Du darfst ALLES: Lilith und Eva reloaded

Apr 17, 2018

Der sonnendurchflutete Raum ist in zwei Teile geteilt.

Auf der einen Seite: Frauen, die brüllen, stampfen, die Zähne zeigen, die Krallen ausfahren, sich wild gebärden.

Auf der anderen Seite: Frauen, die sich anmutig bewegen, einander zulächeln, reinen Sonnenschein im Herzen zu tragen scheinen.

Immer wieder überkreuzt eine von ihnen die Mittellinie und wandelt sich. Wandelt sich von der lieblichen Milden zur lustvollen Wilden – oder umgekehrt. Und was für ein Wandel das ist! Was alles in einer einzigen Frau steckt, wenn sie wagt, Grenzen auszuloten und zu überschreiten, wenn sie sich traut, ihr wunderbares, facettenreiches Wesen GANZ zu leben!

Dazwischen immer wieder: herzhaftes Gelächter, Ausschütten vor Lachen, Gekicher und triumphierendes Grinsen. SO also fühlt sich Lebendigkeit an.

Ein ganzer Raum erfüllt von derart kraftvoller Frauenenergie, dass die Wände zu zittern scheinen – vergangenes Wochenende beim BLOOM!-Workshop zum Thema „Zähne zeigen“.

Wie so oft, wenn Frauen zusammenkommen, sich öffnen, zeigen, und teilen, was in ihnen steckt, ergibt das Ganze mehr als die Summe der Teile. Erkenntnisse kommen zutage, die eine allein nicht haben könnte.

In meinem letzten Beitrag habe ich über Lilith und Eva geschrieben, die beiden Archetypinnen der weiblichen Seele. Die Frauen im Workshop haben sich eingehend mit diesen ungleichen Schwestern auseinandergesetzt. Ich konnte nur staunen und war sehr berührt davon, welch tiefe Einsichten dabei möglich wurden. Ein paar davon möchte ich mit dir teilen.

 

# 1 Die eine ist nicht weg, nur weil wir die andere AUCH leben

Zu Beginn des Workshops haben wir mit Bildern von wilden Tieren gearbeitet. Die Frauen haben diese Bilder nicht nur oberflächlich angeschaut, sondern wirklich eingehend betrachtet und sie auf sich wirken lassen. Sie haben sich tief im Inneren berühren lassen von brüllenden Löwen, fauchenden Wildkatzen und Zähne fletschenden Wölfinnen.

Tiefer blicken: Hinter der Drohgebärde ist das sanfte Wesen der Löwin erkennbar.

Tiefer blicken: Hinter der Drohgebärde ist das sanfte Wesen der Löwin erkennbar.

Wenn du tiefer in dieses Bild hineinblickst, wirst du beide Seiten des Wesens erkennen, nicht nur die, die sich an der Oberfläche zeigt. Hinter den gefährlichen Zähnen und der Drohgebärde ist das sanfte, gutmütige Wesen des Tiers immer noch vorhanden und erkennbar.

Ebenso steckt in jeder noch so verschmusten Katze, in jedem noch so zahmen Löwen die Wildnatur. In jedem Moment kann sich der Wandel vollziehen, und plötzlich lässt der eben noch lammfromme Löwe ein markerschütterndes Gebrüll ertönen, plötzlich setzt die eben noch anschmiegsame Katze furchtlos ihre scharfen Krallen ein.

BEIDES – das ist das Zauberwort.

Einer meiner ersten buddhistischen Lehrer ermutigte uns SchülerInnen immer wieder dazu, zu einem entspannten „Sowohl als auch“ zu finden, statt uns selbst in einem starren „Entweder-oder“ einzusperren.

Köstliche Freiheit! Du darfst BEIDES sein. Du darfst ALLES sein. Sperr dich nicht ein. Lebe ALLES, was in dir steckt!

 

# 2 Wenn wir eine Seite unterdrücken, meldet sie sich mit Gewalt

Alles, was in uns ist und nicht gelebt und ausgedrückt werden darf. Alles, was wir unterdrücken, nicht haben wollen, ablehnen. Alles, was nicht den Raum bekommt, der ihm zusteht. Alles, was nicht fließen darf, sondern abgekapselt wird. All das meldet sich irgendwann mit Gewalt. Und die ursprünglich gesunde, gute Energie wird destruktiv und ungesund.

Dann erschrecken wir und können das Gute, das Konstruktive, das Echte darin nicht mehr erkennen. Die Folge: Wir unterdrücken diese Energie noch mehr.

Aber alles, was nicht nach außen gehen und sich ausdrücken darf, wendet sich nach innen und richtet dort Schaden an.

Die Dinge sind nicht weg, nur weil wir sie wegzudrücken oder tief in den geheimen Kammern und Kellern unserer Psyche einzusperren versuchen. Im Dunkeln treiben sie ihr Unwesen, und irgendwann gibt es Ramba-Zamba.

Deshalb:

 

# 3 Wir müssen lernen, die Energien zu kontrollieren und geschickt einzusetzen

Unsere Lilith-Energie erschreckt uns, weil wir nicht gelernt haben, mit ihr umzugehen und sie kontrolliert einzusetzen. Sie macht uns Angst, weil wir befürchten, von ihr überrollt und mitgerissen zu werden. Den meisten von uns fehlen die passenden Vorbilder, die wenigsten von uns haben von ihren Müttern oder Großmüttern gelernt, dass sie ihre Lilith-Energie für alle Seiten gewinnbringend einsetzen können.

Ja, es stimmt: Die zentralen Eigenschaften der Lilith sind ihr Ungestüm, ihre Wildheit, und ihre Lust, Regeln zu brechen, sich über Tabus hinwegzusetzen und übers rechte Maß hinauszuschießen.

Aber die Kunst liegt gerade darin, unsere ungestüme und unangepasste Seite gezielt und intelligent einzusetzen, damit wir uns damit nicht selbst schaden.

Maßvolle Maßlosigkeit. Gezügelte Wildheit. Kontrolliertes Ungestüm.

Paradox? Eben.

 

# 4 Wir brauchen ein neues Eva-Bild

Viele von uns setzen den Eva-Archetyp mit Schwäche gleich. Mit einer gewissen Verächtlichkeit blicken wir auf Frauen, die diesen Aspekt des Femininen verkörpern, und wir rümpfen die Nase über diese konturenlosen „Weibchen“. Insgeheim aber wünschen wir uns, zumindest hin und wieder auch so sein zu dürfen. Einfach mal nicht die Zügel fest in der Hand zu halten und starke Power-Frau zu sein, sondern auch mal den Kopf an eine starke Schulter zu lehnen und Verantwortung abzugeben.

Viele von uns waren in Kindheit und Jugend mit einem Eva-Bild konfrontiert, das tatsächlich mit Überangepasstheit, Abhängigkeit und Schwäche einherging – kein Wunder, denn die Frauen, die uns begegneten, hatten kaum eine Wahl. Sie waren gezwungen, hauptsächlich diese Seite ihrer Weiblichkeit zu leben. Und ohne das Gegengewicht der rohen Lilith wird die Eva tatsächlich zur schwachen Frau.

Ein neues Eva-Bild muss her – und wir können es selbst erschaffen!

Wir müssen zu unseren eigenen Role Models werden und die Qualität der Eva neu definieren. Wir können lernen, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, wir können lernen, auch mal schwach zu sein und Verantwortung abzugeben – aber deshalb, weil wir uns dafür ENTSCHEIDEN, und nicht, weil wir keine andere Wahl haben!

Wenn mir mit beiden – Lilith und Eva – vertraut sind, können wir ihre Qualitäten gezielt einsetzen, je nachdem, was wir gerade erreichen wollen. Klingt berechnend? Ein wenig durchtrieben? Gut so. Denn auch DAS steckt in uns und will gelebt werden.  

 

# 5 Auch Lilith ist verführerisch – sofern sie auf den richtigen Mann trifft

Die Frage, ob ausschließlich Eva die Qualitäten der Verführerin in sich trägt, blieb beim Workshop unbeantwortet. Daher habe ich in meinem Inneren nach einer persönlichen Antwort gesucht – und sie gefunden.

Auch Lilith kann, auf ihre wilde und unberechenbare Art, verführerisch sein – aber ihre Verführungskünste müssen auf den richtigen Mann treffen.

Männer, die nicht stark und reif genug sind, um die Widersprüche, die Launen und die immense Wandlungsfähigkeit einer Frau zu halten und auszuhalten, die all ihre Anteile lebt, werden sich verschreckt vom Acker machen, wenn Lilith ihre Zähne zeigt. Männer hingegen, die sich ECHTE Frauen mit Ecken und Kanten wünschen, die Lust auf Frauen haben, an denen sie ihre eigene Persönlichkeit schleifen können, auf Frauen, die ihnen immer wieder als Funke, als Ansporn, als Katalysator für Entwicklung dienen, ja, solche Männer … finden Lilith mit Sicherheit mehr als verführerisch.

Welcher Mann ist stark genug für sie? Die Verführungskünste der Lilith sind nichts für schwache (Tanz-)Partner.

Welcher Mann ist stark genug für sie? Die Verführungskünste der Lilith sind nichts für schwache (Tanz-)Partner.

 

# 6 Wir sind viel mehr als diese zwei

Eva und Lilith sind Gegenpole. Durch ihre Abstoßung und Anziehung kommt unsere Energie in Bewegung. Lassen wir aus der Widersprüchlichkeit der ungleichen Schwestern einen Tanz werden statt einen Kampf, so kommen beide ganz in ihre Kraft, und ihre Schwesternschaft wird für uns zu einer enormen Energiequelle. Aber es geschieht noch viel mehr:

Neue Schwestern gesellen sich hinzu!

Plötzlich entdecken wir noch ganz andere, völlig unbekannte Facetten unseres Frau- und Mensch-Seins. Das Leben wird praller, bunter, vielfältiger. Wir lassen uns nicht mehr festnageln – und nageln uns selbst nicht mehr fest – auf einen oder wenige Persönlichkeitsanteil(e). Wir sind viele, und wir sind immer wieder neu. Wer das nicht aushält, hat nichts verloren auf der Bühne des Lebens. Wem das zu intensiv ist, der bleibt besser auf den Zuschauerplätzen. Dort, wo es sicher ist. Und auf Dauer ziemlich langweilig.

Divider Gold

Vielleicht beschäftigen mich die Facetten des Frau-Seins im Moment deshalb so sehr, weil ich seit dem Tod meiner Mutter die jüngste Frau in meiner Familie bin – mit nicht mal 45!

Ich bin Mutter eines 15-jährigen Sohnes, Frau eines Mannes, der intensiv auf der Suche nach sich selbst ist, bin Tochter eines Vaters, der gerade den Verlust seiner Partnerin zu verkraften und sein Leben neu zu organisieren hat, Schwester eines älteren Bruders, bin Leitwölfin in der yogalounge, und begleite und inspiriere in meinen Workshops, Seminaren und Retreats unterschiedlichste Menschen und Gruppen.

Die Vielfalt meines Lebens bringt eine Vielfalt an Rollen mit sich, die ausgefüllt und bewusst gestaltet werden wollen. Auch die Übergänge von einer Rolle zur anderen fordern viel Bewusstheit und Achtsamkeit von mir.

Vielleicht geht es dir ähnlich: Mit jeder neuen Rolle und Facette gewinnt das Leben an Tiefe. Ein weiteres Mosaiksteinchen findet seinen Platz im großen Bild. Was mich dabei immer wieder begeistert, bereichert und inspiriert, sind vor allem die Begegnungen mit anderen Frauen. Wie unterschiedlich wir sind – und wie verbunden!

Lasst uns ALLES sein! Und lasst uns das Leben tanzen, statt zu kämpfen und auszubrennen. Es geht – da bin ich sicher.

Jene Frau wird schön, wild und weise, die bereit ist, den inneren Reichtum, den sie auf der langen Reise ihrer Persönlichkeitsentwicklung gewonnen hat und weiterhin gewinnt, großzügig mit anderen zu teilen und nicht aufhört, ihr Herz und ihren Geist ausweiten zu lassen, um mit ihrem ganzen Wesen dem Leben zu dienen.
~ Anna Gamma

Big, wild love

Laya

Titelfoto:  Lucas Lenzi on Unsplash
Foto Tanz:  Isaiah McClean on Unsplash

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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