Vom Müssen und vom Müssen

Nov 18, 2017

Wir müssen schlafen, wir müssen trinken, und hin und wieder etwas essen schadet auch nicht.

Darüber hinaus müssen wir sehr wenig. Auch wenn wir uns ständig das Gegenteil einreden.

Kürzlich las ich von einer wissenschaftlichen Studie, in der die Sprachgewohnheiten von Gesellschaften untersucht wurden, in denen später die Gewaltbereitschaft stieg, Bürgerkriege ausbrachen etc.

Die Studie belegte: In den Jahren vor diesen Gewalt-Eskalationen war die Verwendung des Wortes „müssen“ signifikant angestiegen.

Sprache hat viel Macht. Daher übe ich mich seit Jahren darin, das Wort „müssen“ weitestgehend aus meinem Wortschatz zu verbannen.

Immer, wenn es sich dann doch wieder hartnäckig in meine Sätze schummelt, versuche ich, es durch „wollen“, „werden“ oder „möchten“ zu ersetzen. Das hilft mir, mir darüber bewusst zu werden, ob das auch wirklich stimmt: WILL ich dieses oder jenes tun – oder glaube ich nur, zu MÜSSEN?

Eines meiner Lieblings-Mantras, das ich mir immer wieder vorsage, wenn ich mich in den Schlingen des Müssens verheddere, ist: „Müssen tu ich gar nichts!“ Wenn ich dieses Mantra energisch meinen ewig gleichen Hamsterrad-Gedanken entgegenschleudere, gehen sie meistens in die Knie.

Das ist das eine Müssen. Jenes Müssen, das mit selbstgewählten, und dabei meist auch noch unbewussten Gefängnissen zu tun hat.

Und dann ist da dieses andere Müssen. Jenes, das unserer Bestimmung, unserem Seelenplan, unserem Dharma entspringt. 

(Der Begriff „Dharma“ hat verschiedene Bedeutungen. Eine davon ist: Deiner inneren Stimme zu folgen, deine Gaben und Talente zu entfalten und die Welt damit zu bereichern, bedeutet, im Einklang mit deinem persönlichen Dharma zu leben).  

Mit dieser Dharma-Art von Müssen machte ich vor rund vier Jahren sehr eindrücklich Bekanntschaft. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn das persönliche Wollen in den Hintergrund tritt und man zu einer Art Kanal wird, durch den etwas in die Welt kommen will.

Damals saß ich bei der wunderbaren Uli Feichtinger im Coaching. Ich hatte den genialen Plan gefasst, so viel wie möglich ortsunabhängig zu arbeiten und, so gut es neben meinen familiären Verpflichtungen eben ging, eine digitale Nomadin zu werden. Gleichzeitig spürte ich in mir einen Sog, der mich in eine völlig entgegengesetzte Richtung drängte – nämlich dahin, ein eigenes Yogastudio zu gründen.

Also saß ich mit geschlossenen Augen auf einem Meditationskissen, die Hände auf den Knien, die Handflächen Richtung Himmel gewandt. In der einen Hand hielt ich ein imaginäres Flugzeug, das meinen Freiheitsdrang symbolisierte, in der anderen Hand einen imaginären Stein, der für die Gründung der yogalounge stand. Nun entspann sich zwischen den beiden ein ziemlicher heftiger Dialog. Das Flugzeug zeigte sich uneinsichtig. Nein, es wollte nicht nur für begrenzte Zeit davonfliegen und dann wiederkommen. Es wollte auf und davon, mit einem one-way-ticket, und alle Brücken hinter sich abbrechen. Dem Stein war das alles ziemlich egal. Er ließ sich von den Eskapaden des Flugzeugs in keinster Weise aus der Ruhe bringen. Er war da, und das wusste er. Er wog schwer in meiner Hand, und das fühlte sich – für ein Flatterwesen wie mich – alles andere als angenehm an. Und doch stand es nicht zur Diskussion: DAS war es, was von mir gelebt und in die Welt gebracht werden wollte. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zur Verfügung zu stellen!

Kürzlich sagte die 94jährige Schriftstellerin Ilse Helbich in einem Standard-Interview, es klinge zwar furchtbar blöd, aber sie habe geschrieben, weil sie „schreiben musste.“ Genau das ist es, was ich meine: jene Art von Müssen, die nicht aus seltsamen Prägungen oder falschem Pflichtbewusstsein hervorgeht, sondern aus einem tiefen inneren Drang, der sich Bahn bricht, egal, wie viele Umwege wir gehen oder wie sehr wir uns selbst blockieren und im Weg stehen.

Es ist eine hohe Kunst, diese beiden Arten von Müssen auseinanderzuhalten. Ich glaube, wir können sie nur erlernen, indem wir Erfahrungen machen und diese immer präziser erforschen, durchdringen und immer vollständiger integrieren. 

Wenn es uns dann auch noch  gelingt, unser Wollen und Können mit unserem Dharma-Müssen in Einklang zu bringen, dann sind wir garantiert nicht mehr zu stoppen 😊

Big, wild love

Laya

Photo by Aaron Burden on Unsplash

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

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