Gut für dich sorgen in schwierigen Zeiten

Okt 21, 2017

Über die hohe Kunst der Selbstfürsorge habe ich hier ja schon oft geschrieben. In schwierigen Zeiten, wenn kaum mehr etwas planbar ist und uns die Anforderungen des Lebens nur so um die Ohren fliegen, wird diese Kunst zur Königsdisziplin.

Königinnen wissen nämlich, dass sie gut für sich selbst sorgen müssen, um der Verantwortung, die sie übernommen haben, gerecht werden zu können. Das ist die eine Seite.

Königinnen wissen, dass sie zuerst gut für sich selbst sorgen müssen

Königinnen wissen, dass sie sich gut um sich selbst kümmern müssen – denn sonst verrutscht ihre Krone schneller, als ihnen lieb ist.

Die andere Seite ist, dass vor allem wir Frauen auf eine ganz spezifische Weise verdrahtet zu sein scheinen, ungefähr nach dem Motto: „Zuerst alles andere, und dann ich.“

Biologisch gesehen ist das durchaus sinnvoll, denn ohne die Fähigkeit, uns selbst und unsere Bedürfnisse zu vergessen – oder zumindest zeitweise hintanzustellen – wäre es um uns als Menschheit ziemlich schlecht bestellt:

„Ich weiß, mein Kind, du hast Zahnschmerzen und Bauchweh – und ich verspreche dir, mich um dich zu kümmern, sobald ich meditiert, meine Zehennägel lackiert und mich selbst verwirklicht habe!“

So geht’s natürlich nicht. Aber unsere Tendenz, uns zuerst um alles andere zu kümmern, und erst dann um uns selbst, wenn alle anderen glücklich und zufrieden sind, kann auch ein Muster sein, aus dem es schwer zu entkommen ist. Es kann sehr verführerisch sein, sich selbst an den letzten Platz zu stellen. Es kann sich sogar gut anfühlen – und zwar deshalb, weil wir es so gewohnt sind. Oder deshalb, weil es viel Kraft und Energie kostet, entgegen vererbten / gelernten / eingeprägten Mustern sich selbst an die erste Stelle zu setzen.

Musst wirklich DU dich um alles kümmern? Und muss es wirklich SOFORT sein?

Wenn wir dann so richtig in Fahrt sind oder richtig tief in der Selbstüberschätzungsfalle sitzen, fällt es uns umso schwerer, zu unterscheiden:

Ist das nun ein echter Notfall – oder nicht?

Muss das wirklich sofort sein –  oder kann es warten?

Muss wirklich ICH mich darum kümmern – oder kann das auch jemand anderer übernehmen?

Noch schwieriger wird es, wenn es nicht nur irgendwelche Deadlines, Haushaltspflichten oder Energievampire sind, die etwas von uns fordern, sondern wenn es um Menschen geht, die uns nahe stehen und die tatsächlich unsere Unterstützung benötigen, seien es Kinder, PartnerInnen, Eltern oder enge FreundInnen.

Bestimmt kennst du die weisen Worte von der Schale, die die Quelle nachahmt:

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und  habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

~ Bernhard von Clairvaux

Ich stimme dem nur bedingt zu. Es gibt Situationen, in denen müssen wir auch geben, wenn unsere Schale bestenfalls halbvoll ist – und auf wunderbare Weise strömt dann oft plötzlich sehr viel Energie nach. Einfach deshalb, weil wir dem Fluss des Lebens folgen und tun, was dieser Fluss im Moment von uns fordert.

Aber es ist natürlich wahr: Wenn wir selbst energetisch längst an unseren letzten Reserven knabbern, hat es wenig Sinn, uns freigiebig verströmen zu wollen. Gerade in diesen Situationen, gerade dann, wenn wir meinen, keine Zeit dafür zu haben, müssen wir innehalten und uns bewusst Zeit für uns selbst nehmen, um wieder aufzutanken und Kraft zu sammeln.

Und wir müssen lernen, herauszufinden, was uns wirklich gut tut. Oft wissen wir das nämlich gar nicht mehr, da wir den Kontakt zu uns selbst völlig verloren und uns total für andere verausgabt haben. Dann fühlen wir uns nur noch leer und haben keine Ahnung, womit wir diese Leere wieder füllen können.

Gut für dich sorgen in schwierigen Zeiten – 5 Impulse:

1. Biology first

Mütter von kleinen Kindern wissen wahrscheinlich, was ich meine: Oft hat man in dieser Lebensphase nicht mal Zeit, in Ruhe zu duschen, zu essen oder gleich auf die Toilette zu gehen, wenn sich das Bedürfnis dazu meldet. Von ausreichend Schlaf ganz zu schweigen!

Aber damit begeben wir uns in einen Teifelskreis. Denn wenn wir nicht zumindest auf körperlicher Ebene gut für uns sorgen, wird unser Nervenkostüm innerhalb kürzester Zeit so flattrig, dass es noch schwieriger wird, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und Prioritäten zu setzen.

In schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass dein Körper dir vertrauen kann, damit er dir verlässlich zur Seite steht, wenn’s drauf ankommt. Es tut auch gut, dir selbst durch regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten Halt zu geben.

Nähre dich und deinen Körper, achte auf Regelmäßigkeit und liebevolle Strukturen!

2. Zeige dich

Manchmal glauben wir, alles allein schaffen zu müssen. Manchmal meinen wir auch, es sei einfacher, wenn wir etwas selbst tun, als wenn wir andere um Unterstützung bitten. Manchmal wollen wir unsere Überforderung auch nicht zugeben und behalten unsere fröhliche Ich-schaff-das-mit-links-Maske auf, hinter der uns die Schweißperlen übers Gesicht laufen und die Mundwinkel sich zusehends nach unten ziehen.

Aber wenn wir uns von diesen Glaubenssätzen und Verhaltensmustern lösen, wenn wir beginnen, uns wahrhaftig zu zeigen, dann strömt auf einmal ganz viel Unterstützung zu uns. Aus den unerwartetsten Richtungen kommen Menschen auf uns zu, schenken uns Worte, Taten oder liebevolle Gedanken. Plötzlich fühlen wir uns getragen und verbunden, und müssen nicht mehr alles allein bewältigen.

Zeige dich und bitte um Unterstützung! Du wirst staunen, welche Kanäle sich dadurch öffnen.

3. Kleine Gesten der Aufmerksamkeit

Schenk dir selbst immer wieder kleine Gesten der Fürsorge und Aufmerksamkeit. Ich zum Beispiel liebe es, mich an kühlen Abenden mit meiner Wärmi ins Bett zu kuscheln. Das gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit, und ich zeige mir damit selbst, dass ich mir wichtig bin. Sei es ein aufmunterndes Lächeln im Spiegel, ein paar innere Worte der Anerkennung, ein duftendes Ölbad, ein kurzes Innehalten in der Morgensonne auf dem Weg zur Arbeit: Kleine Momente der Selbstfürsorge summieren sich, stärken sich gegenseitig, du baust Momentum auf und wirst immer erfinderischer und kreativer, wenn es darum geht, liebevoll zu dir selbst zu sein.

Kleine, liebevolle Gesten dir selbst gegenüber können einen großen Unterschied machen. Sei kreativ und erfinderisch!

Kleine Gesten derSelbstfürsorge

Kleine Gesten der Selbstfürsorge schaffen ein inneres Klima der Geborgenheit. In diesem Klima kann deine Selbstliebe noch mehr wachsen.

4. Keep it simple

In fordernden Zeiten ist es wichtig, flexibel zu bleiben, wenn nötig Abstriche zu machen, und vor allem: es einfach zu halten. Wenn du in solchen Phasen von dir selbst verlangst, dass du dein Lauftraining, deine Yoga- und Meditationspraxis oder das Üben deines Instruments genauso konsequent durchziehst wie sonst, erzeugst du dadurch nur zusätzlichen Stress. Auch Dinge, die dir gut tun, können zur Belastung werden, wenn du sie als Muss empfindest, als Pflicht, als weiteres To-Do auf deiner Liste. Daher gilt es nun, klug und bewusst zu agieren, die Erwartungen an dich selbst herunterzuschrauben und geschmeidig die inneren Bedürfnisse mit den Anforderungen von außen auszubalancieren

Halte es einfach, bleib flexibel, agiere klug. Unterscheide, was dir wirklich gut tut, und was dir nur zusätzlichen Stress verursacht!

Und noch etwas: Auf keinen Fall solltest du hart mit dir ins Gericht gehen, wenn du es mal nicht geschafft hast, gut für dich selbst zu sorgen, wenn du Kartoffelchips zum Abendessen hattest statt selbstgekochte Kürbis-Ingwer-Suppe oder wenn die Stunden deines Nachtschlafes sich an einer Hand abzählen lassen! Sei geduldig, liebevoll und hartnäckig. Festgefahrene Verhaltensmuster lassen sich nicht durch einen einmaligen Entschluss verändern – es braucht Übung. Übung. Und Übung. Dein Selbstfürsorgemuskel braucht regelmäßiges Training!

5. Futter für den Kopf

Gerade in schwierigen Zeiten sollten wir unseren rationalen Verstand mit ins Boot nehmen. Wenn mein kluges Köpfchen mir mal wieder weiszumachen versucht, dass ich zuerst noch dies und das und jenes erledigen muss, ehe ich mich entspannen darf, dass To-Dos abgehakt werden müssen, koste es, was es wolle, dass Nein sagen keine Option ist, dann versuche ich, es mit logischen Argumenten zu überzeugen. Ich erzähle ihm, dass das Leben ein langer Marathon ist und kein kurzer Sprint, dass es überaus vernünftig ist, mir meine Lebensenergie bewusst einzuteilen, und dass ich viel besser für andere da sein kann, wenn ich konsequent gut für mich selbst sorge.

Überzeuge deinen denkenden Verstand mit klugen Argumenten und verwandle ihn in einen starken Partner!

Buchtipps:

Cheryl Richardson: Sei dir wichtig: Extreme Self Care

Patricia Tudor-Sandahl: Verabredung mit mir selbst: Von der Kraft, die im Alleinsein liegt

Pema Chödrön: Wenn alles zusammenbricht: Hilfestellung für schwierige Zeiten

Webtipp:

Der Selstfürsorge-Blog von Vivian Mary Pudelko

Big, wild love

Laya

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Foto Selbstfürsorge und Beitragsbild: © shutterstock

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