So hat das Leben mich geschubst

Am 1. September werde ich es wissen.

Ganz bestimmt.

Spätestens am 1. September werde ich wissen, wie es mit mir weitergeht.

Spätestens dann werde ich wieder Sicherheit haben. Zumindest ein bisschen. Ein kleines bisschen Sicherheit. Ein bisschen Klarheit. Über meinen Weg. Wieder festen Boden unter den Füßen. Am 1. September. Ganz bestimmt.

Doch der 1. September rückt näher und ich weiß noch immer nicht, wie es weitergeht. Noch immer ist alles in Schwebe. Job oder nicht Job? Gründen oder nicht gründen?

Ich versuche, nicht in Panik zu geraten. Ich versuche, ganz ruhig zu bleiben. Ich schwanke so heftig zwischen Zuversicht und Existenzangst, dass mir zunehmend schwindlig wird.  Da bin ich, mit ganz vielen Ideen, mit meiner brennenden Begeisterung und mit meinen großen Visionen. Und da bin ich, ohne finanzielle Rücklagen und mit einem Kind. Mit einem Kind, das Schulsachen braucht und Jeans und Fußballschuhe und womöglich eine Zahnspange. Mit einem Kind, aber ohne Partner. Ohne einen Partner, der dem Kind und mir Rückhalt und Sicherheit geben könnte.

Da bin ich. Und ich kann nichts anderes tun, als abzuwarten, wohin das Leben mich schubsen wird.

Das war im Jahr 2011.

2002 war mein Sohn geboren. Genau zu dem Zeitpunkt, als ich zu einem großen Karrieresprung als Wissenschaftsjournalistin ansetzte. Statt dem Karrieresprung machte ich einen Salto rückwärts und unterrichtete zwei Abende die Woche Mathematik für Menschen, die die Matura nachholen wollten.

2005 ging das Kindergeld zu Ende, und mir fiel ein sicherer Job in der Kommunikationsabteilung einer großen NGO zu. Die Kolleg*innen: supernett. Die Arbeit: gemütlich. Eine Zeitlang war das völlig okay – aber dann begann mein Innovationsgeist zu quengeln. Dann trat meine Abenteuerlust auf den Plan. Ich wollte keine Gemütlichkeit mehr. Ich wollte neue Welten erobern.

2009 startete ich mit meiner ersten Yogalehrer-Ausbildung und kurz darauf wechselte ich zu einer großen Bildungs-Institution. Dort wurde es dann deutlich ungemütlicher als ich es mir gewünscht hatte, und ich kam vom Regen in die Traufe. Innovation? Hm. Entwicklungsmöglichkeiten? Hmmmmm. Supernette Kolleg*innen? Hmmmmmmmm.

Schon nach kurzer Zeit ging es nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, jeden Morgen meine Seele am Eingang des Bürogebäudes abgeben zu müssen. Also kämpfte ich darum, in Bildungskarenz gehen zu dürfen und zog mir damit die Ablehnung all jener Kolleg*innen zu, die schon seit Ewigkeiten in diesem System verharrten, und voller Missgunst auf jemanden blickten, der schon nach so kurzer Zeit den Absprung wagte.

Am 1. Jänner 2011 ging ich in Bildungskarenz. Etwas in mir wusste: Acht Monate. Ich brauche acht Monate, nicht mehr und nicht weniger, um mich neu zu orientieren und durchzustarten. Am 1. September werde ich es wissen. Am 1. September werde ich wissen, wie es mit mir weitergeht.

Aber der 1. September rückt näher, und ich weiß noch immer nicht, was geschehen wird. Alles spitzt sich zu. Ein Tochterunternehmen der großen Bildungsinstitution bietet mir eine Stelle als freie Dienstnehmerin an. In einem interessanten Fachbereich – aber mit grottenschlechter Bezahlung.

Ich muss mich entscheiden.

Annehmen oder Ablehnen? Sicherheit oder Freiheit?

Ich versuche, zu verhandeln. Ich brauche Geld – aber ich will meine Würde nicht verlieren. Der potenzielle Arbeitgeber bleibt bei seinem ursprünglichen Angebot – mit dem lapidaren Argument, dass auch andere Akademikerinnen mit einem Brutto-Honorar von 20 Euro die Stunde zufrieden sind, und nicht wie ich meinen, dass ihre Arbeit mehr wert sei.

Das ist alles, was ich brauche. Ich werfe mein Herz über das Hindernis, schlage das Jobangebot aus und gründe mein Unternehmen. Am 1. September 2011.

Und damit bewegt sich die Vorsehung.

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen.

Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte.

Was immer du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.
~ Von Goethe – oder doch von W. H. Murray?

Wie aus dem Nichts kommt eine Anfrage, ob ich eine Reihe von Seminaren über Öffentlichkeitsarbeit halten will. Wie aus dem Nichts kommt eine Anfrage, ob ich ein umfangreiches Buchprojekt für ein historisches Archiv begleiten will. Wie aus dem Nichts kommt eine Anfrage, ob ich die Redaktion eines großen Bildungsberichts übernehmen will. Und wie von Zauberhand halte ich plötzlich einen Buchvertrag von einem großen deutschen Verlag in Händen – sogar mit Vorschusshonorar. Schon im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit verdiene ich mehr, als ich mit meinen sicheren Jobs je verdient habe.

 

Warum erzähle ich dir das alles?

Nicht, weil ich glaube, jeder Mensch, der seinen eigenen Weg gehen will, müsse sich selbstständig machen.

Und auch nicht, weil ich glaube, du solltest genauso hohe Risiken eingehen wie ich. Mein Freiheitsbedürfnis ist viel stärker ausgeprägt als mein Wunsch nach Sicherheit – aber bei dir ist das vielleicht genau umgekehrt.

Ich will dir auch nichts vormachen. Es gab immer wieder Rückschläge und Durststrecken in den Jahren meiner Selbstständigkeit. Es gab immer wieder Momente der Orientierungslosigkeit und der Existenzangst. Es gab immer wieder Riesenbauchweh vor großen Investitionen – und jedes Mal, wenn ich etwas losgelassen habe, das über Jahre gut funktioniert hatte, aber für mich einfach nicht mehr stimmig war, hatte ich weiche Knie. Alle paar Monate sehne ich mich nach einem sicheren 9-to-5-Job (gibt es die überhaupt noch???) und klicke mich zehn Minuten lang durch Job-Anzeigen – nur um zu erkennen: Das ist es nicht – und mein Weg stimmt!

Solange ich immer wieder mein Herz in die Hand nehme und es über das nächste Hindernis werfe, kann gar nichts schief gehen.

Warum erzähle ich dir das alles also?

Weil viele Menschen zu mir zum Coaching oder zu Seminaren kommen, weil sie einen inneren Ruf spüren. Sie wollen ausbrechen aus dem Leben, das sie führen. Sie wollen so leben, dass ihr Herz dabei singt. Sie spüren etwas in sich, das sich ausdrücken möchte – aber sie wissen nicht, was es genau ist, und auch nicht, wie das funktionieren soll.

Und weil dieses Nicht-Wissen so beängstigend und so lähmend ist, tun sie … nichts.

Sie denken, dass sie den ersten Schritt erst setzen können, wenn sie genau wissen, wohin der Weg sie führen wird, wie ihr Leben aussehen wird, und was sie genau tun werden.

Aber so funktioniert es nicht.

Es funktioniert genau anders herum.

Es genügt, zu wissen, wie du dich FÜHLEN willst.

Es genügt, dieses Gefühl JETZT zu spüren, jetzt, in diesem Moment – auch wenn deine Welt im Außen noch nicht zu diesem Gefühl passt.

Es genügt, bereit zu sein für Veränderung.

Es genügt, ein gewisses Maß an Unsicherheit zu bejahen – in dem Wissen, dass dein Vertrauen in dich und ins Leben jedes Mal wachsen wird, wenn du die Erfahrung machst, dass es immer irgendwie weitergeht.

Vielleicht geht es bei dir gar nicht um Beruf und Berufung, sondern um Beziehungen, oder um deine Kreativität. Oder um deine Gesundheit. Oder um eine große Reise. Egal – das Prinzip ist immer dasselbe.

Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße. 
~ Martin Walser

Der Weg schiebt sich beim Gehen unter deine Füße – aber nur dann, wenn du gehst. Er kann nicht entstehen, wenn du auf der Stelle trittst. Er kann nicht entstehen, wenn du von ihm erwartest, dass er dir aus der Zukunft GPS-Daten auf dein Smartphone schickt, damit du dich in jedem Moment millimetergenau orientieren kannst und niemals Umwege machst.

Mach einen Mini-Schritt. Und dann noch einen. Und noch einen. Setz einen Fuß vor den anderen. Taste dich voran. Spür, wie der Boden dich trägt. Werde mutiger. Selbstbewusster. Kühner und klarer.

Und geh immer an der Angst entlang.

Erlaub der Angst und dem Nicht-Wissen, da zu sein. Aber erlaube ihnen nicht, dich zu lähmen. Bewege dich. Denn dann bewegt sich auch die Vorsehung – und dein Weg entsteht.

Big, wild love

Laya

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