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Ein Hoch auf die Unzufriedenheit! 

 März 2, 2021

"Wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte."

Und: 

"Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge."

Ja, eh. 

Ja, danke, Berthold Auerbach und Wilhelm Busch. 

Ihr müsst es ja wissen, ihr Meister der Kalendersprüche.

Aber nicht alles, was auf einem Kalenderblatt steht, ist wahr, ohne dass auch das Gegenteil zumindest ein bisschen wahr wäre.

Oder ohne dass es auch eine andere Wahrheit gäbe. 

Ich glaube, einer der größten Balance-Akte des Lebens besteht darin, gleichzeitig zufrieden und unzufrieden zu sein. In sich zu ruhen und unruhig zu sein. Diese Spannung auszuhalten. Der Ambivalenz Raum zu geben.

I am at one with my duality.
- G. K. Chesterton

Ich weiß, ich weiß, Thomas Edison muss ständig herhalten als Beispiel in meinem Blog (dabei war er nicht mal wirklich der Erfinder der Glühbirne ;-)). Aber: Wäre Edison nicht mit dem Licht von Öllampen & Co unzufrieden gewesen, hätte es den Komfort elektrischen Lichts wohl noch lange nicht gegeben. 

Und ja - durch die Erfindung des elektrischen Lichts ergaben sich wieder ganz andere Möglichkeiten, und neue Wünsche / Unzufriedenheiten entstanden - und so weiter und so fort. Das nennt man FORT-Schritt. 

Unzufriedenheit kann ein wunderbarer Motor und Antrieb für Veränderung und Entwicklung sein, wenn wir sie zu nutzen wissen.

Oft ist diese nagende Unzufriedenheit einfach unser Potenzial, das anklopft und sagt: Hey, sieh her! Hier bin ich und warte darauf, von dir entdeckt und genutzt zu werden!

Oft ist es unsere Berufung, unsere Seelenaufgabe, die sich in Form einer vagen Unzufriedenheit äußert und uns wachrütteln will: Hey du, ich habe ein freieres, größeres, erfüllteres Leben für dich geplant als das, das du im Moment lebst!

Uns angesichts dieser Botschaften mit erhobenem Zeigefinger und moralinsauren Kalendersprüchen Zufriedenheit abringen zu wollen, erstickt diese inneren Stimmen der Wahrhaftigkeit.

Würden wir einem Schmetterling, der, seinem ureigensten Entwicklungsplan folgend, von innen gegen die Wände seines längst zu eng gewordenen Kokons stößt, vorwerfen, dass er vom Fliegen über eine bunte Blumenwiese träumt - wo doch das Leben als Raupe auch ganz okay war? 

Ich glaube nicht. 

Deine Sehnsucht nach mir ist meine Nachricht an dich.
Alle deine Bemühungen, mich zu erreichen, sind in Wahrheit meine Bemühungen, dich zu erreichen. ~ Rumi


Zufriedenheit oder Mangel-Denken?

Manchmal entspringt die Idee, wir sollten doch bitte zufrieden sein mit dem, was wir haben, reinem Mangeldenken. 

Mir ging es jahrelang so:

Immer wenn ich mehr vom Leben wollte, zum Beispiel  berufliche Verwirklichung - ja, auch als Single Mom mit einem noch jungen Kind -, noch eine Ausbildung und dann noch eine, eine wunderbare Beziehung zu meinem Mann UND tiefe Freundschaften mit anderen Männern, ein Zimmer ganz für mich allein, ... tauchte da diese Stimme in mir auf, die sagte: 

Was denn NOCH alles? Ist es nicht längst genug? 

Oberflächlich betrachtet war das die Stimme der Vernunft, der Bescheidenheit (bääääh!) und des MASSHALTENS.

Wenn ich aber tiefer blickte, erkannte ich, dass sich hinter dieser Stimme etwas anderes verbarg. 

Zum Beispiel eine falsch verstandene Loyalität mit meinen Ahninnen, mit den Frauen in meiner Familie, die vor mir über diese Erde gewandelt waren. Sie alle hatten weit weniger Möglichkeiten als ich im Leben. Und ein Stück weit fühlte es sich wie ein Verrat an ihnen an, mehr zu wollen, als ihnen je möglich war.

Oder auch die Angst, mich von meinem "Rudel" zu entfernen. Wenn alle anderen mit einem konventionellen Leben - mit MITTELMASS - zufrieden sind, warum sollte ausgerechnet ICH etwas anderes wollen? 

Vielleicht auch die Stimme der Geschichte, die wir mit der Muttermilch aufgesogen haben - die von Eva, die nach dem verbotenen Apfel griff.

Bäääm! Raus aus dem Paradies, wenn du die süßen Früchte willst und auf Verbote pfeifst.


Unzufriedenheit oder Genörgel?

Vor vielen, vielen Jahren war ich mit einem befreundeten Paar und deren süßer Tochter auf Urlaub. Mein damals noch kleines Söhnchen war natürlich auch dabei. 

Es war Sommer. Wir waren in Kärnten. Es gab einen See. UND es gab Kinderbetreuung im Hotel.

Kurz: Wir waren im Himmel gelandet.

Während ich mein Glück kaum fassen konnte, schien es die Lieblings-Urlaubsbeschäftigung meiner Reisepartner zu sein, möglichst alles zu bemerken, was nicht hundertprozentig perfekt war. Das Salatbuffet war nicht üppig genug, in der Kinderspielecke fehlten die grünen Bauklötze und die Ponys, auf denen die lieben Kleinen reiten durften, waren nicht sauber genug gestriegelt. 

DAS ist nicht die Unzufriedenheit, die ich meine. 

Es macht einen Unterschied, ob wir das hundertste Paar Schuhe haben wollen, weil wir mit den 99, die wir schon besitzen, nicht zufrieden sind - oder ob wir spüren, dass das Leben, das wir führen, viel zu klein ist für die Unendlichkeit unserer Seele. 

Es macht einen Unterschied, ob wir an unserem Leben, unserem Partner, unserer Arbeit herumnörgeln, weil all das nun mal nicht hundertprozentig perfekt ist - oder ob wir eine innere Unruhe verspüren, weil das Leben, das wir führen, nicht mit unserem wahren Wesen zusammenpasst. 

Es macht einen Unterschied, ob wir uns mit kleinen Wünschen ablenken, oder unseren großen Träumen folgen.  

“Have few desires but have great ones.” ~ Buddha

 

Zufriedenheit ist etwas für Augenblicke

Es gibt sie, diese wunderbaren Momente - und ich lasse mich in sie hineinfallen. Die Momente, in denen ALLES stimmt. In denen ich spüre: Ja, das ist mein Leben. Und es hat genau die richtige Größe für mich. Ich habe viel erlebt und viel erreicht. Ich bin auf einem Hochplateau angelangt.

Aber dieses Gefühl ist etwas für Augenblicke (frei nach Christine Nöstlinger, die so treffend bemerkte, Glück sei "etwas für Augenblicke"). 

Verweilen ist schön. Genießen, Ernten und Auftanken auch. 

Aber mit jedem Gipfel, den wir erklimmen, eröffnen sich Ausblicke auf andere Gipfel, die zuvor für uns nicht sichtbar waren. 

Kalenderblattdichter nennen das "Wünsche, die Junge bekommen". 

Echte Poeten nennen es Himmelszelt. 

"Nur der Himmel, Geliebte, ist groß genug um dein Zelt zu sein." ~ R.G. Binding

VERWEILEN IST SCHÖN. GENIESSEN, ERNTEN UND AUFTANKEN AUCH. 

ABER MIT JEDEM GIPFEL, DEN WIR ERKLIMMEN, ERÖFFNEN SICH AUSBLICKE AUF ANDERE GIPFEL, DIE ZUVOR FÜR UNS NICHT SICHTBAR WAREN.


Wohin mit der Unruhe? 

Unruhe und Unzufriedenheit sind angestaute Energie, die bewegt werden will. 

Was also tun, wenn wir unzufrieden sind - nicht unbedingt mit etwas Konkretem, sondern "mit der Gesamtsituation?"

Erstmal können wir in Bewegung kommen - ganz körperlich. Um die Spannung zu lösen, die Energie ins Fließen zu bringen. Dann kommen wir auch wieder auf neue Ideen. 

Aber auch wenn wir uns hinsetzen und schreiben, kommt die Energie in Bewegung. Also nimm Papier und Stift zur Hand und stell dir die folgenden Fragen: 

  • Was konkret macht mich unzufrieden? 
  • Was müsste sich konkret verändern, damit ich zufriedener bin? 
  • Was will ich nicht mehr - und was will ich stattdessen?
  • Da ich selbst hier die Lösung bin - wie könnte diese Lösung aussehen?

Und dann verwandle die Anspannung der Unzufriedenheit in konkretes Tun. Mach einen Schritt.

Einen Schritt, der dein Leben um ein winziges Stück weiter, größer und freier macht. 


Dankbar und unzufrieden

Zurück zum Balance-Akt.

Die schönste Art, die Balance zwischen Verweilen und innerer Unruhe zu finden, ist für mich meine tägliche Dankbarkeits-Praxis. Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und eine der besterforschten Methoden, um der "hedonistischen Tretmühle" zu entkommen. 

Darunter versteht man die Tatsache, dass die Erfüllung unserer Wünsche uns nur für kurze Zeit glücklicher macht - ehe wir wieder auf dem für uns "normalen" Glücks-Niveau landen. 

Wenn wir aber Dankbarkeit praktizieren - für das, was schon da ist -, pendeln wir uns auf einem höheren Glücks-Level ein, ohne ständig neue Reize zu brauchen, die uns glücklich(er) machen. 

Also beginne ich den Tag in Dankbarkeit - und so beende ich in auch. 

Dazwischen bin ich herrlich unzufrieden. 

Und verweigere mich der Idee, dass irgendetwas anderes als der Himmel groß genug sei, um mein Zelt zu sein.

****

Wie findest DU die Balance zwischen Zufriedenheit und "Mehr vom Leben wollen?" 

Woran erkennst DU den Unterschied zwischen Genörgel und berechtigter Unzufriedenheit? 

Schreib in die Kommentare - ich freue mich darauf, von dir zu lesen! 

Buchtipps und Ressourcen:

  • Ts – das entspricht ziemlich dem, was sich heute früh auf meinen Morgenseiten entfaltet hat… es gibt ja keine Zufälle (und wenn, dann hat etwas sie in bester Absicht herbeigeführt 😉) Dankbarkeit als Klammer gefällt mir – und sie stellt sich mir auch leicht ein, nachdem ich mich meinen rumorenden Unzufriedenheiten liebevoll zugewandt und sie gefragt habe, was sie denn brauchen. Bedürfnisse sind ja wie Kinder: sie wollen ernst genommen und gesehen werden – geschieht das nicht, machen sie Krawall; dann wird aus Unzufriedenheit schlimmstenfalls ein Magengeschwür. Also lieber hingucken als weg-kalendersprechen. Dankbarkeit für Unzufriedenheit ❤

  • Eine interessante Frage, wie finde ich die Balance zwischen Zufriedenheit und mehr wollen? Das ist sehr tagesabhängig.
    Jetzt lümmel ich auf der Couch, lese dein Goldstück, freu mich über meine 5(!!!) Notizbücher, die ich mir gestern für alle möglichen Zwecke gekauft habe, hab das Buch „Die Seelenfeder“ da liegen um weiter zu lesen, die Sonne scheint beim Fenster herein und ich bin vollkommen zufrieden.
    An anderen Tagen macht mich genau dieses Nichts-tun ganz unrund, bizelig (kennt noch jemand diesen Ausdruck?) und unzufrieden.
    Ich hab keine Ahnung warum das so ist.
    Aber die Idee genau dann körperlich in Bewegung zu kommen, fühlt sich gut und richtig an, das werde ich das nächste Mal machen und gleich mein Notizbuch zum Spaziergang mitnehmen und meine Gedanken aufschreiben.

    • Jaaaa, liebe Petra, „bizelig“ kenne ich nur also gut! Ich glaube, das sind einfach die Wellen und Rhythmen des Lebens… manchmal ist Nichtstun super, manchmal zum Aus-der-Haut-fahren. Also go with the flow und lass die Bizeligkeit sich bewegen 🙂 Alles Liebe, Laya

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