Wie wär’s mal mit der Wahrheit?

Feb 19, 2016

Yoga macht schön, Yoga macht schlank, Yoga hält jung, Yoga bringt das Sexleben auf Vorderfrau, Yoga ist DIE Wunderpille für und gegen alles. Oh Göttin. Wie wär’s mal mit der Wahrheit?

Ich geb’s ja zu. Auch in meinen Stunden lasse ich – mehr oder weniger beiläufig – all die positiven Wirkungen des Yoga auf meine SchülerInnen niederprasseln. Der Schulterstand hilft gegen Falten, der Drehsitz regt die Verdauung an, die geschlossene Winkelhaltung lindert Menstruationsbeschwerden. Am liebsten erzähle ich, wie beruhigend der Hund auf das Nervensystem wirkt, wie entspannend auf die Nackenmuskulatur, und wie wohltuend auf den ganzen Organismus, weil der Kopf endlich mal tiefer hängt als der Hintern. Ja, es macht Spaß, Yogis und Yoginis auf den Matten schwitzen zu sehen, Ujayi atmen zu hören und ihnen dabei Geschichten zu erzählen.

Weniger gerne erwähne ich, was William J. Broad in “The Science of Yoga” auf den Punkt bringt (bezeichnenderweise wurde der Original-Untertitel “The Risks and the Rewards” mit “Was es verspricht – und was es kann” übersetzt). Der Autor zitiert Studien, wonach Yoga die aerobe Ausdauer wenig bis gar nicht verbessert, und – von wenigen körperlich sehr anspruchsvollen Stilen abgesehen – den Stoffwechsel sogar verlangsamt.

Also mal ehrlich … wer hat eigentlich damit angefangen, Yoga zu VERKAUFEN? Die Marketingmaschinerie der Yogaindustrie – das Pendant zur Pharmaindustrie, nur mit drei übereinander angezogenen Deckmäntelchen, dem der Ganzheitlichkeit, dem der östlichen Exotik und – am allerschlimmsten – dem der Spiritualität?

yoga aktuell, die führende Yogazeitschrift im deutschsprachigen Raum, nennt sich “Magazin für Yoga & spirituellen Lifestyle”. Patanjali würde sich im Grabe umdrehen, falls er eines hätte (ich nehme an, er hat sich in einen Regenbogen aufgelöst statt zum schnöden Leichnam zu werden). Man muss dem  Magazin zugute halten, dass es sich um eine differenzierte Sicht der Dinge bemüht und auch kritische Stimmen zum aktuellen Yoga-Hype und all seinen Blüten bringt. In der aktuellen Ausgabe, in der es um die Heilkraft des Yoga geht, werden zum Beispiel auch die Grenzen eben dieser Heilkraft thematisiert.

In dieser Ausgabe schreibt Doris Iding:

“Und dann irgendwann, eines Tages, wenn Sie aufhören, Ihren Fokus auf die heilende Wirkung des Yoga zu legen, und Yoga seiner selbst wegen machen, weil Sie mit etwas in Ihnen selbst in Kontakt gekommen sind, was unzerstörbar und unverletzbar ist, dann ist der Moment erreicht, an dem Sie an Kleinigkeiten im Alltag – wie z.B. dem Ausbleiben von Migräne oder an der Gelassenheit, die Sie penetranten Mitmenschen entgegenbringen – erleben, dass Sie schon viel weiter auf dem Weg der Heilung vorangeschritten sind, als Sie gedacht haben. Und dieser Moment wird Sie mit unendlich tiefer Glückseligkeit erfüllen.”

Ich praktiziere seit Jahren fast täglich Yoga. Meine Migräne ist deshalb nicht ausgeblieben. (*) Ich habe so viel meditiert, dass mein Sitzkissen sich der Form meines Allerwertesten angepasst hat, ich habe so viele Verbeugungen gemacht, dass meine Matte durchgewetzt war. Was soll ich sagen – ich bin penetranten Mitmenschen gegenüber weitaus weniger gelassen als früher. Und Momente unendlich tiefer Glückseligkeit? An einer Hand abzuzählen.

Genau das ist der Punkt, an dem Yoga tatsächlich WUNDER WIRKT. Es macht ehrlich. Es zerstört Stück für Stück alle Bilder, die wir von uns selbst haben, es demaskiert uns und macht uns nackt. In meinen Augen ist das die tiefste Form von Heilung.

 Ich versuche nicht mehr, gegen meine Migräne anzupraktizieren oder sie wegzumeditieren. Sie darf da sein. Ich versuche nicht mehr, ein besserer Mensch zu werden. Meine Ungeduld und meine Intoleranz dürfen sein (und auch penetrante Menschen dürfen sein, nur bitte nicht in meiner Nähe).

Yogis und Yoginis, ich rufe euch auf: Sagt der Um-zu-isierung den Kampf an, stoppt die Verzweckung, rollt eure Matten aus – aber nicht, um schöner, fitter oder faltenfreier zu werden, sondern echter, authentischer und menschlicher! Tappt nicht in die Selbstoptimierungsfalle, werdet nicht übermenschlich, sondern MENSCHLICHER, von Tag zu Tag!

Let the magic happen. Aber bitte nicht aus Gründen des Lifestyles. 

Ich versuche nicht mehr, gegen meine Migräne anzupraktizieren oder sie wegzumeditieren. Sie darf da sein. Ich versuche nicht mehr, ein besserer Mensch zu werden. Meine Ungeduld und meine Intoleranz dürfen sein (und auch penetrante Menschen dürfen sein, nur bitte nicht in meiner Nähe).

Yogis und Yoginis, ich rufe euch auf: Sagt der Um-zu-isierung den Kampf an, stoppt die Verzweckung, rollt eure Matten aus – aber nicht, um schöner, fitter oder faltenfreier zu werden, sondern echter, authentischer und menschlicher! Tappt nicht in die Selbstoptimierungsfalle, werdet nicht übermenschlich, sondern MENSCHLICHER, von Tag zu Tag!

Let the magic happen. Aber bitte nicht aus Gründen des Lifestyles. 

In reality, what he [the guru] offers them [his disciples] is guidance toward accepting their imperfect, finite existence in an ambiguos and ultimately unmanagable world.

In Wirklichkeit führt der Lehrer seine Schüler nur dazu, ihre unvollkommene, endliche Existenz in einer ungewissen und letztlich nicht kontrollierbaren Welt zu akzeptieren. . ~ Sheldon B. Kopp 

In reality, what he [the guru] offers them [his disciples] is guidance toward accepting their imperfect, finite existence in an ambiguos and ultimately unmanagable world.

In Wirklichkeit führt der Lehrer seine Schüler nur dazu, ihre unvollkommene, endliche Existenz in einer ungewissen und letztlich nicht kontrollierbaren Welt zu akzeptieren.
~ Sheldon B. Kopp 

(*) Meine Migräne ist im Laufe der Jahre seltener und leichter geworden, ich spüre sie früher kommen und kann schneller Gegenmaßnahmen einleiten. Meine Allergie wird von Jahr zu Jahr besser, mein Bewegungsapparat ist kräftiger und geschmeidiger als je zuvor, meine Venenprobleme haben sich in Luft aufgelöst, und Yoga hat mir geholfen, meine Essstörung zu bewältigen. Das alles ist wunderbar, aber nicht die Hauptsache. Aus meiner Sicht liegt die Stärke des Yoga darin, die Illusion der Getrenntheit von Körper und Geist aufzuheben. Der Atem ist das verbindende Element, und je vertrauter wir uns mit ihm machen, desto mehr kann sich der Geist im Körper niederlassen. Und nichts anderes ist für mich Glückseligkeit:  als dass der Geist dort ankommt, wo der Körper gerade ist – im Hier und Jetzt.

Foto: © Elena Ray – Fotolia.com

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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