Frau, ich hab dich so vermisst!

Sie ist mir einfach so herausgerutscht, diese Liebeserklärung.

Besser gesagt: Sie hat sich aus mir herausgeschrieben.

Es war vergangenes Wochenende beim Schreib- und Schweigeseminar mit Anna Platsch in Graz. Neben mir im Kreis saß eine Frau, die ich ein paar Monate zuvor unter brennender südlicher Sonne kennengelernt hatte. Als wir uns überraschend – zufällig? –  wiedertrafen, spürte ich eine solch warme Freude in meinem Herzen, als wäre auch hier gerade die Sonne aufgegangen, und als wir nebeneinander saßen – atmend, schweigend, meditierend, schreibend, lachend, weinend -, fühlte sich das wie ein Nachhausekommen an.

Irgendwann in einer Seminar-Pause schrieb sich dann wie von selbst ein Gedicht aufs Papier. Die letzte Zeile lautete:

Frau, ich hab dich so vermisst!

Als ich das Gedicht vor allen anderen im Kreis vorlas, wurde mir bewusst, dass ich mit meiner Liebeserklärung nicht nur diese eine wunderbare Frau gemeint hatte, sondern viele, ganz viele, unzählige Frauen. Nicht nur jene Frauen, mit denen ich Verbundenheit lebe und erlebe, sondern auch jene, mit denen mich einfach das Frau-Sein verbindet, unsere weibliche Kraft und Weisheit, die zwar manchmal tief verschüttet sein mag, die aber immer wieder neu aufersteht, sich Bahn bricht, sich den Weg zurück ins Licht kämpft. Jene Frauen, mit denen mich eine unbändige Lebenslust verbindet, die Fähigkeit zu empfangen, auszutragen und zu gebären – seien es menschliche oder geistige Kinder -, jene Frauen, mit denen ich das tiefe Wissen teile, dass es ohne Sterben und Vergehen kein neues Leben geben kann.

Frau, ich hab dich so vermisst.

In unser beider Schönheit und Hässlichkeit, in unser beider Widersprüchlichkeit.

Ich habe es so sehr vermisst, mit dir im Kreis zu sitzen, zu lachen, zu singen, zu schluchzen, zu trauern, zu schweigen. Ich habe es so sehr vermisst, mit dir zu tanzen, mit dir zu den Sternen hinaufzublicken und im Schein des Vollmonds im Meer zu baden, ich habe deine Stimme vermisst, deine tröstende Stimme, deine sanfte Stimme, deine raue, deine strenge Stimme, deine aufrichtigen Worte, und deine herausfordernden, deine weisen. Ich habe es so sehr vermisst, dir mein wahres Gesicht zu zeigen, dir wahrhaftig zu begegnen, in meinem Schmerz und in deinem, in meiner Lebensfreude und in deiner, in meiner Wildheit und in deiner, in unser beider Widersprüchlichkeit, Schönheit und Hässlichkeit, in unser beider Verletzlichkeit und unbezähmbaren Kraft.

Frau, ich hab dich so vermisst. Wie konnte ich vergessen, dass wir einander brauchen, um ganz lebendig zu sein, um heil zu werden, wie konnte ich vergessen, viel zu lange vergessen, dass wir Schwestern sind?

Das Schöne ist: Jede von uns darf groß – ganz groß! – sein. Wir sind Schwestern, aber keine von uns ist die kleinere und keine von uns ist die größere. Die eine mag mehr Lebenserfahrung haben als die andere, aber jede von uns hat ihre eigene Weisheit, unabhängig von ihren Lebensjahren. Ohne die persönliche Weisheit von jeder einzelnen von uns wären wir unvollständig.

Jede von uns darf groß sein, großartig, schön und weise.

Das Schöne ist: Jede von uns darf auch klein – ganz klein! – sein. Denn da sind die anderen, die sie wieder an ihre innere Größe, Kraft und Zuversicht erinnern, da sind jene Frauen, die sie nährend und tröstend in den Arm nehmen und ihr bei Bedarf die Krone zurechtrücken.

Das Schöne ist: Keine von uns muss alles sein, weil wir gemeinsam Alles sind. Keine von uns muss die Karrierefrau sein UND die Supermom,  die Ultrasanfte UND die Wildnatur, die Künstlerin UND die Intellektuelle, die Tänzerin, die Schauspielerin, die Sportlerin, die Abenteurerin UND die Managerin, die Vernünftige UND die Leidenschaftliche.

Je mehr du dich als einen Teil vom Ganzen begreifst, umso mehr wird dir bewusst, dass das Ganze ein Teil von dir ist.

Je mehr du deine Schutzmechanismen fallen lässt, je mehr du dich öffnest und dich als Teil einer Schwesternschaft erfährst, umso mehr spürst du, dass du jede dieser Frauen mit all ihren Gaben, Fähigkeiten und Aspekten in dir trägst. Du bist ein Teil von jeder von ihnen, und jede von ihnen ist ein Teil von dir.

Keine von uns muss allles sein. Alle sind Teil von uns.

Natürlich ist dieses Prinzip nicht auf uns Frauen beschränkt, nicht einmal auf uns als Menschheit, sondern es gilt für alle Lebewesen und sogar für den ganzen Kosmos. Aber das ist schwer zu begreifen.

Außerhalb von dir gibt es … nichts.

Dich als Teil eines Kreises von Frauen zu erleben, ist hingegen eine sehr konkrete Erfahrung. Und wenn du diese Erfahrung einmal gemacht hast, weißt du: Außerhalb von dir gibt es nichts, wonach du suchen müsstest. Dann gibt es auch keinen Neid, keine Eifersucht und kein Konkurrenzdenken mehr. (Ich will nicht verhehlen, dass ich derartige Regungen sehr wohl kenne. Aber ich weiß, aus welcher Ecke sie kommen, und praktiziere daher jedes Mal, wenn sie auftauchen, das Mantra Just like me, das Arjuna Ardagh in diesem Video herrlich beschreibt).

Das Schöne ist: Jede von uns tut jeden einzelnen Entfaltungs,- Entwicklungs- und Reifungsschritt nicht nur für sich selbst, sondern für uns alle.

Wenn eine Seele sich entschieden dafür einsetzt, so lebendig wie möglich zu leben, dann werden viele andere in ihrer Nähe ,Feuer fangen‘ . Wenn man trotz Hindernissen, Beschränkungen oder gar Verletzungen den Durchbruch schafft zum wahren Leben, werden auch die Lebewesen ringsherum … ein erfüllteres Leben führen. ,Wenn eine wirklich lebt, dann tun’s die anderen auch.‘

Das ist die wichtigste Pflicht der weisen Frau: so zu leben, dass andere dadurch beflügelt werden; auf seelenvolle Weise zu leben, damit die anderen sehen, wie das geht.

~ Clarissa Pinkola Estés

Daniela Hutter sagte einmal, ein Kreis bewusster Frauen sei an sich schon heilsam. Genau diese Erfahrung habe ich im zu Ende gehenden Jahr wieder und wieder gemacht, sei es in meinem yogalounge-Team, sei es, wenn ich Yoga- und Schreib-Retreats oder Seminare hielt, oder wenn die Frauen meiner Schreibtherapeutischen Jahresgruppe zusammenkamen.

Wir alle sind weise Frauen. Und wir alle haben diese eine, diese wichtigste, diese heilige Pflicht: zu unserem echten Leben zu erwachen.

Dafür brauchen wir einander. Um unser Feuer immer wieder gegenseitig zu entzünden, anzufachen, um den Funken überspringen zu lassen. Um einander Flügel zu verleihen, die uns auch über die höchsten Hindernisse tragen, über Hindernisse, die für eine allein unüberwindbar wären. Um einander Geschichten zu erzählen, und um miteinander zu schweigen. Um unser Mensch-Sein zu teilen und unser Frau-Sein – mit allem, was dazu gehört.

Wenn eine von uns gerade Herbst erlebt – eine Phase des Rückzugs und des Loslassens – kann sie sich am Frühling der anderen erfreuen und bekommt Zuversicht geschenkt. Wenn bei einer von uns frische Knospen zu sprießen beginnen, findet sie Halt bei denen, die sich gerade tiefe Wurzeln wachsen lassen. Wenn eine von uns voll erblüht und zur Reife gelangt, befruchtet sie die anderen und schenkt ihnen neue Samen.

Ach Frau. Wie hab ich dich vermisst!

Ja, ich will.

Ja, ich will. Teil eines großen Herzens von Frauen sein.

Vermissen kann man nur etwas, das man irgendwann verloren hat. Vielleicht haben wir ein Stück weit vergessen, wie das geht: im Kreis sitzen, Verbundenheit leben, lieben, feiern.

Ich will es wieder lernen. Will mich öffnen, mich auf die Suche machen, will meine Schwestern wiederfinden, will eine new sisterhood leben, wie Elif Shafak es in diesem Ted Talk nennt.

Ja, ich will.

Frau, wie hab ich dich vermisst!

PS: Mann, dich hab ich auch vermisst. Aber das ist eine andere Geschichte …

Buchtipps:

Clarissa Pinkola Estés: Der Tanz der Großen Mutter: Von der Jugend des Alters und der Reife der Jugend

Anna Gamma: Schön, wild und weise: Frauen auf dem Weg zu sich selbst und in die Welt

Rebecca: Campbell: Rise Sister Rise: A Guide to Unleashing the Wise, Wild Woman Within

Llewellyn Vaughan-Lee: Die Matrix des Lebens: Das heilige Weibliche und die Wandlung der Welt

 

Musiktipp:

{Danke, Ulli <3}

Haseya

Rise up my sisters rise up

We are the water the sacred cup

It’s in our hands that all life grows

It’s in your dance

It’s in your hands

It’s in your love we rise above

It’s in your song I hear my soul

So rise up my sisters rise up

Let us lift each other up

Sing it from your heart

and from your soul

Haseya

 

 

Photos by Photo by Omar Lopez, Suhyeon Choi, Sam Manns & Tim Marshall on Unsplash

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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