Die Wahrheit über weiblichen Selbstwert

Okt 6, 2018

Das Leben hat mir in den letzten Tagen ein ganz besonderes Bühnenstück präsentiert – eines mit dem schönen Titel „Frau, wie viel bist du dir wert?“

Manchmal war ich selbst auf der Bühne, manchmal im Publikum. Und bei jeder Szene dachte ich: „Oh Göttin, waren wir nicht schon viel, viel weiter?“

Nein, waren wir nicht. Denn wir selbstbewussten, selbstverwirklichten, emanzipierten Frauen haben uns in die eigene Tasche gelogen. Wir haben uns vieles schöngeredet, weil wir nicht (mehr) kämpfen wollten. Wir haben versucht, unsere blinden Flecken mit glitzerndem Sternenstaub wegzuzaubern, weil die Wahrheit zu schambehaftet und entwürdigend war, um ihr ins Auge zu blicken.

 

Der Vorhang hebt sich. Szene 1.

Es treten auf: fünf selbstbestimmte, selbstverwirklichte Frauen in den besten Jahren.

Montagvormittag, ein regnerischer 1. Oktober, Süßkartoffelsuppe. Geburtstagsbrunch bei einer lieben Freundin – was für ein Luxus! Da sitzen wir, während andere in der Arbeit sind, und genießen Schafkäse-Aprikosen-Aufstrich, süße Powerbällchen, wärmende Suppe und die gemeinsame Zeit.

Wir könnten so glücklich sein. Sind wir auch. Aber nicht nur.

Denn wir sind auch wütend. Ratlos. Ernüchtert.

„Ich habe mich für eine emanzipierte, selbstbewusste Frau gehalten!“, ruft eine von uns. „Aber dann habe ich mir meinen Stundenlohn ausgerechnet und war schockiert!“

Ihr Ausbruch bricht den Bann. Plötzlich sprudelt es aus jeder von uns heraus. Über gemeinsame und getrennte Konten sprechen wir, und darüber, wie frustrierend es ist, dass unsere Partner besser verdienen und mehr Anerkennung bekommen als wir, die wir so viel unsichtbare Arbeit in unseren Familien leisten. Ja, da sitzen wir, fünf bestens gebildete Frauen und Mütter, die dieses Thema längst hinter sich gebracht zu haben meinten. Da sitzen wir, zucken mit den Achseln, runzeln die Stirn, greifen uns an die Köpfe und können es kaum fassen.

Autsch.

Vorhang. Szene 2.

Es treten auf: Mein Bruder, mein Vater, mein Mann, mein Exmann und mein Sohn.

„Ich bin eben nicht so engagiert wie du“, sagt mein älterer Bruder. Mit „engagiert“ meint er, dass ich mich in den vergangenen Jahren um unsere zuerst schwer kranke, dann sterbende Mutter gekümmert habe, und mich nun um unseren an Demenz erkrankten Vater kümmere, während er eine beeindruckende Karriere in einem Software-Unternehmen hinlegt.

„Engagement“ ist nicht unbedingt das Wort, das mir dazu einfallen würde. „Tun, was zu tun ist“, würde ich es eher nennen.

Mein Bruder fährt neuerdings einen schicken BMW. Das Fahrrad, mit dem ich unterwegs bin, sieht im Vergleich dazu ziemlich klapprig aus.

„Warum haben wir eigentlich kein Haus?“, fragt mein Sohn. Während ich ihn allein großgezogen habe, hat sein Vater, mein erster Mann, Doktorat, Habilitation und Karriere in einem Forschungsunternehmen gemacht. Beim Studium habe ich ihn noch überholt und mit Auszeichnung abgeschlossen. Doch dann wurde ich schwanger und wir trennten uns. Ich wollte unseren Sohn nicht schon mit sechs Monaten in die Krabbelstube bringen. Ich wollte ihn nicht erst am Abend vom Kindergarten oder Hort abholen. Und so endete meine Laufbahn als Wissenschaftsjournalistin, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Und ach ja, Haus habe ich auch keines gebaut.

Mein Liebster arbeitet 35 Stunden pro Woche, ich mindestens 50. Ich habe sehr viel mehr in Ausbildungen investiert als er. Dennoch verdient er besser als ich. Mein Liebster arbeitet in der Mobilfunkbranche, ich bin Schreibtherapeutin und leite ein Yogastudio. Viele Menschen leisten sich jedes Jahr ein neues Smartphone um mehrere hundert Euro, aber nur wenige investieren so viel Geld in ihre innere Entwicklung.

Versteh mich nicht falsch – ich übernehme volle Verantwortung für jede Entscheidung, die ich getroffen habe, ich habe größten Respekt vor der Arbeit meines Liebsten, meines Bruders und meines Exmannes, und ich würde keinesfalls tauschen wollen. Weder mein Fahrrad gegen einen BMW noch meine geliebte Arbeit oder die heilige Zeit, die ich mit meiner Mutter verbringen durfte, gegen einen Job als Physikerin oder in einer Software-Schmiede.  Und schon gar nicht das Gefühl, das mich überschwemmt hat, als mein Sohn an seinem sechzehnten Geburtstag sagte: „Mama, du hast alles richtig gemacht!“, gegen eine Karriere als Wissenschaftsjournalistin.

Und doch.

Und doch bleibt da eine kleine, stets im Hintergrund mitschwingende Kränkung. Meistens ist sie mir gar nicht bewusst – aber sie nagt an mir. Sie macht etwas mit mir als Frau. Und es erfordert tägliche innere Arbeit, um keine Bitterkeit und kein Opfergefühl aufkommen zu lassen angesichts der gesellschaftlichen Schieflage, die sich eins zu eins in meiner familiären Situation, in meinem Kontostand und in meinen Pensions-Aussichten widerspiegelt.

Manchmal denke ich: „Wow! Wahnsinn, was ich trotz schwieriger Umstände alles geschafft und auf die Beine gestellt habe!“

Aber meine Generation ist mit dem Versprechen aufgewachsen, dass sich ALLES ausgehen würde: Kinder und Karriere, Selbstverwirklichung und Haus in Alleinlage, perfekte Figur und Traum-Beziehung, und dass wir am Ende unserer erfüllten Tage nicht bis auf die Knochen erschöpft ins Bett, sondern in supersexy Unterwäsche und mit perfekt lackierten Zehennägeln in die Arme unseres nicht minder perfekten Partners sinken würden.

Erschöpft statt supersexy? Du hast wohl deine Möglichkeiten nicht genutzt, Baby!

Erschöpft statt supersexy? Du hast wohl deine Möglichkeiten nicht genutzt, Baby!

 

Genau deshalb ist da auch noch eine andere Stimme. Eine, die mir keine Anerkennung zollt, sondern ein hartes Urteil fällt: Gescheitert. Kläglich versagt. Du hattest alle Möglichkeiten – aber du hast sie nicht genutzt.

Autsch.

 

Vorhang. Szene 3.

Es tritt auf: Eine Freundin, die absolute Expertin auf ihrem Fachgebiet ist, erfolgreiche Anbieterin einer einzigartigen Ausbildung, gebildet, erfahren, herzlich und klug. Ihre Qualifikationen und ihr Methodenspektrum sind beeindruckend.

Doch der Schwerpunkt ihrer Arbeit verlagert sich gerade, und diese Veränderung löst Verunsicherung aus. „Ich glaube, ich brauche noch eine Ausbildung“, seufzt sie. Als ich höre, mit welcher Fortbildung meine Freundin liebäugelt, schlackere ich mit den Ohren. Ich habe das Gefühl, sie könnte diese locker selbst HALTEN, statt an ihr teilzunehmen. Ernsthaft frage ich mich, ob sie vielleicht unter Impostor-Syndrom leidet – oder ob sie einfach nur eine von den vielen Frauen ist, die ihren Wert, der nach außen so deutlich sichtbar ist, nicht erkennen.

Autsch.

Der Vorhang fällt. Kein Applaus.

Selbstbestimmtheit, Erfüllung und Selbstverwirklichung sind das eine. Geld auf dem Konto ist das andere. Uns einzureden, dass das eine das andere aufwiegen würde, ist ein fataler Mindset-Fehler. Wir brauchen BEIDES – denn Wert zeigt sich AUCH in Euros.

Wir Frauen haben Aufholbedarf. Unsere Generation hat viel mehr Freiheit und Wahlmöglichkeiten als die unserer Mütter und Großmütter – dennoch bleiben wir hinter unseren Möglichkeiten zurück, weil wir das Erbe jahrhundertelanger Ungerechtigkeit in uns tragen.

Doch so lange wir unseren Wert selbst nicht erkennen, wird sich nichts ändern. So lange wir darauf warten, dass „die Gesellschaft“ das, was wir sind und leisten, anerkennt und entsprechend honoriert, werden wir uns klein, minderwertig und als Opfer fühlen.

Es ist schmerzhaft, zu begreifen, wie es um uns Frauen und unseren Selbstwert wirklich steht.

Aber das Erkennen und der Schmerz, der mit ihm einhergeht, sind die ersten Schritte zur Heilung.

Das An- und Aussprechen, das Überwinden der Scham, die uns verstummen lässt, sind die nächsten.

Und das Zulassen von Wut und Ent-Täuschung gibt uns Kraft für Veränderung – im Innen wie im Außen.

Learn the alchemy True Human Beings know: the moment you accept what troubles you’ve been given, the door opens.

Welcome difficulty as a familiar comrade.

Joke with torment brought by a Friend.

Sorrows are the rags of old clothes and jackets that serve to cover, and then are taken off.

That undressing, and the beautiful naked body underneath, is the sweetness that comes after grief.

~ Rumi

Eindeutig: Ein neues Theaterstück muss her!

Und ich habe beschlossen, das Drehbuch selbst zu schreiben, Regie zu führen und die Hauptrolle zu übernehmen.

Ich sehe mich mit anderen Königinnen feiern. Kein Haareraufen mehr, und keine Ratlosigkeit. Ich sehe freudestrahlende Augen, lustvolle Lebendigkeit, üppige Fülle, zufriedenes Lachen und tiefe Verbundenheit.

Ich sehe mich mit sechzig immer noch mit dem Fahrrad durch die Gegend flitzen – aber nicht, weil ich mir keinen BMW leisten könnte, sondern weil ich es liebe, den Wind im Haar und die Kraft meiner Beine zu spüren, während ich mich von A nach B bewege.

Ich sehe meinen Sohn in einer WIRKLICH gleichberechtigten Beziehung mit einer WIRKLICH selbstbestimmten, emanzipierten und selbstbewussten Frau, und ich sehe Enkelkinder, die sich nicht mal mehr daran erinnern können, dass jemals Ungerechtigkeit geherrscht hat zwischen den Geschlechtern.

Ich sehe mich auf die Bühne meines Lebens treten, ich höre begeisterten Applaus und bin ganz berührt von den standing ovations im Zuschauerraum.

„Es hat eine Weile gedauert“, steht am nächsten Tag in der Zeitung, „aber als sie endlich selbst ihren Wert erkannte, wurde sie zu jener grandiosen Lebenskünstlerin, die schon immer in ihr steckte.“

Die Göttin, zu der ich einst mein Stoßgebet geschickt habe, zwinkert mir zu und sagt: „Na siehst du, Layakind – war doch gar nicht so schwierig!“

And I’m joyfully tasting the sweetness that comes after grief …

 

Oh Göttin! Du hast es von Anfang an gewusst: Es ist gar nicht so schwierig!

Oh Göttin! Du hast es von Anfang an gewusst: Es ist gar nicht so schwierig …

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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