Es mag allerdings sein, dass du dich anstrengen musst.

Jan 8, 2017

Am Neujahrstag sitzen mein Liebster und ich am Sofa und planen unsere Urlaube, unsere Beziehungs-Oasen und was sonst noch so alles ansteht in den nächsten 365 Tagen. Der Jahreskalender liegt vor uns. Ziiiiiemlich bunt. Und ziiiiiiiemlich voll. Plötzlich wird es ganz still. Mein Liebster blickt betroffen, und auch mir wird ein wenig mulmig zumute. Yoga- und Schreibreisen, Seminare, Workshops, Ausbildungen – die unverplanten Wochenenden sind dünn gesät. Und ich weiß, was er jetzt denkt: dass er sich manchmal eine Partnerin wünscht, die einen „normalen“ Job hat. Eine, die nicht vor Leidenschaft für ihre Arbeit brennt. Eine, die einfach mal Ruhe geben kann.

Manchmal bemitleidet er mich, weil ich so viel arbeite. Dabei übersieht er aber eines: Ich muss nicht, ich WILL.

Denn wenn ich die Arbeit mache, für die ich geschaffen wurde, dann fühlt sich das nicht wie Arbeit an, sondern wie das größte Vergnügen.

Ich gebe zu: Manchmal stöhne ich auch deswegen, und es vergeht kaum eine Woche, in der ich mich nicht auch nach einem „normalen“ Job sehne, nach einem „normalen“ Leben. Manchmal lese ich sogar die Stellenanzeigen in der Zeitung.

Aber ich hatte schon mal einen normalen Job. Ich hatte schon mal ein normales Leben. Und es gibt einen guten Grund dafür, warum ich es aufgegeben habe: Ich war nicht unglücklich damit, aber ich war auch nicht richtig lebendig.

Mein Leben ist mir zu kostbar, als dass ich es halblebendig, halbherzig leben möchte. Ich will es ganz, mit Haut und Haar. ES WILL MICH GANZ, mit Haut und Haar – das begreife ich von Tag zu Tag mehr.

Aber ich gebe auch zu: Mein Leben ist heute um ein Vielfaches anstrengender als damals, als es noch „normal“ war. Ein paar Kompromisse hier, ein paar kleine Lebenslügen dort, sich arrangieren, abfinden – vielleicht ist das der einfachere Weg. Aber einfach wollte ich es mir sowieso noch nie machen.

„Niemals wird dir ein Wunsch gegeben, ohne dass dir auch die Kraft verliehen wurde, ihn zu verwirklichen.
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.“
~ Richard Bach

Hast du’s vernommen? Nicht WIR haben einen Wunsch, und müssen dann darauf warten, dass irgendjemand ihn uns erfüllt  – sondern der Wunsch wird UNS GEGEBEN, und wir erfüllen ihn dann! Er wird uns geschenkt, und indem wir ihn verwirklichen, schenken wir uns ihm, schenken wir uns dem Leben, schenken wir uns dem großen, kreativen Tanz.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wir uns, sobald wir „unseres“ gefunden haben, nicht mehr anstrengen müssen.  Aber es ist eine andere Art von Anstrengung. Eine freiwillige Anstrengung. Eine freudvolle Anstrengung.

Jedes Mal, wenn ich auf einen Berg steige, kommt unweigerlich der Moment, in dem ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue, wo es doch zuhause auf dem Sofa auch nett wäre. Aber jedesmal, wenn ich den Gipfel erreicht habe und die herrliche Aussicht genieße, weiß ich wieder, dass jedes Gramm Anstrengung sich gelohnt hat.

Jedes Mal, wenn ich am Sonntag um 5 Uhr morgens zur Kundalini-Yoga-Ausbildung radle, statt endlich mal auszuschlafen,  frage ich mich, welcher Teufel mich wohl geritten hat, und verfluche mich selbst. Aber jedes Mal, wenn ich am Abend mein Schaffell einrolle – geklärt, genährt, durchgeputzt, selig – weiß ich wieder, warum ich das alles tue.

Szenenwechsel. Herr Sohn sitzt neben mir am Küchentisch, sein Rücken ist gekrümmt, die Schultern hängen. Mathemaaaatik. Doppelbrüche. Faktorisieren. Also so ziemlich alles, was das Herz eines 14-Jährigen höher schlagen lässt. Ich rede auf ihn ein wie auf einen sturen Esel, bis meine mütterlichen Weisheiten schließlich in der Aussage gipfeln: „Wenn du wirklich die Schule wechseln und später mal Deutschlehrer werden willst, dann musst du dieses Jahr eben noch so richtig reinbeißen!“ (OMG. Nienieniemals wollte ich so mit meinem Kind sprechen!)

Plötzlich richtet Herr Sohn sich auf. Plötzlich sitzt er kerzengerade. Plötzlich blickt er mich eindringlich an. „Mama“, sagt er mit erwachsener Stimme. „Ich werde mich anstrengen. Aber reinbeißen tu ich nirgends!“

Danke, Kind. Du hast es wieder mal auf den Punkt gebracht: anstrengen ist etwas anderes als reinbeißen. 

Mich anzustrengen für das, wofür ich brenne, ist kein „Reinbeißen“, kein Funktionieren und kein Hamsterrad, sondern ein Tun aus einem innersten Bedürfnis und Drang heraus. Die Kraft ist da, und sie kommt immer wieder. Woher? Wer weiß das schon.

Du wirst immer genug Kraft haben, um das Richtige zu tun, aber nie genug Energie, um das Falsche aufrecht zu erhalten. Nichts entzieht mehr Energie, als die Stimme des Herzens zu ignorieren.
~ Autor unbekannt

Der eigenen Sehnsucht zu folgen hat einen Preis, und er ist hoch. Und die Belohnung ist eine ganz andere, als man vielleicht zu Beginn der Reise geahnt hätte.

Wenn du meinst, dass du dich nicht mehr anstrengen musst, dass dir alles zufällt und es keine Zweifel mehr gibt, sobald du „deines“ machst, dann hast du etwas falsch verstanden. Es gibt keine Belohnung in diesem Sinne.

Die wahre Belohnung besteht darin, dass du etwas tust, wofür du keine Belohnung mehr brauchst  – weil das Tun an sich schon die Belohnung ist.

„Die Ruhe, die Tatenlosigkeit ist gut und reizend, aber das Schaffen, das Hervorbringen, hat tausendfältiges Lächeln.“
~ Sophie Mereau

Wahrscheinlich habe ich deshalb tausend Lachfältchen 🙂

Beitragsbild: © Dudarev Mikhail – Fotolia.com

Big wild love, Laya

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

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Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin: Stay true!