Sehnsucht nach Ganzheit: Verlorene Seelenanteile zurückholen

Jul 14, 2018

Ich hatte mir diesen Moment ganz anders vorgestellt. Ich dachte, ich würde erleichtert sein – war ich aber nicht. Ich dachte, ich würde innerlich jubeln – habe ich aber nicht. Ich dachte, ich würde mich befreit fühlen – fühlte ich mich aber nicht.

Endlich waren sie weg, drei der vier wichtigsten Männer in meinem Leben: mein Bruder, mein Liebster und mein großer Sohn. Endlich hatten sie alle Kartons weggebracht – Unmengen an Kisten, die ich zuvor ordentlich und systematisch beschriftet hatte: Kisten mit Büchern für die Altbuchzentrale, Kisten mit Büchern für den Verkauf, Kisten mit Kleidung für die Volkshilfe, Kisten mit Geschirr, Bett- und Tischwäsche, … auch die vielen blauen Müllsäcke und die zahllosen Kartons mit Altpapier waren endlich weg, entsorgt.

Endlich war ich wieder allein in der Wohnung, wie so oft in den vergangenen Wochen. In jener Wohnung, in der meine Eltern fünfzig Jahre lang gelebt haben, in jener Wohnung, in der wir aufgewachsen sind, mein Bruder und ich.

Vergangenes Jahr starb meine Mutter, die zerbrechliche Königin. Sechs Monate später zog mein Vater in eine kleinere, betreubare Wohnung, und ich begann, mich nicht nur durch die Inhalte von Schränken, Kommoden und Regalen zu wühlen, sondern auch durch die Vergangenheit meiner Eltern und durch meine eigene. Durch meine Prägungen und Kindheitserfahrungen, durch Familienmuster und alte Erinnerungen.  Abend für Abend fuhr ich nach der Arbeit in die Wohnung meiner Kindheit, und hielt – bei schummrigem Licht, weil die meisten Lampen bereits abmontiert waren – tausende Bücher in Händen, hunderte Kleidungsstücke, Woll- und Stoffreste, Aktenordner, Küchenutensilien, Tischtücher, CDs, Schallplatten, Zeitungsausschnitte, Tagebücher, Fotoalben, Dokumente, alte Ski, Rucksäcke, Taschen, Schirme und Walking-Stöcke.

Meine Emotionen fuhren Achterbahn, mein Körper reagierte mit heftigem Niesen, laufender Nase und Augenproblemen, und ich freute mich auf den Tag, an dem ich all das endlich hinter mir haben würde. Ich freute mich darauf, endlich wieder Zeit für mein eigenes Leben zu haben – Zeit, um Freunde zu treffen und ins Fitness-Studio zu gehen, Zeit um Eis zu essen, zu tanzen, zu lesen und zu schreiben.

Doch als sie weg waren, mein Bruder, mein Liebster und mein Sohn, als all die Kisten und Säcke abtransportiert waren und ich wieder allein in der fast leeren Wohnung stand, war keine Freude spürbar. Da war keine Erleichterung und auch kein Aufatmen.

Ich hätte einfach mein staubiges Arbeits-Shirt aus- und meine hübsche Bluse anziehen können, die Tür hinter mir schließen, hinausgehen und den lauen Sommerabend genießen. Ich hätte einfach gehen können, aber es gelang mir nicht. Irgendetwas hielt mich fest – aber ich verstand nicht, was.

Erschöpft ließ ich mich aufs Sofa fallen. Die Wohnung fühlte sich nicht leerer an als ein paar Stunden zuvor, als all die Kisten und Säcke noch herumgestanden waren, und ich fühlte mich um kein Gramm leichter, um keinen Deut freier. Ich hatte das Gefühl, etwas zu suchen, irgendetwas Bedeutsames finden zu müssen, bevor ich die Tür endgültig hinter mir schloss.

Noch einmal ging ich durch die Räume meiner Kindheit. Dabei stolperte ich über eine alte, schwarze Aktentasche meines Vaters, die ich beim Ausmisten übersehen hatte. Ich kramte darin herum – aber ich fand nichts außer einer Packung Taschentücher, einem kleinen Kamm und ein paar Hustenbonbons. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht nach einem Gegenstand suchte, sondern nach etwas anderem.

Schließlich zwang ich mich, Fenster und Balkontür zu schließen, mich umzuziehen, die Wohnungstür hinter mir zuzusperren und nachhause zu fahren.

 

Hello Source. Hello my dear!

Zuhause angekommen fühlte ich mich leer und außer mir, ohne Verbindung zu meinem Körper. Ich nahm eine heiße Dusche, wusch mir die Haare und schrubbte meine Haut mit Meersalz, um mich zu reinigen und wieder zu spüren.

Dann setzte ich mich hin, um zu schreiben. Ich entschied mich für einen Seelendialog – eine Methode, die ich entwickelt habe, um die Botschaften meiner Seele (oder meines höheren Selbst, meiner Essenz, der QUELLE – wie immer man es nennen will), aufs Papier zu bringen:

Hello Source!

Hello my dear!

Source, wonach suche ich? Es tut so weh.

Du suchst nach dir.

Habe ich mich verloren?

Ja.

Wann? Und wo?

Damals. Als Kind.

Ich bin jetzt erwachsen.

Ein Teil von dir, ja.

Und der andere Teil?

Irrt verloren da draußen herum.

Ich will ihn wiederhaben!

Hol ihn dir zurück.

Welcher Teil ist es?

Der, der weiß. Der, der fühlt.

[….]

Source, ich fühle mich mutterseelenallein.

Mutter.Seelen.Allein. Denk darüber nach.

Ich komme nicht auf einen grünen Zweig.

Dann sitzt du auf dem falschen Baum.

Was bedeutet das?

Schlaf darüber. Morgen wirst du es wissen.

Danke, Source.

Ich danke DIR, mein Schatz!

 

Ich kehre zurück zu mir selbst

In der darauffolgenden Nacht hatte ich einen erhellenden Traum, und als ich am nächsten Morgen erwachte, wusste ich, welchen Teil von mir ich verloren und in der Wohnung meiner Eltern gesucht hatte: jenen kindlich-impulsiven Teil, der wild und sinnlich ist, jenen, der seine Emotionen fließen lässt und ausdrückt, ohne Furcht, verstoßen, zurückgewiesen oder abgelehnt zu werden. Jenen Teil, der keine Angst davor hat, „zu viel“ oder „zu anstrengend“ für andere zu sein. Der sich so zeigt, wie er gerade ist und empfindet, ohne Scham und ohne Furcht vor Liebesentzug oder Verlassenwerden.

Ich lud diesen kindlichen Teil, der scheinbar in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, geblieben war, ein, zu mir zurückzukehren – in mein Energiefeld, in meinen Körper.

Danach fühlte ich mich, als wäre ich von einer langen, schweren Krankheit genesen. Noch immer geschwächt und wackelig auf den Beinen – aber auch geklärt, aufgeräumt und dankbar. Ich spürte: Heilung war geschehen. Etwas, das ich seit meiner Kindheit vermisst hatte, war zu mir zurückgekehrt.

 

Ein Teil wird abgespalten

In der Psychologie nennt man die Abspaltung von eigenen Anteilen Dissoziation. Um die intensiven Gefühle und den körperlichen oder seelischen Schmerz nicht spüren zu müssen, wird ein Teil des Selbst abgetrennt. Eine solche Dissoziation kann nicht nur bei traumatischen Erlebnissen wie Unfällen, Missbrauch oder anderen Gewalterfahrungen geschehen – wir verlieren eigene Anteile auch in weniger dramatischen Situationen, vor allem in der Kindheit, wenn wir Ablehnung, Angst oder Unsicherheit erleben.

Auch im Schamanismus spielt das Konzept verlorener Seelenanteile eine zentrale Rolle. Aus schamanischer Sicht können traumatische Erlebnisse zum Verlust von Seelenanteilen führen – sie entfernen sich und trennen sich vom Körper, weil der Schmerz sonst zu groß wäre.

„Die Seelenverluste, mit denen ich meistens arbeite, resultieren vorwiegend aus körperlichen oder seelischen Traumata […]“, schreibt die Psychologin Sandra Ingerman. „Das Trauma, das den Seelenverlust hervorruft, wird oft von Menschen verursacht, die meist selbst Opfer ihrer eigenen Verletzungen sind. Ich führe dies nicht an, um die Täter zu entschuldigen, sondern um die Aufmerksamkeit auf die lange Kette von Seelenverlusten zu richten, wobei eine Generation ihre Verletzungen an die nächste weitergeben kann. […] Seelenverlust ist eine Anpassungsstrategie. Den Körper zu verlassen ist zuweilen der intelligenteste Weg, um der vollen Wucht eines bestimmten Schreckens zu entgehen.“

 

Dissoziation als energetischer Prozess

Willem Lammers, Psychotherapeut und Begründer der Logosynthese, schreibt: „Wenn Menschen, besonders Kinder, ernsthaft körperlich und geistig überfordert werden, ohne dass jemand sie unterstützt, spalten sie Teile der Energie ihres ursprünglichen Selbst ab.“ Diese abgespaltenen (dissoziierten) Teile, so Lammers, sind keine abstrakten, rationalen Konzepte, sondern „erstarrte energetische Strukturen im dreidimensionalen Raum“. Lammers beschreibt das Beispiel einer Frau, die bei einem Sturz ein Trauma erlitt. Sie war danach jahrelang orientierungslos, und griff oft zwanzig Zentimeter daneben, wenn sie einen Schlüssel ins Schloss stecken oder nach einer Türschnalle greifen wollte. In einer Therapiesitzung nahm Lammers eine Licht/Energie-Erscheinung zwanzig Zentimeter neben dem physischen Körper der Frau wahr. Im Laufe der folgenden Sitzungen holte die Frau den Teil ihres Selbst, der bei dem Unfall abgespalten worden war, wieder zu sich zurück.

In der yogisch-energetischen Psychologie sind ähnliche Phänomene bekannt. Schwierige Erfahrungen können unser Energiesystem aus der Balance bringen und die lineare Anordnung der Chakras stören. Einzelne oder mehrere Chakras „verrutschen“, der Energiefluss wird blockiert, die Auswirkungen zeigen sich auf körperlicher, mentaler und seelischer Ebene.

Egal, welches Erklärungsmodell wir heranziehen – durch die Abspaltung von Seelenanteilen kommt uns Energie abhanden, die dann im täglichen Leben fehlt. Müdigkeit, Antriebs- und Freudlosigkeit sind die Folge – häufig entstehen auch Süchte.

 

Sucht als Suche nach verlorenen Anteilen

Sucht – egal, ob Ess-, Arbeits-, Sport- oder Sexsucht – hat oft mit einer Suche zu tun – mit der Suche nach verlorenen Anteilen.

Aber kein Suchtverhalten, keine Ablenkung, keine Flucht können auf Dauer unsere Sehnsucht stillen – irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir uns nichts mehr vormachen können. Dann wird uns bewusst, dass keine Nahrungsergänzungsmittel, kein Bewegungsprogramm, kein perfektes Zeitmanagement, keine regelmäßige Yogapraxis, kein neues Outfit, kein neuer Partner und kein Wellness-Urlaub uns das zurückgeben können, wonach wir wirklich suchen.

Dann wird uns bewusst, wie weit wir uns von uns selbst entfernt haben.

Dann ist die Zeit gekommen, um uns dem alten Schmerz zu stellen – weil er weniger weh tut als der Schmerz darüber, nicht ganz lebendig zu sein und Teile unserer selbst zu vermissen.

Egal, ob Schamanismus, Psychotherapie, Klopftechnik, Dämonen füttern oder eine alte Wohnung entrümpeln: Heilung geschieht. Unsere getrennten Seelenanteile sehnen sich nacheinander und werden wieder zueinander finden, wenn wir ihrem Ruf folgen.

Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.
~ Bettina von Arnim

Vielleicht werden wir, solange wir Menschen hier auf Erden sind, nie zu hundert Prozent heil und ganz sein. Aber die Sehnsucht nach Ganzheit trägt schon Heilung in sich. Und jeder verlorene Anteil, der zu uns zurückkehrt, schenkt uns Lebendigkeit und Energie zurück.

Lass Heilung geschehen!

Big, wild love

Laya

Foto:  Daiga Ellaby on Unsplash

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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