Wenn Selbstverantwortung zum Gefängnis wird – die große Unabhängigkeitslüge
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„Man kann sein inneres Kind sozusagen nicht anderen Menschen auf den Schoß setzen.“
Es gibt Sätze, die uns genau zur richtigen Zeit begegnen.
Sie schenken uns Orientierung, holen uns aus der Ohnmacht und helfen uns, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen.
So ging es mir mit diesem Zitat der Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin Luise Reddemann.
Er hat mich viele Jahre begleitet und mir geholfen, die Bedürfnisse meines inneren Kindes nicht auf meinen Partner, auf Freund:innen oder die eigenen Eltern zu projizieren. Er hat mich ermächtigt, selbst Verantwortung für mich und meine jüngeren inneren Anteile zu übernehmen.
Ich glaube bis heute, dass darin eine wichtige Botschaft liegt.
Aber ein Satz, der uns ursprünglich ermächtigt hat, kann uns später begrenzen und schwächen.
Was einmal Medizin war, kann irgendwann zu Gift werden.
Wenn ein hilfreiches Skript kippt
Viele von uns sind mit der Überzeugung groß geworden, dass andere Menschen unsere Bedürfnisse erfüllen müssen.
Deshalb kann der Gedanke, „Ich kann für mich selbst sorgen“, unglaublich befreiend sein.
Es kann sich großartig anfühlen, in die eigene Souveränität und Unabhängigkeit hineinzuwachsen.
Er gibt uns Selbstbestimmung zurück und erinnert uns daran, dass wir dem Leben nicht hilflos ausgeliefert sind.
Und ich hätte niemals die Deep Journaling entwickelt und meine Programme und Ausbildungen kreiert, würde ich nicht zutiefst daran glauben, dass unser Mind mächtig ist. Und dass ein einziger neuer, bewusst gewählter Gedanke, unserem Leben eine völlig neue Richtung geben kann.
Das ist für mich Selbstermächtigung – und Selbstverantwortung – pur.
Doch was passiert, wenn dieses hilfreiche Skript kippt?
Wenn aus einem ermächtigenden „Ich kann für mich selbst sorgen“ ein toxisches „Ich brauche niemanden“ wird?
Die Unabhängigkeitslüge
In vielen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung schlug das Pendel zu weit in die andere Richtung aus:
- Aus Selbstbestimmung wurde Selbstgenügsamkeit
- Aus Selbstverantwortung wurde das Ideal, alles allein schaffen und mit sich selbst ausmachen zu müssen
- Aus persönlicher Entwicklung wurde ein weiteres Projekt, das wir allein bewältigen wollen – und damit verlieren wir oft die Verbundenheit
Aber das entspricht nicht unserer menschlichen Natur und unserer Biologie.
Dort beginnt die Unabhängigkeitslüge – wo Selbstverantwortung missverstanden wird.
Was die Positive Psychologie heute anders sieht
Auch die Positive Psychologie hat sich in dieser Hinsicht weiterentwickelt.
Zu Beginn stand vor allem die Frage im Mittelpunkt: Wie kann der einzelne Mensch resilienter, glücklicher und erfolgreicher werden?
Heute wissen wir, dass Wohlbefinden mehr ist als das Ergebnis innerer Arbeit. Es geht um:
- Beziehungen
- Verbundenheit
- Psychologische Sicherheit
- Ein reguliertes Nervensystem
- Zugehörigkeit
Das alles gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein gelingendes Leben.
Dasselbe zeigt sich auch in der Bindungs- und Traumaforschung: Unser Nervensystem entwickelt sich nicht in Isolation. Es entwickelt sich in Beziehung.
Warum sollten wir also glauben, dass es seine Muster und Programme ausgerechnet allein verändern kann?
Vielleicht können wir unser inneres Kind doch nicht nur selbst halten
Ich gehe noch einen Schritt weiter und stelle die Frage:
Ist es wahr, dass wir unser inneres Kind ausschließlich uns selbst auf den Schoß setzen können?
Ja, es kann problematisch sein, andere Menschen für unsere Bedürfnisse verantwortlich zu machen. Ja, wir dürfen lernen, Verantwortung für uns und unser eigenes Leben zu übernehmen.
Aber daraus folgt nicht, dass andere Menschen keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil. Wir müssen dafür sorgen, dass unser Nervensystem Erfahrungen macht, die wir uns selbst gar nicht geben können:
- Dass jemand uns hält, wenn wir das Gefühl haben, uns selbst nicht mehr halten zu können
- Dass jemand bei uns bleibt, wenn wir selbst uns verlassen
- Dass jemand zuhört, ohne uns zu bewerten
- Dass jemand unsere Scham sieht, und sie unter einem liebevollen Blick langsam ihre Macht verliert
Das sind korrigierende Erfahrungen, die nach und nach alte Skripts überschreiben.
Und es sind Erfahrungen, die wir nur mit anderen Menschen machen können.
Das ist ein zentrales neuroplastisches Prinzip.
Eine Begegnung, die mich nachdenklich gemacht hat
Vor einiger Zeit erzählte mir ein guter Freund, dass er sich manchmal einsam fühlt.
Er sagte, dass er dann nicht sofort jemanden anruft. Er versucht auch nicht, sich abzulenken oder in Aktivismus zu verfallen. Stattdessen setzt er sich mit diesem Gefühl hin. Er bleibt bei seiner Einsamkeit und versucht, sie bewusst zu durchfühlen.
Ich respektiere das sehr.
Für ihn ist das vermutlich genau der richtige Weg. Er ist Experte für sein eigenes Leben.
Und trotzdem hat dieses Gespräch ein großes Fragezeichen in mir ausgelöst.
Ich habe mich gefragt, woher die Vorstellung kommt, dass es das Fortgeschrittenere, das Spirituellere oder sogar das Edlere sein soll, mit der eigenen Einsamkeit allein zu sitzen, anstatt zu sagen:
- Ich bin ein Mensch.
- Ich bin ein soziales Wesen.
- Ich brauche jetzt andere Menschen – und sorge aktiv dafür, dass ich weniger einsam bin.
Ist dieses „Ich begegne meiner Einsamkeit und sitze mit ihr“ noch Selbstverantwortung?
Oder beginnt hier bereits etwas anderes?
Vielleicht sogar der Versuch, unsere eigene Natur zu verleugnen, die Einsamkeit zu transzendieren – statt ganz praktisch etwas gegen sie zu tun?
Unser Nervensystem braucht Beziehung
Kein Journal kann dich umarmen, wenn dein Körper glaubt, allein und verlassen zu sein.
Und das muss es auch nicht.
Die Aufgabe von Deep Journaling ist eine andere:
Deep Journaling hilft dir, die Geschichten zu erkennen, die dich überhaupt glauben lassen, dass du alles allein schaffen musst.
Es hilft dir, neue Skripts in deinem Unbewussten zu verankern.
Skripts, mit denen es selbstverständlich wird, andere um Unterstützung zu bitten.
Skripts, in denen die Sehnsucht nach Verbundenheit keine Schwäche ist, sondern eine Ausdruck von Menschlichkeit.
Denn um Unterstützung zu bitten und sie anzunehmen, ist keine Hilflosigkeit oder Bedürftigkeit.
Es ist eine bewusste Entscheidung für das, was uns und unserem Nervensystem guttut.
Warum wir Deep Journaling gemeinsam praktizieren
Deshalb praktizieren wir Deep Journaling so oft gemeinsam:
Auf unseren Schreibreisen, in der Inside Membership, und auch in meinem Team – einmal pro Woche schreiben wir gemeinsam.
Dabei geschieht etwas, das weit über das Schreiben hinausgeht.
Wir erleben Verbundenheit und Resonanz. Wir erleben, dass andere ähnliche Gedanken, Gefühle und innere Skripts kennen. Plötzlich entsteht aus Isolation Zugehörigkeit. Aus Scham wird Verbindung. Und aus Einsamkeit wird das tiefe Gefühl:
Ich werde gesehen. Ich werde gehört.
Auch das sind korrigierende Erfahrungen.
Selbstverantwortung bedeutet nicht, alles allein zu schaffen
Selbstverantwortung bedeutet, die Menschen, Beziehungen und Räume zu suchen und zu gestalten, in denen mein Nervensystem immer wieder Sicherheit, Resonanz und Zugehörigkeit erfahren kann.
Das Rewrite beginnt in dem Moment, wo aus einem „Ich brauche niemanden“ ein „Ich weiß, was ich brauche und ermögliche mir genau das“ wird.
Hör dir dazu die aktuelle Episode des Becoming. The Rewrite & Rewire Podcasts an.
Und wenn du Deep Journaling gemeinsam mit anderen erleben möchtest, bist du herzlich in der Inside Membership willkommen!