Sei stolz auf das, was du nicht tust!

Mai 6, 2017

“I’m as proud of what we don’t do as I am of what we do. – Ich bin genauso stolz auf das, was wir nicht tun, wie auf das, was wir tun.“

Ich kann nicht behaupten, dass ich ein großer Fan von Steve Jobs, dem 2011 verstorbenen legendären Mitgründer und langjährigen CEO von Apple wäre. Aber dieses Zitat von ihm begleitet mich schon seit vielen Jahren.

Es kommt vor, dass Menschen mir sagen, wie sehr sie mich für das bewundern, was ich alles tue. Manche fragen mich auch, ob ich stolz auf das bin, was ich in den letzten Jahren aufgebaut und geschaffen habe.

Das bringt mich jedes Mal zum Lächeln. Denn wenn ich wirklich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass ich in letzter Zeit immer weniger tue und mich dafür immer mehr in der Kunst des Lassens übe.

Vielleicht ist es einfach ein Phänomen des Älterwerdens. Vielleicht bin ich auch nur ein wenig müde geworden.

Vor allem aber bin ich mittlerweile fast süchtig nach diesem einen Moment, nach diesem fast ekstatischen Augenblick, in dem ich etwas, was ich eben noch für absolut notwendig, unumgänglich und megawichtig gehalten habe, fallenlasse. Einfach so.

Und plötzlich entsteht Raum. Plötzlich überflutet mich Erleichterung. Ich bade in einem Gefühl köstlicher Freiheit.

Und es geht dabei kein bisschen um Verzicht. Nein – es geht um Gewinn! Es ist pure Freude! JOMO (the Joy Of Missing Out), löst nach und nach FOMO (the Fear Of Missing Out) ab.

Besides the art of getting things done,  there is the noble art of leaving things undone. The wisdom of life consists in the

Natürlich denke ich: Waaaas? So leicht geht das? Warum habe ich das dann nicht immer schon so gemacht, statt meine Tage mit Aktivitäten vollzupacken und hundert Projekte gleichzeitig zu verfolgen?

Aber ich weiß, dass ich es früher nicht gekonnt hätte, dass ich gefangen war in Scheindringlichkeiten und selbst auferlegten Verpflichtungen, in subtilen Mechanismen und uralten Gewohnheiten. Die Fähigkeit zur Freiheit muss reifen – so schaut’s aus.

Bei den Vorbereitungen für ein Meditations- und Achtsamkeitsseminar komme ich vom Hundertsten ins Tausendste, kann mich nicht zwischen sieben verschiedenen Arten von Bodyscan entscheiden, Dutzende Visualisierungsübungen und Meditationstechniken fallen mir ein, Zitate, die mich selbst so sehr berührt haben, dass ich sie unbedingt weitergeben will, Bücher, die ich unbedingt empfehlen möchte, fallen mir in die Hände, Weisheitsgeschichten, Mantren und Mudras schwirren durch meinen Kopf, mein Stresslevel steigt merklich … aber dann … lasse ich es einfach sein.

Weil mir zum Glück wieder einfällt, dass die Wirksamkeit von Meditation und Achtsamkeit gerade in deren Einfachheit liegt. Dass es um eine Seinsweise geht, und nicht darum, irgendeine raffinierte Technik möglichst effizient anzuwenden. Es geht nicht darum, viel zu tun. Eher im Gegenteil. Es geht ums Lassen.

Während eines Kurzurlaubs in Italien wollte ich mir endlich neue Stiefel kaufen. Stattdessen bin ich eine Stunde länger in der Sonne gesessen und habe nichts getan.

Zu meinem Geburtstag wollte ich eigentlich eine Menge Leute zu mir nachhause einladen und bekochen. Stattdessen habe ich einen kleinen Tisch in einem meiner Lieblingsrestaurants reserviert und dort mit drei Freundinnen, die mich schon seit Jahrzehnten durchs Leben begleiten, angestoßen.

Es gibt auch ein Zuviel des Guten. Wenn wir möglichst viel in unsere Tage hinein und möglichst viel aus unserem Leben herausquetschen wollen, dann wird es eng und flach, es wird zweidimensional, verliert an Tiefe und jener manchmal still poetischen, manchmal überwältigend ekstatischen Qualität, die es nur haben kann, wenn wir wählen.

Zeit zu haben, so bemerkte schon Robert Musil, bedeutet, nicht für alles Zeit zu haben. Dafür aber für das wenige, das wir für uns als wesentlich erkannt und wofür wir uns aus vollem Herzen entschieden haben.

Ja, ich könnte noch jene Ausbildung machen und dieses Video anschauen, ich könnte jenen Onlinekurs belegen und dieses Buch lesen, ich könnte auf jene Veranstaltung gehen und diesen Vortrag besuchen, ich könnte jenes Projekt starten und endlich Sanskrit lernen, ich könnte noch jene Übung in meine morgendliche Yogapraxis integrieren und jeden Abend noch dieses Mantra rezitieren.

Ich könnte aber auch einfach da sein.

Da sein für den Moment, in dem meine Füße am Morgen zum ersten Mal den Boden berühren.

Da sein für den Moment, in dem ich in der frühen Dämmerung meine Nase bei der Balkontür hinaushalte und von dem bezaubernden Konzert begrüßt werden, das die Vögel im Garten veranstalten.

Da sein für den Moment, in dem der erste Schluck Kaffee wohlig warm durch meine Kehle rinnt.

Da sein für den Moment, in dem ich meine Beinmuskulatur, meinen Herzschlag und meinen Atem spüre, während ich in die Arbeit radle.

Da sein für den Moment, in dem mein Computer hochfährt und meine Finger die Tastatur berühren.

Da sein für den Moment, in dem ein alter Freund mich anruft und mir von seinem Kummer erzählt.

Da sein für den Moment, in dem ich abends nachhause komme und von meinen Lieben begrüßt werde.

Da sein für den Moment, in dem ich vom Wachbewusstsein in den Schlaf gleite, in jene magische andere Wirklichkeit.

Eine meiner Lehrerinnen nannte das einmal „dem Leben zur Verfügung stehen.“ Sie war es auch, die mich unmissverständlich darauf hingewiesen hat, dass ich bei der Fülle an Rendezvous, die in meinem Kalender stehen, das ultimative Rendezvous verpassen würde: das mit mir selbst, mit der Schöpfung, mit dem puren Leben, mit dem Augenblick, mit Allemwasist.

Leben heißt wählen. Nur durch das Lassen bekommt das Tun wahren Wert. Und so entwickle ich von Tag zu Tag mehr JOMO – und bin wahrhaft stolz darauf.

Big wild love, Laya

Anregend wie der erste Schluck Kaffee. Wohltuend wie die Morgensonne. Nährend wie eine Umarmung.

Jeden Sonntagmorgen ein Goldstück in deinem Email-Postfach!

Heyho, das hat geklappt! Wir hören uns nächsten Sonntag. Bis dahin viel Freude!