug, bevor du eintrittst.
  • Nimm deinen Atem wahr, ohne ihn zu beeinflussen. Bleib mit deiner Aufmerksamkeit beim rhythmischen Ein- und Ausströmen, spüre den Hauch der Atemluft an den Nasenöffnungen oder das Heben und Senken der Bauchdecke.
  • Verwende bewusst immer wieder die nichtdominante Hand.
  • Vergegenwärtige dir jeden Abend vor dem Einschlafen fünf Dinge, für die du dankbar bist.
  • Sprich achtsam – vermeide bewusst Füllwörter.
  • Vor allem beim Essen kannst du Achtsamkeit praktizieren. Nimm ein paar tiefe Atemzüge, bevor du zu essen beginnst. Nimm den Geruch und die Konsistenz der Nahrung im Mund wahr. Kau bewusst langsam und ausführlich, lege dabei das Besteck nieder.

WICHTIG:
Suche dir EINE Übung aus und praktiziere sie ein paar Tage lang. Dann erst die nächste. Dann die nächste…

NOCH WICHTIGER:
Verurteile dich nicht für deine Gedanken! Verurteilen ist eine Lieblingsbeschäftigung von MONKEY MIND.
Freu dich stattdessen über jeden Moment, in dem es dir gelungen ist, aus deinen Gedankenspiralen auszusteigen und dich dem gegenwärtigen Augenblick zuzuwenden!  Du hast jahrelang befahrene Autobahnen in deinem Gehirn verlassen.

AM WICHTIGSTEN:
Genieße den Weg! Achtsamkeit ist ein Lebensprojekt. Es gibt nichts, was du richtig oder falsch machen könntest. Es gibt nichts zu erreichen. Es gibt nur dich und diesen Moment. Er gehört dir. Ist das nicht wunderbar?

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.
~ Thich Nhat Hanh

 

Lieblingsbücher zum Thema Achtsamkeit:

(*) Giulio Cesare Giacobbe: Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen.

Jan Chozen Bays: Achtsam durch den Tag. 53 federleiche Übungen zur Schulung der Achtsamkeit.

Jon Kabat-Zinn: Zur Besinnung kommen: Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt

Jessica Wilker: Das Einmaleins der Achtsamkeit: Vom sorgsamen Umgang mit alltäglichen Gefühlen.

Headerbild: © contrastwerkstatt – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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