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Ich bin nicht verantwortlich für DEINE Gefühle 

 Feber 2, 2021

Ein solcher Schmerz. 

So tief. 

Ich wünschte, ich hätte nichts gesagt. 

Ich wünschte, ich hätte diese Botschaft nicht überbringen müssen. 

Nach all dem Leid. Nach all den Jahren. Nach all den Kränkungen des Krankseins jetzt auch noch DAS. 

Meine Mutter will auf der Palliativ-Station sterben. Dort fühlt sie sich sicher. Dort, denkt sie, fällt sie ihren Kindern und ihrem Mann weniger zur Last. Dort kann sie sich fallenlassen in ihren Abschied von dieser Erde. 

Aber sie kann dort nicht bleiben, nicht länger als zwei Wochen. So will es die Krankenhaus-Ordnung. So will es die Vorschrift. Und der Tod weigert sich partout, sich an diese Vorschrift zu halten.  

Und ich, ihre Tochter?

Ich versuche, ihr diese bittere Wahrheit schonend beizubringen. Schonend, aber ehrlich. Was bleibt mir anderes übrig, als ihr auch DAS noch zuzumuten, nach allem, was das Leben ihr bereits zugemutet hat in den vergangenen Jahren? 

Zugegeben, das ist ein krasses Beispiel - und zum Glück geraten wir nicht jeden Tag in Situationen wie diese. Aber: 

Wir geraten immer wieder in Situationen, in denen Menschen, die uns nahestehen, traurig sind. Oder verzweifelt. Oder enttäuscht. Oder wütend. 

Manchmal sogar in Situationen, die auf den ersten Blick so aussehen, als hätten WIR diese Gefühle ausgelöst - durch etwas, das wir getan oder gesagt haben.

Und es ist soooo schwierig, sich nicht dafür verantwortlich zu fühlen, oder gar schuldig.

Es ist sooo schwierig, die Gefühle der anderen einfach die Gefühle der anderen sein zu lassen.

Es ist sooo schwierig, nicht zu beschwichtigen und nicht zu trösten; nicht in die Defensive zu gehen und nicht davonzulaufen; nicht gleich "Sieh doch das Positive daran" zu sagen und auch nicht "Kopf hoch, das wird schon wieder". Nicht krampfhaft IRGENDETWAS zu tun, nur damit das unangenehme Gefühl, das die Gefühle anderer in uns auslösen,  möglichst schnell wieder verschwindet.  


Warum du NIEMALS Gefühle beim anderen auslöst

Achtung, triviales Beispiel aus dem Hause Commenda:

Herr Sohn lässt notorisch sein schmutziges Geschirr stehen, statt es in den Geschirrspüler zu räumen. 

Meinen Liebsten macht das WAHNSINNIG. Mich hingegen lässt es völlig kalt. 

{Das ist natürlich gelogen. Aber mehr als ein kleines Seufzen und einen Hauch von Ärger, der nach zwei Millisekunden wieder verflogen ist, löst das schmutzige Geschirr tatsächlich nicht in mir aus.}

Was ich damit sagen will: 

Ein und dasselbe Verhalten bringt in verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Gefühle hervor - je nachdem, welche Bedeutung diese Menschen diesem Verhalten geben. 

Mein Liebster denkt: "Herr Bonus-Sohn sch**ßt einfach auf alles und erwartet, dass andere ihm seinen Kram hinterherräumen. Sowas von respektlos!"

Ich denke: "Herr Sohn hat bald Matura und ist mit seinem Kopf ganz woanders. Nervig, aber kein Drama."

{Mein ursprünglicher Gedanke war das nicht - der ähnelte eher dem meines Liebsten. Diesen hier habe ich bewusst gewählt, um mich so zu fühlen, wie ich mich fühlen möchte. Und keine Sorge: Natürlich toleriere ich das Verhalten meines Sohnes nicht einfach so. Natürlich ziehe ich Konsequenzen. Aber nicht aus einer Energie des Ärgers und der Verurteilung heraus.}

An dieser Stelle könnten wir die Geschichte wunderbar weiterspinnen. Ich könnte mich für die Wut meines Liebsten verantwortlich fühlen; ich könnte versuchen, ihn zu beschwichtigen oder bei ihm um Verständnis für Herrn Sohn und seinen Hang zum Küchenchaos zu werben. Mein Liebster wiederum könnte sich schlecht fühlen, weil ich mich wegen seiner Wut schlecht fühle - und so weiter und so fort, bis sich wegen ein paar schmutziger Teller alle schlecht fühlen außer Herrn Sohn, der gegen so etwas grundsätzlich immun ist. 

Also hören wir lieber auf damit. Einigen wir uns darauf, dass niemals die Umstände selbst Gefühle auslösen, sondern immer nur die Art und Weise, wie wir über diese Umstände denken. Punkt.  

EINIGEN WIR UNS DARAUF, DASS NIEMALS die UMSTÄNDE SELBST GEFÜHLE IN UNS AUSLÖSEN, SONDERN IMMER NUR DIE ART UND WEISE, WIE WIR ÜBER DIESE UMSTÄNDE DENKEN.


Oder doch nur Strichpunkt? Gibt es da nicht doch ein paar Wenns und ein paar Abers? 

Vielleicht. 

# 1 Werden wir dann nicht völlig gleichgültig anderen gegenüber? 

Nein. 

Es ist ganz natürlich, dass wir mitFÜHLEN. Wir spüren die Wut, den Schmerz, die Traurigkeit anderer Menschen, fast so, als wären diese Gefühle unsere eigenen. Du weißt schon, die Sache mit den Spiegelneuronen! (Bei hochsensiblen Menschen ist dieser Mechanismus übrigens besonders ausgeprägt.)

Aber es ist ein großer Unterschied, ob wir mitFÜHLEN oder mitLEIDEN. 

Ob wir die Gefühle anderer spüren, oder uns dafür verantwortlich fühlen. 

Ob wir sie möglichst schnell wegmachen wollen, oder sie HALTEN können - halten und aushalten.

DAS ist echtes Mitgefühl: Da sein und da bleiben, in voller Präsenz. Dann, wenn die Tränen fließen und das Schluchzen kein Ende nehmen mag. Dann, wenn der Schmerz auch ins eigene Herz sticht. Dann, wenn  wir uns unendlich hilflos fühlen, weil wir die Menschen, die wir lieben, nun mal nicht bewahren können vor den dunkelsten Stunden des Lebens.  

Wir können mitfühlen und empathisch sein. Gleichzeitig können wir uns bewusst machen: Du bist du und ich bin ich, und zwischen uns gibt es eine Grenze. 

„Ich mache mein Ding und du machst dein Ding. Ich bin nicht in dieser Welt, um deine Erwartungen zu erfüllen, und du bist nicht in dieser Welt, um meine zu erfüllen. Du bist du und ich bin ich und wenn wir uns treffen, ist es wunderschön. Wenn nicht, gibt es nichts zu tun“
~  Fritz Perls

# 2 Sollten wir andere nicht aufheitern, wenn es ihnen schlecht geht? 

Das kommt ganz darauf an. 

Es kann etwas fast Gewalttätiges an sich haben, wenn wir andere aufzuheitern versuchen, wann immer sie traurig oder verzweifelt sind, nur weil es UNS so unangenehm ist, diese Gefühle miterleben zu müssen - Stichwort toxische Positivität

Ich denke aber auch, dass wir andere dabei unterstützen können, aus der Traurigkeit oder der Verzagtheit herauszufinden, wenn sie sich darin verstrickt haben. Und das geht am besten, wenn wir uns erstens nicht für diese Gefühle verantwortlich fühlen, und uns zweitens bewusst machen, dass es das Leben reich und tief macht, wenn ALLES da sein und gefühlt werden darf, das Dunkle und das Helle, das Leichte und das Schwere, das Freudvolle und das Bittere.  

Wir müssen niemanden retten - aber wir können Unterstützung anbieten. Wir können helfen, Gefühle auszudrücken, zu verarbeiten und auch wieder loszulassen und neue Perspektiven zu finden.

Dann, wenn wir die Kapazität und den Raum dafür haben.

Genauso dürfen wir uns aber auch zurückziehen und das Feld verlassen, wenn wir im Moment nicht die Stabilität und den Überfluss haben, um andere zu unterstützen, ohne selbst im Gefühls-Wirrwarr unterzugehen. Ganz im Sinne von: 

Zuallererst übernehme ich Verantwortung für MICH, MEINE Gefühle, und MEIN Wohlergehen! 

{Kleine Kinder nehmen hier eine Sonderstellung ein. Nicht, dass wir für ihre Gefühle verantwortlich wären. Aber unter Umständen sind wir dafür verantwortlich, mit ihnen da durch zu gehen und den Raum für sie zu halten. Oder zumindest dafür zu sorgen, dass jemand anderer mit ihnen da durch geht, falls wir selbst gerade nicht in der Lage dazu sind.}

WIR MÜSSEN NIEMANDEN RETTEN - ABER WIR KÖNNEN UNTERSTÜTZUNG ANBIETEN. GENAUSO DÜRFEN WIR UNS ABER AUCH ZURÜCKZIEHEN UND DAS FELD VERLASSEN.


# 3 Und was ist, wenn jemand mit seinem Verhalten anderen WIRKLICH schadet? 

Das ist eine schwierige Frage. 

Angenommen, dir schlägt jemand mit der Faust mitten ins Gesicht. Du kannst es nicht glauben, fühlst dich wütend, traurig, hilflos, verletzt ... ist dieser Jemand dann WIRKLICH nicht für diese Gefühle verantwortlich? 

Ich weiß es nicht. Aber ich glaube fest daran, dass wir sogar in Situationen wie diesen noch ein letztes Fitzelchen Wahlfreiheit haben! 

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. 
 In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
~ Viktor Frankl

*****

Wie schaffst DU es, die Gefühle anderer Menschen bei ihnen zu lassen und dich nicht dafür verantwortlich zu fühlen? Poste in die Kommentare - ich freue mich über Anregungen, Geschichten und Inspirationen von dir!

"FREI UND

VERBUNDEN."

In meinen Ehering sind drei Worte eingraviert: "Frei und verbunden."

Diese Worte klingen schön, aber es sind einfach nur Worte. 

Wie wir diese Worte mit Leben erfüllen können, was das im Alltag wirklich bedeutet, frei UND verbunden zu sein, das finden mein Liebster und ich immer wieder neu heraus. 

Und ich bin absolut überzeugt davon, dass echte Verbundenheit nur möglich ist, wenn wir uns aus der Verantwortung lösen, die wir meinen für die Gefühle des anderen übernehmen zu müssen! 

Buchtipps und Ressourcen:

  • Es bringt man wirklich zum denken. Als Mutter und Erzieherin von Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, wie kann man besser begleiten und sich nicht besonders verantwortlich zu fühlen? Nicht leicht…

    • Ich kann mir vorstellen, dass das ein Balanceakt ist, liebe Alex! Und ich bin sicher, du machst das ganz wunderbar ❤️

  • Liebe Laya! Vielen Dank für Dein Goldstück. Hat mir heute geholfen eine Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen. Danke Dir dafür😘🙏💫

  • Liebe Laya,
    dein Goldstück bringt wunderbar auf den Punkt, was mich zur Zeit sehr umtreibt. Einer meiner stärksten Glaubenssätze ist tatsächlich „Ich bin dafür verantwortlich, wie es dir geht“. Ich übe, hinzuspüren und zu beobachten, wenn ich die Probleme meiner liebsten wälze. Noch kann ich mich nicht davon befreien, aber es zu merken, ist ein wichtiger Schritt.
    Ich versuche, mit positiven Affirmationen zu arbeiten und mich meinem inneren Kind zuzuwenden. Am stärksten wirken dabei zur Zeit die Sätze „Es darf mir gut gehen“ und „Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben“.
    Mein Liebster und ich üben, indem wir möglichst offen kommunizieren: Wie geht es mir gerade? Was beschäftigt mich? Das erlebe ich als unheimlich entlastend, weil ich es mir dadurch erlauben kann, meine Antennen ein wenig einzufahren. Gleichzeitig hilft es uns, Wünsche zu äußern, die keine Erwartungen sind und dem anderen Freiheit lassen.
    Es ist ein langer Weg, den ich mit professioneller Begleitung gehen darf, wofür ich sehr dankbar bin.
    Herzlichen Dank für deine wertvollen, auf den Punkt gebrachten Impulse und inspirierenden Zitate, deine Arbeit ist ein ganz großer Schatz! 🙂

    • Vielen, vielen Dank, liebe Bianca! 🙏❤️
      Ich finde auch: Überhaupt zu bemerken, welche Sätze sich da in unseren Gehirnen tummeln, und uns bewusst zu machen, dass Sätze einfach nur Sätze sind und keinen Wahrheitsgehalt haben, ist der wichtigste Schritt!

      Schön, dass du wirksame Affirmation für dich gefunden hast, dass du einen Partner hast, mit dem du üben und praktizieren kannst, und dass du in Begleitung investiert. Du bist wunderbar auf dem Weg, das spürt man/frau ganz deutlich!
      Herzensgrüße, Laya

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