Einmal Ja sagen, ohne die Frage zu kennen

Dez 22, 2018

Vor vielen Jahren habe ich meinem damaligen Lebensgefährten zu Weihnachten ein kleines Tannenbäumchen geschenkt, an dem mindestens fünfzig selbstgebastelte Gutscheine hingen. Vielleicht war es aber auch ein Ficus Benjamin, den ich ihm zum vierzigsten Geburtstag überreicht habe, und es waren nur vierzig Gutscheine. Wie gesagt, es ist viele Jahre her, und meine Erinnerungen verschwimmen.  

Auf einem der Gutscheine stand jedenfalls, da bin ich mir sicher, „Einmal Ja sagen, ohne die Frage zu kennen“. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe. Hatte ich etwa gehofft, der gute Mann würde eines Tages um meine Hand anhalten? Ob er den Gutschein jemals eingelöst hat, weiß ich nicht mehr. Um meine Hand hat er nicht angehalten, daran könnte ich mich dann wahrscheinlich doch erinnern.

Wie auch immer – kürzlich schrieb mir besagter Ex-Lebensgefährte ein SMS und bat mich, Ja zu sagen, ohne die Frage zu kennen. Zum Glück wollte er mich nur zum Essen einladen und nicht zum Bungee Jumpen!

Dieses bedingungslose Ja-Sagen-ohne-die-Frage-zu-kennen hat mich nicht nur an das Weihnachts- bzw. Benjamin-Bäumchen erinnert, sondern auch an etwas anderes. Ans Leben nämlich.

Ich glaube, dass es das ist, was das Leben von uns will. Ein rückhaltloses Ja. Und kein zögerndes „Ja, aber“.

 

Kein “Ja, aber”

Kein „Ja, aber nur wenn du nett zu mir bist“. Kein „Ja, aber nur, wenn immer die Sonne scheint.“ Kein „Ja, aber nur, wenn ich niemals ernsthaft krank werde, niemals meinen Job verliere, niemals betrogen, bitter enttäuscht oder bis auf die Grundfesten meines Seins erschüttert werde. Dafür verspreche ich auch, immer brav den Müll zu trennen, die Wahrheit zu sagen, die Katze zu streicheln und täglich Zahnseide zu benutzen.“

So etwas akzeptiert das Leben nicht. Es will uns ganz. Und wenn wir uns nicht freiwillig völlig rückhaltlos (hin)geben, dann zwingt es uns dazu. Oder es dreht den Spieß um, und gibt sich uns auch nicht mehr ganz – in all seiner Intensität, mit all seinen schwindelerregend hohen Höhen und erschreckend tiefen Tiefen. Dumpfheit nennt man das dann. Halbschlaf. Und ich vermute, wir würden es irgendwann bitter bereuen, uns nicht mit Haut und Haar auf das Leben eingelassen zu haben.

Listen.
Are you breathing just a little and calling it a life?
~ Mary Oliver

Denn das Leben ist ein Geschenk. Ein großes, großes Päckchen. So groß, dass wir es nur nach und nach auspacken, erfassen und begreifen können. ALLES ist in diesem Gesamtpaket enthalten: höchste Freude und tiefster Schmerz. Innigste Verbundenheit und abgrundtiefe Einsamkeit. Große Erfolge und bittere Misserfolge. Triumphe und Niederlagen. Visionen und Enttäuschungen. Tode und Wiedergeburten.

Und da stehen wir kleinen Menschlein und wollen nur einen Teil davon. Hm, nö, ich nehm nur das Angenehme, alles andere geb ich wieder zurück. Ich pick mir die Rosinen raus, den Rest soll jemand anderer nehmen.

 

Rosinen machen nicht satt

Aber so war das nicht ausgemacht. Auf einen solchen Deal lässt das Leben sich nicht ein. Und so hast auch DU das nicht unterschrieben. Denn die Wahrheit ist: Du HAST dich längst entschieden. Du BIST auf diese Welt gekommen. Du HAST bereits JA gesagt. Und es war ein JA zu ALLEM, nicht nur zu Sonnenschein und lauem Lüftchen, sondern auch zu Sturm, Hagel und Unwetter. Nicht nur zum süßen Duft der Rosen, sondern auch zu ihren Dornen. Nicht nur zu Verliebtheit und wonnigen Momenten, sondern auch zu Trennungsschmerz, Abschied und Trauer.

Ganz ehrlich: Würden wir satt werden, würden wir uns ausschließlich von Rosinen ernähren? Würden wir uns ganz und gar lebendig fühlen, würden wir das ganze Leben in einer Wellness-Oase verbringen, oder an der Küste Gran Canarias mit Blick aufs Meer? {Das war für dich, Flamingi. Wenn du kein Flamingi bist, musst du es nicht verstehen 😊 }

Ganz ehrlich: Mir fiel und fällt es nicht immer leicht, aus ganzem Herzen Ja zum Leben zu sagen. Die materielle Welt ist mir oft viel zu laut, zu anstrengend, zu träge, zu mühsam, zu unkontrollierbar, zu wenig perfekt, zu … materiell. Und zu weltlich 😉

Aber es gibt auch Momente, in denen ein solches Ja ganz zärtlich und echt und hinreißend innig in mir schwingt. Ich kann es nicht erzwingen – aber ich kann es herbeilocken. Raum dafür schaffen. Ich kann zumindest offen sein für den Zauber des Lebens und seine Schönheit.

 

Was hilft, um JA zum Leben zu sagen?

 

# 1 Das Leben als Geschenk begreifen

Manchmal ist es einfach, das Leben als Geschenk zu sehen. Wenn wir in der Meditation kristallklare und unendlich liebevolle Momente erleben. Wenn unsere Kinder vor Glück juchzen und sich prächtig entwickeln. Wenn wir eng umschlungen in den Armen des Liebsten liegen. Wenn der Flieger gerade Richtung Bali abhebt und wir wissen, dass wir die Winterstiefel demnächst gegen Flipflops tauschen werden. Ja, solche Momente sind ein Geschenk, und es macht absolut Sinn, sie bis auf den letzten Tropfen auszukosten und uns immer wieder an sie zu erinnern.

Schwieriger wird es, wenn das Leben uns einiges abfordert. Wenn es uns an unsere Grenzen bringt,  und darüber hinaus. Wenn schmerzhafte Gefühle uns überschwemmen, wenn der Druck ganz groß wird oder die Sorgen übermächtig, wenn die Kinder kotzen statt kichern, wenn der Liebste in den Armen einer anderen  liegt statt in den eigenen, wenn wir uns klein, unbedeutend und unfähig fühlen, und dem Leben nicht gewachsen.  

Someone I loved once gave me a box full of darkness.
It took me years to understand that this too, was a gift.
~ Mary Oliver

Hm. Soll DAS wirklich ein Geschenk sein?

Ja. „Alles ist fantastisch, bloß weil es geschieht“, pflegte einer meiner ersten buddhistischen Lehrer zu sagen – und recht hatte er.

Dieses unglaubliche Schauspiel, das sich Leben nennt, dieses monumentale Meisterstück, das sich Moment für Moment neu entfaltet und vollzieht, dieses Kunstwerk, von dem wir Teil sind und das wir mitkreieren dürfen – es ist ein Wunder. ALLE Töne und Farben gehören dazu – nicht nur die harmonischen. Und nur wer erkennt, dass auch das scheinbar Unharmonische am Ende zur Harmonie des Ganzen beiträgt, kann dieses Schauspiel wirklich genießen.

Gerade die schwierigen Momente, in denen alles aus den Fugen gerät, in denen innerer und äußerer Frieden in unerreichbare Ferne zu rücken scheinen, sind oft die größten Geschenke – denn sie werfen uns auf uns selbst zurück. Sie helfen uns, in uns selbst zu finden, was wir im Außen niemals auf Dauer haben werden: Frieden. Geborgenheit. Sicherheit. Und Zuversicht.

Je intensiver, offener und „einverstandener“ wir in Vollkontakt mit diesen schwierigen Momenten gehen, desto intensiver werden wir auch die Glücksmomente erleben. Es ist eine einfache Gleichung: Je tiefer wir in die Tiefen tauchen, desto höher werden uns die Strömungen des Lebens auch wieder in luftige Höhen hinauftragen.

Einer meiner größten Lehrmeister in diesem Jahr war das Weitwandern. Auf dem Johannesweg zum Beispiel ging es permanent bergauf und bergab. Aber ich war darauf vorbereitet. Immer, wenn es wieder steil bergauf ging, rief ich innerlich „Juhu, es geht bergauf!“ Immer, wenn es wieder steil bergab ging, rief ich innerlich: „Juhu, es geht bergab!“ Das hat mir ungemein geholfen, die schmerzenden Zehen und die müden Oberschenkelmuskeln nicht mehr ganz so ernst zu nehmen.

Besagter Ex-Lebensgefährte (der mit dem Bäumchen), ist übrigens Mediator. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte er einmal, er liebe Probleme. Klar, ohne sie wäre er arbeitslos. Aber wäre das nicht auch für uns Nicht-MediatorInnen eine schöne Lebenseinstellung? „Juhu, ein Problem! Ich liiiieeebe Probleme!“

{Ich weiß, es ist nicht mehr opportun, von Problemen zu sprechen. Wir sagen heute lieber „Herausforderungen“. Oder „Challenges“.  Oder „spannende Erfahrungen“. Das ist übrigens keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Auch Buddha sah das schon so – mehr dazu weiter unten.}

 

# 2 Nichts bleibt, wie es ist

Während ich das schreibe, ziehen dichte Wolken rasend schnell über den Dezemberhimmel, es ist ein stürmischer Tag, und schon seit den frühen Morgenstunden schüttet es wie aus Eimern.

Doch plötzlich, als ich einem inneren Impuls folge und zum Fenster hinausschaue, zeigen sich helle Sonnenflecken am Haus gegenüber. Ich erhasche einen Blick auf ein zartblaues Stück Himmel, das sich mitten im düsteren Grau auftut. Ein paar Augenblicke später ist es schon wieder verschwunden.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Und auch der Wetterbericht war felsenfest davon überzeugt, dass es den ganzen Tag über tief bewölkt und regnerisch sein würde.

Dieser Wetterbericht ist so etwas wie unsere innere Einstellung in den schwierigen Phasen des Lebens. Vielleicht glauben wir, dass es immer so bleiben wird. Dass es sich „einregnen“ und der Himmel bis an unser Lebensende düster verhangen sein wird. Aber oft genügt es schon, den Blick zu heben und zum Himmel zu richten. Oft genügt ein Perspektivenwechsel, um wieder zu wissen: Eines nicht allzu fernen Tages wird die Sonne wieder aus einer ungetrübten blitzblauen Unendlichkeit auf uns herabscheinen.

Es gibt wenig, das wirklich sicher ist, aber die Tatsache, dass nichts so bleiben wird, wie es ist, gehört dazu.

Das immer wieder zu vergegenwärtigen, kann uns nicht nur helfen, die Talsohlen unseres Lebens vertrauensvoll zu durchschreiten, sondern auch, nicht an den Glücksmomenten hängen zu bleiben und die Gipfelerlebnisse für das Ziel zu halten statt für einen Teil des Weges. Und das ist wichtig!

Wie gesagt, wir dürfen diese Momente in vollen Zügen genießen. Das können wir aber umso mehr, wenn wir uns ihrer Vergänglichkeit bewusst sind, wenn wir nicht daran anhaften und uns wünschen, es möge immer so bleiben, wie es ist. Wenn wir abschiedlich leben.  

Am Ende werden wir sowieso von allem Abschied nehmen müssen – und ich bin ziemlich sicher, das wird uns leichter fallen, wenn wir uns schon unser ganzes Leben lang darin geübt haben.  

To live in this world you must be able to do three things:
to love what is mortal;
to hold it against your bones knowing your own life depends on it;

and, when the time comes to let it go, to let it go.
~ Mary Oliver

 

# 3 Die Fragen lieben

Wir können, wie Rilke so schön schrieb, „Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben“.  Dann, so meinte er, würden wir „vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein“ leben.

Ja, wir Menschen haben Fragen – oft brennende -, und wollen Antworten darauf haben. Wir suchen nach Sinn, und das ist gut so. Denn in allem einen Sinn zu sehen – oder zumindest darauf zu vertrauen, dass alles einen Sinn hat -, gibt uns Halt.  

Sinn findet sich jedoch oft jenseits des Wissens und Verstehenwollens.

Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt.
~ Der Buddha

Es kann ungemein erleichternd sein, wenn wir uns erlauben, nicht wissen zu müssen, wozu etwas gut ist, was es uns lehren und wohin es uns führen will.

Es genügt, darauf zu vertrauen, dass sich das große Bild irgendwann zeigen wird. Oder zumindest darauf, dass es das große Bild GIBT, auch wenn es sich uns nicht erschließt. Es reicht, Teil dieses Bildes zu SEIN, vielleicht müssen und können wir es gar nicht in seiner Ganzheit und in all seinen Dimensionen erkennen.

Es tut gut, nichts tun, nichts reparieren, und nichts verstehen zu müssen. Es tut gut, nicht zu erwarten, dass wir jederzeit Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens parat haben müssen. Bekanntlich ändert das Leben die Frage sowieso, sobald wir die Antwort wissen … womit wir wieder beim Ja-sagen-ohne-die-Frage-zu-kennen angelangt sind, und der Kreis sich schließt.

Während dieses grandios bewegte, schwierige, verrückte, beglückende und entzückende Jahr sich dem Ende zuneigt, flüstere ich dem neuen Jahr, das mir während der Rauhnächte seine zarten Botschaften schickt, hingebungsvoll zu:

Komme, was wolle – ich sage JA zu dir.

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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